Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bluttest hilft Diabetikern

18.09.2006
Ein paar Tropfen Blut sollen künftig verraten, ob Diabetiker ein erhöhtes Risiko tragen, an einem schweren Augenleiden zu erkranken: Mediziner der Universität Bonn haben einen Gentest zum Patent angemeldet, der besonders gefährdete Patienten identifiziert.

Bei vielen Diabetikern schädigt der schwankende Blutzuckerspiegel im Laufe der Jahrzehnte die Gefäße im Auge. Jedes Jahr erblinden rund 6.000 Patienten im Zuge dieser so genannten "Retinopathie". Das Netzhautleiden gilt auch als Warnsignal für Diabetes-bedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen - gefürchtete Spätfolge: Herzinfarkt.

Acht Millionen Menschen in Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Diabetes-Gesellschaft zuckerkrank. Binnen fünf Jahren entwickelt sich bei jedem vierten von ihnen eine Retinopathie. Meist verläuft die Krankheit mild und läßt sich gut behandeln. Wichtig ist vor allem, dass die Patienten ihren Blutzuckerspiegel durch eine passende Diät und Insulingaben möglichst konstant halten. Bei manchen Diabetikern verläuft das Augenleiden aber besonders aggressiv. "Das hängt sehr stark mit der genetisch verankerten Fähigkeit des Körpers zusammen, mit dem schwankenden Zuckerspiegel umzugehen", erklärt die Bonner Medizinerin Professor Dr. Olga Golubnitschaja.

Bei ihrem Test messen die Mediziner den Spiegel von sieben verschiedenen Proteinen im Blut. Sind die Werte charakteristisch erhöht, besteht ein gesteigertes Risiko, an dem Netzhautleiden zu erkranken. Das Verfahren ist inzwischen patentiert. "Wir suchen nun nach einer Firma, die den Test in Serie produziert", sagt die Medizinerin.

Stress vernichtet Gefäße

Schlüssel zum Verfahren ist das so genannte "Stressantwort-Proteom". Das ist das Arsenal von Proteinen, das der Körper jedes Menschen als Reaktion auf Stress jeglicher Art ausschüttet - also beispielsweise auf zuviel oder zuwenig Glucose im Blut. Bei Diabetes-Patienten bewirkt die Stressantwort einen Gefäßumbau: Bei Glucosemangel sterben "unterernährte" Zellen ab. Steigt der Blutzuckerspiegel dagegen wieder, sorgen Wachstumsfaktoren dafür, dass sich neue Gefäße bilden. Problem nur: Das geschieht nicht koordiniert - die alten Gefäße werden undicht, die neu gebildeten sind aber nicht funktionstüchtig. Daher kann eine ausgeprägte diabetische Retinopathie fatale Folgen haben.

"Es gibt Menschen, die Glucoseschwankungen nur sehr schlecht verkraften", erläutert Professor Golubnitschaja. "Bei den leisesten Abweichungen kommt bei ihnen der Gefäßumbau in Gang. Patienten, deren Körper toleranter reagiert, haben es besser: Bei ihnen ist die Gefahr deutlich geringer, an einer Retinopathie zu erkranken." Doch nicht nur das: Das Augenleiden gilt auch als Warnsignal für einen drohenden Infarkt. Denn wie die Adern im Auge kann die Zuckerkrankheit auch Herzgefäße angreifen.

"Das fatale daran: Oft merken die Betroffenen es gar nicht, wenn kleinere Herzgefäße verstopfen und degenerieren. Denn durch die Glucoseschwankungen gehen mit der Zeit auch Nervenzellen im Herzmuskel zu Grunde, so dass der Diabetiker gar keine Schmerzen in der Brust verspürt." Weiß man aufgrund des positiven Bluttests um die Gefahr, kann man Risikopatienten regelmäßig radiologisch auf Anzeichen eines "stillen Infarkts" untersuchen. Auch durch Medikamente, einen gut eingestellten Blutzuckerspiegel und eine gesunde Lebensführung lässt sich vorbeugen.

Stress als Schlüssel zu Krebs und Gefäßerkrankungen

Angefangen hat Professor Dr. Olga Golubnitschaja mit der Suche nach Blutproteinen, die auf eine erhöhte Anfälligkeit für Brustkrebs hindeuten. Auch auf diesem Gebiet hat sie schon eine Reihe vielversprechende Genkandidaten gefunden. "Einige der Proteine, die zur Brustkrebs-Entstehung beizutragen scheinen, sind auch bei Retinopathie-Patienten in ihrer Konzentration verändert", sagt sie. Der Schlüssel zu derart unterschiedlichen Krankheitsbildern sei die Art und Weise, wie der Organismus mit Stress umgeht. "Ob nach einem Alkoholrausch, einem Sonnenbrand oder einem besonders hektischen Tag: Unabhängig von der Art des Stresses ist es immer wieder das gleiche Basisarsenal von Proteinen, die der Körper als Reaktion hoch- oder runterreguliert."

Zu diesen Stressantwort-Faktoren zählen beispielsweise die Proteine, die bei Zuckermangel den Zelltod (die so genannte Apoptose) einleiten. Reagiert der Körper darauf mit einer wesentlich erhöhten Apoptoserate, so kommt es zur ausgeprägten Gewebedegeneration, wodurch die geschilderten Gefäßerkrankungen entstehen. Schaltet er sein "Zelltod-Programm" dagegen weniger effektiv an, können eventuell Zellen mit mutierter DNA überleben. Wahrscheinliche Folge: Krebs. Daher ist eine angemessene Apoptoserate ein wichtiger Schutzmechanismus vor sowohl kardiovaskulären als auch onkologischen Erkrankungen, betont Olga Golubnitschaja. Es sei höchst wahrscheinlich, dass eine ganze Reihe von Proteinen an beiden Prozessen beteiligt ist. "Wenn wir auf einen wichtigen Genkandidaten stoßen, der eine fehlerhafte Stressreaktion auslösen kann, testen wir daher, ob er eine Rolle sowohl bei kardiovaskulären als auch onkologischen Erkrankungen spielt und daher für molekulare Frühdiagnostik eingesetzt werden soll. Es wäre kurzsichtig, ja sogar fahrlässig, wenn man beide Forschungsrichtungen voneinander trennen würde."

Kontakt:
Professor Dr. Olga Golubnitschaja
Leiterin der Forschungseinheit "Molekulare/Experimentelle Radiologie"
Radiologische Klinik der Universität Bonn (Kliniksdirektor Prof. Dr. H. Schild)
Telefon: 0228/287-15982
E-Mail: olga.golubnitschaja@ukb.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Blutzuckerspiegel Diabetiker Gefäß Protein Retinopathie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Die bestmögliche Behandlung bei Hirntumor-Erkrankungen
28.03.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit