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Die Alterslawine rollt: Augenleiden und Erblindung in Deutschland

20.09.2006
Im Jahr 2030 wird es in Deutschland ein Drittel mehr blinde Menschen und hochgradig Sehbehinderte geben als heute. Darum steht das Thema "Ophthalmologie in der alternden Gesellschaft - Herausforderung und Chance" im Mittelpunkt der 104. Jahrestagung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), die vom 21.-24. September in Berlin stattfindet.

"Wir Menschen sind Augentiere", sagt Prof. Dr. Norbert Pfeiffer von der Universitäts-Augenklinik in Mainz. Das zeige unser Verhalten sowie die Art, wie wir uns orientieren, so der Präsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft weiter. Die meiste Information über unsere Umwelt erhalten wir durch Sehen: Autofahren, Zeitung lesen Bankauszüge kontrollieren.

Die Leistungsfähigkeit des menschlichen Auges ist beträchtlich: Es kann 120 Megapixel (Lichtpunkte) verarbeiten, während eine Kamera gerade einmal 10 schafft. Das Auge funktioniert bei extremer Helligkeit und selbst in dunkler Nacht kann es noch einige Informationen liefern. 40 Prozent aller Nervenfasern, die dem Gehirn Input liefern, transportieren visuelle Informationen und gut ein Drittel des menschlichen Denkorgans ist mit der Verarbeitung dieser Datenflut beschäftigt.

"Wir sehen allerdings richtig gut nur ein Steinzeitleben lang", sagt Pfeiffer, "nicht mehr ein modernes Leben lang." Viele Erkrankungen der Augen treten erst ab einem bestimmten Alter auf, steigen dann aber expotentiell an. Dazu gehören etwa degenerative Netzhauterkrankungen wie die Makuladegeneration, das Glaukom ("grüner Star") und Linsentrübungen ("Katarakt" oder "grauer Star"). Mit diesen Erkrankungen ist großes individuelles Leid verbunden und ein massiver Verlust an Lebensqualität. Hinzu kommen die volkswirtschaftlichen Kosten.

"Die demographische Entwicklung in Deutschland und Europa lässt diese altersabhängigen Augenerkrankungen unausweichlich steigen", erklärt Pfeiffer. Darum lautet das Thema der 104. Tagung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft: "Augenheilkunde für die alternde Gesellschaft - Herausforderungen und Chance".

Der Wert der Sehkraft. Wie wichtig Menschen der Erhalt bzw. die Wiedergewinnung ihrer Sehkraft ist, zeigt eine Untersuchung von Professor Norbert Pfeiffer und Dr. Christiane Knauer, die auf der Tagung vorgestellt wird. Um die Bedeutung einer Fähigkeit oder eines Zustandes für einen Menschen zu quantifizieren und damit vergleichbar zu machen, kann man Patienten fragen, wie viel Prozent ihrer verbleibenden Lebenszeit sie opfern würden, um bis an ihr Lebensende von einem Leiden frei zu sein ("Nutzwertbestimmung").

Patienten, die gerade noch bzw. die gerade kein Auto mehr fahren können (Visus 0,6-0,5) würden 19 Prozent ihrer restlichen Lebenszeit gegen eine volle Sehkraft eintauschen. Patienten mit altersbedingter Makuladegeneration (AMD) und einem Visus von 0,1-0,05, die also hochgradig sehbehindert sind, würden die Hälfte ihrer restlichen Lebenszeit opfern. Ihr Nutzwert ist vergleichbar mit dem von Schlaganfallpatienten, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Patienten, die nur noch ihre Finger zählen und Licht wahrnehmen können, würden 60 Prozent Ihrer verbleibenden Lebensjahre opfern, wenn sie wieder sehen könnten. Vergleichbare Werte findet man bei Patienten mit Aids und schwerem Schlaganfall, die zum Pflegefall wurden.

Eingeschränkte Lebensqualität. Eine weitere Studie in 4 EU-Ländern und Kanada, die ebenfalls auf der Berliner Tagung der Augenärzte präsentiert wird, belegt, dass AMD-Patienten eine wesentlich schlechtere Lebensqualität haben als vergleichbare Kontrollpersonen. Dabei ist nicht nur die Sehfunktion deutlich schlechter. AMD-Patienten klagen auch häufiger über Angst- und Depressionssymptome, ihre allgemeine Lebensqualität ist im Vergleich zu anderen Menschen reduziert, Stürze sind häufiger.

Kosten. Eine deutsch-dänische Forschergruppe hat in mehreren EU-Staaten untersucht, welche Kosten Glaukomerkrankungen verursachen. Resultat: Für Untersuchung und Behandlungen müssen jährlich 578 Euro, für Medikamente weitere 432 Euro aufgewendet werden. Für die erforderliche häusliche Hilfe kommen 542 Euro hinzu .

Die Zahl der Blinden und Sehbehinderten wird zunehmen. "Die demographische Entwicklung wird diesen Problemen zusätzliche Wucht verleihen", prophezeit Pfeiffer. Im Jahr 2030 werde es in Deutschland ein Drittel mehr blinde Menschen und hochgradig Sehbehinderte geben als heute, mindestens 200.000. Das zeigen aktuelle Berechnungen von Christine Knauer und Norbert Pfeiffer, die ebenfalls auf der Tagung präsentiert werden. Die Prognose belegt außerdem, dass die Zahl der Neuerblindungen bis zum Jahr 2030 um 60 Prozent steigen wird. Vor allem gelte es, so die Experten, die Definitionen von "sehbehindert" und "blind" hierzulande den internationalen Standards anzupassen. In Deutschland werden viele Menschen als "sehbehindert" bzw. "hochgradig sehbehindert" eingestuft, die nach den Einteilungen der WHO und anderer Länder als "blind" bezeichnet werden.

"Die aus der demografischen Entwicklung resultierenden medizinischen Probleme müssen wir angehen", fordert Pfeiffer. Es gelte, Altern und Alterungsprozesse besser zu verstehen. Pfeiffer: "Geschieht nichts, wird jeder dritte Bürger im Alter an einer Makuladegeneration leiden."

Dies erkennen Experten weltweit. Die US-amerikanische Vereinigung der Augenärzte (AVRO) widmet ihren Kongress im nächsten Jahr dem alternden Auge.

Früherkennung und Prävention. Der Präsident der DOG sieht die Notwendigkeit, dass an verschiedenen Stellschrauben gleichzeitig gedreht wird: "Vor allem muss die Früherkennung verbessert werden", lautet seine Forderung. "Das Glaukom ist die zweithäufigste Erblindungsursache, doch die Hälfte aller Betroffenen weiß es nicht, da die Anfänge der Erkrankung unbemerkt verlaufen", warnt Pfeiffer. Dabei können diese bei einer einfachen Spiegelung des Augenhintergrundes diagnostiziert werden (siehe auch die aktuellen Empfehlungen der DOG für Patienten 08/2006). Auch der Augeninnendruck sollte nach dem 40. Lebensjahr kontrolliert werden, da ein erhöhter Druck das Glaukomrisiko erhöht. Auch der Prävention müsse mehr Beachtung geschenkt werden. Therapeutisch gibt es inzwischen neue und bessere Möglichkeiten, um zumindest das Fortschreiten vieler Augenleiden zu mildern.

Hoher Forschungsbedarf. Der Forschungsbedarf sei daher immens, so Pfeiffer. So haben die USA das Budget ihrer nationalen Gesundheitsinstitute NIH von 1998 bis 2003 verdoppelt. Das Budget der National Institutes of Health soll für das Jahr 2007 28,4 Milliarden Dollar betragen; auf das Budget des National Eye Institutes entfallen davon 661 Millionen Dollar (2,3 Prozent). Im Vergleich dazu gab die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Jahr 2005 in der Einzelförderung 522 Millionen Euro für die Lebenswissenschaften aus, davon entfielen etwa 2,4 Millionen Euro (0,46 Prozent) auf klinische und Grundlagenforschung in der Ophthalmologie.

Podiumsdiskussion. Darum wollen die Augenärzte auf ihrer Tagung auf die Bedeutung hinweisen, die Forschungsnotwendigkeit darstellen und die entsprechenden Ressourcen einfordern. Dazu dient u.a. eine forschungspolitische Podiumsdiskussion im Rahmen der Kongresseröffnung: "Forschung und Lehre in Zeiten knapper Kassen" am Donnerstag, den 21.09.2006 um 16.30 Uhr. Moderiert von Gundula Gause (ZDF heute-journal) diskutieren Prof. Dr. Jürgen Zöllner, Wissenschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Mainz, Dr. Frank Ulrich Montgomery, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes, Hamburg, Rainer Brüderle, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, Berlin, Rüdiger Strehl, Vorsitzender des Verbandes der Universitätskliniken Deutschlands, Tübingen, Prof. Dr. Eberhart Zrenner, Mitglied des Wissenschaftsrates, Tübingen und Prof. Dr. Norbert Pfeiffer.

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Augenheilkunde in Deutschland. Ihr Ziel ist die Förderung der Ophthalmologie vor allem in den Bereichen Forschung und Wissenschaft. Zu diesem Zweck initiiert und unterstützt die Gesellschaft u.a. Forschungsvorhaben und wissenschaftliche Studien, veranstaltet Kongresse und Symposien, gibt wissenschaftliche Fachzeitschriften heraus und gewährt Stipendien vornehmlich für junge Forscher. Mit über 5.000 Mitgliedern zählt sie zu den bedeutenden medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland. Gegründet wurde die DOG 1857 in Heidelberg. Sie ist damit die älteste medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft der Welt.

Pressestelle 104. DOG-Tagung
Während der Tagung:
Maritim Kongresshotel, Berlin
Konferenz-Suite 4049
Stauffenbergstraße 26, 10785 Berlin
Tel.: 030-20652-4049
Nach der Tagung:
ProScience Communications GmbH
Barbara Ritzert
Andechser Weg 17, 82343 Pöcking
Fon: 08157 93 97-0, Fax: 08157 93 97-97
presse@dog.org

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org

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