Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Glomerulonephritis kann Nierenversagen verursachen - Genetische Ursache dieser Krankheit entdeckt

20.09.2006
Entzündliche Erkrankungen der Nieren, so genannte Glomerulonephritiden, gehören zu den häufigsten Ursachen von Nierenversagen und Dialysepflichtigkeit.
In der aktuellen Titelgeschichte von "Nature Medicine" berichtet ein internationales Forscherteam, dem auch Dr. Clemens Cohen und Matthias Kretzler von der Medizinischen Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München angehören, von einer neu entdeckten Ursache einer lebensbedrohlichen Form der Erkrankung. Die Forscher lösten die Erkrankung bei Mäusen aus, indem sie das "von Hippel-Lindau (VHL)"-Gen in bestimmten Nierenzellen ausschalteten. Dies führte zur Bildung von Proteinen, die sonst nicht in diesen Nierenzellen produziert werden. Wurde eines davon, CXCR4, durch Antikörper neutralisiert, verbesserten sich Krankheitsverlauf und Überlebensrate der Mäuse deutlich. Auch bei Menschen mit dieser gefährlichen Erkrankung fanden die Forscher entsprechend CXCR4 und andere dieser Eiweiße in der Niere. Wie wichtig diese Ergebnisse für ein besseres Verständnis dieser potentiell tödlichen Nierenerkrankung sowie der Entwicklung von neuen therapeutischen Ansätzen sind, stellt ein begleitender Kommentar in "Nature Medicine" heraus.

Die Nieren bilden den Harn und erfüllen damit wichtige Entgiftungsfunktionen. Jede Niere besteht aus einer Million einzelner Funktionseinheiten, die je ein Nierenkörperchen enthalten. Dieses Glomerulus bildet den Nierenfilter, durch den der Primärharn aus dem Blut gefiltert wird. Vereinfacht dargestellt, wird dieser Filter von zwei Zellarten gebildet: den Podozyten und den Endothelzellen. Bei einer Entzündung des Glomerulus, einer Glomerulonephritis, kommt es zum Funktionsverlust der Nierenfilter und folgendem Nierenversagen. Meist führen autoimmune Prozesse zu diesen Erkrankungen. Bislang wurde bei der schwersten Form dieser Erkrankungen, der rapid progressiven Glomerulonephritis (RPGN), eine Beteiligung von Antikörpern vermutet.

Dieser Ansatz kann aber nicht alle Patientenfälle erklären, so dass das Team um Susan Quaggin vom Mount Sinai Hospital in Toronto, Kanada, einen alternativen Mechanismus vermutete. Da Podozyten für die Funktion des Nierenfilters nötig sind, könnte ein Defekt in dieser Zellpopulation zur RPGN führen. Angriffspunkt der Studie war das "von Hippel-Lindau-Gen" oder VHL-Gen, da es in Podozyten eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Das VHL-Gen wurde von Quaggins Forschergruppe bei Mäusen spezifisch in Podozyten abgeschaltet. Daraufhin brach die RPGN bei allen Mäusen mit abgeschaltetem Gen aus - ohne dass Antikörper im Blut gefunden wurden. Charakteristisch für RPGN ist auch das Auftreten von halbmondförmigen Zellansammlungen im Glomerulus. Die Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass diese "Halbmonde" von Podozyten mit dem Gendefekt gebildet werden.

Ein Defekt im VHL-Gen führt zur Produktion mehrerer Proteine, die physiologisch bei Sauerstoffmangel gebildet werden. Eines davon ist CXCR4, das auch eine Rolle bei der Ausbreitung von Krebs- und Stammzellen spielt. Bindet der Faktor SDF1 an dieses Membranprotein, werden mehreren Signalwege aktiviert. Diese wiederum regulieren wichtige Prozesse wie etwa Vermehrung, Überleben und Wanderung verschiedener Zelltypen. Zur Überprüfung einer möglichen Beteiligung von CXCR4 an der Entwicklung von RPGN behandelten die Forscher die mutierten, aber noch nicht erkrankten Mäuse mit einem Antikörper, der CXCR4 blockierte. Daraufhin brach die Krankheit nicht nur später aus, sondern verlief auch milder. Während sonst alle erkrankten Mäuse an Nierenversagen starben, überlebten sämtliche mit Antikörpern behandelten Tiere. Diese und weiterführende Ergebnisse der Studie unterstützen das Modell, nach dem die erhöhte Produktion von CXCR4 zur Veränderung der Podozyten beiträgt, so dass diese sich vermehren und die "Halbmonde" im Glomerulus bilden. Interessant ist, dass die Münchner Wissenschaftler auch bei Patienten mit RPGN entsprechende "Genexpressionsprofile" in der Niere nachweisen konnten.

Publikationen:
"Loss of the tumor suppressor Vhlh leads to upregulation of Cxcr4 and rapidly progressive glomerulonephritis in mice", Mei Ding, Shiying Cui, Chengjin Li, Serge Jothy, Volker Haase, Brent M Steer, Philip A Marsden, Jeffrey Pippin, Stuart Shankland, Maria Pia Rastaldi, Clemens D Cohen, Matthias Kretzler & Susan E Quaggin, Nature Medicine, 2006

"Hypoxia pathway linked to kidney failure", Gregg L Semenza, Nature Medicine, 2006

Ansprechpartner:
Dr. Clemens D. Cohen
Medizinische Poliklinik
Klinikum der Universität - Innenstadt
Tel.: 089-2180-845
Fax: 089-2180-860
E-Mail: ccohen@med.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Berichte zu: Antikörper CXCR4 Glomerulonephritis Glomerulus Niere Nierenversagen RPGN

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten