Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bonner Forscher lokalisieren Gen für manische Depression

17.01.2002


Gestern himmelhoch jauchzend, heute zu Tode betrübt: Manisch-Depressive leiden unter extremen Stimmungsschwankungen; viele Erkrankte nehmen sich während einer depressiven Phase das Leben. Einer interdisziplinären Arbeitsgruppe unter Führung des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn ist es gelungen, ein Gen zu lokalisieren, das die manisch-depressive Krankheit mit auslöst. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Zeitschrift "Human Molecular Genetics" veröffentlicht.

Charles Burgess Fry gilt als einer der größten Sportler, den England je hervorgebracht hat. Doch nebenbei war der Kapitän der englischen Kricketmannschaft, Fußball- und Rugbyspieler sowie Autor mehrerer Kricket-Bücher auch ein hervorragender Altphilologe, dessen Hobby es war, englische Hymnen ins Griechische zu übersetzen. Der gerngesehene Partygast und berüchtigte Lebemann lehnte 1919 die albanische Krone ab - angeblich, weil es für diese Position kein Gehalt gab. Doch bis zu seinem Tode im Jahr 1956 wechselten sich bei ihm Phasen ungewöhnlicher Hyperaktivität mit Episoden tiefer Niedergeschlagenheit ab: Fry zeigte viele Merkmale einer manisch-depressiven Erkrankung.

Etwa ein Prozent aller Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an dieser "bipolaren affektiven Störung" - und das in allen bislang untersuchten Kulturkreisen. Die Ursachen sind noch unbekannt; dementsprechend schwierig gestaltet sich die Behandlung. Viele Betroffene nehmen sich im Laufe der Erkrankung das Leben.

Inzwischen ist bekannt, dass genetische Faktoren zur Krankheit beitragen. Träger der entsprechenden Erbanlagen, haben Zwillingsstudien ergeben, erkranken mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 bis 80 Prozent. "Wir haben daher vor zwölf Jahren damit begonnen, nach den beteiligten Genen zu suchen", erklärt der Bonner Humangenetiker Professor Dr. Peter Propping. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus der Klinik für Psychiatrie und dem Institut für Biometrie sowie anderen Nervenkliniken haben sie insgesamt 75 Familien mit 445 Personen untersucht - 275 von ihnen waren manisch-depressiv. Die Sisyphus-Arbeit, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde, könnte Früchte tragen: "Die Entdeckung der beteiligten Gene kann zur Entwicklung neuer Behandlungsverfahren führen."

Nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms stehen die Genetiker vor einer ähnlichen Situation wie ein Linguist, der ein umfangreiches Werk aus einer völlig unbekannten Sprache ins Deutsche übersetzen soll: Sie müssen herausfinden, welchen Sinn die einzelnen Wörter im 23-bändigen Genom-Lexikon haben - dabei wissen sie noch nicht einmal, wo ein Wort anfängt oder endet. Erschwerend kommt noch hinzu, dass zwischen wichtigen Informationen ganz unvermittelt sinnloser Buchstabensalat auftauchen kann.

Jeder Mensch bekommt bei seiner Geburt zwei dieser "Genom-Lexika" mit - eines von der Mutter, das zweite vom Vater -, die er in jeder seiner Körperzellen mit sich herumträgt. Für alle vererbbaren Merkmale enthalten die Zellen also zwei genetische Informationen. Bei der Produktion der Ei- oder Samenzellen wirft der Körper die doppelt vorhandenen Informationen über Bord und mischt nach dem Zufallsprinzip aus dem mütterlichen und väterlichen Genom-Lexikon eine neue Enzyklopädie zusammen, in der die Hälfte der Einträge vom Vater, die andere Hälfte aber von der Mutter stammen. Benachbarte Einträge kommen dabei häufig vom selben Elternteil - eine Regel, die Genomforscher bei ihrer Suche nach den Erbanlagen ausnutzen.

Hat beispielsweise ein Kind das Gen für die Blutgruppe "A" von seinem Vater geerbt, stammen die Gene in der Nachbarschaft mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls vom Vater. Geschwister, die beide die Blutgruppe "A" haben, haben daher rund um das Blutgruppen-Gen häufig ebenfalls die gleiche genetische Information. Professor Propping und seine Mitarbeiter haben nun bei Geschwistern, die unter der manisch-depressiven Krankheit leiden, untersucht, an welchen Stellen sich auf ihren Chromosomen die Erbinformationen besonders stark ähneln. Dazu haben sie 400 kurze Genom-Abschnitte unter die Lupe genommen. Resultat: Einige dieser Abschnitte sind bei den kranken Geschwistern besonders häufig identisch - in ihrer Nähe könnte sich ein Gen befinden, das zum Ausbruch der Krankheit beiträgt.

Zwei Abschnitte - einer auf dem langen Arm von Chromosom 8, der zweite auf Chromosom 10 - scheinen dabei besonders heiße Anwärter zu sein. Beide bestehen aber noch aus vielen Millionen ?Buchstaben? und sind daher viel zu groß, als dass man sie direkt sequenzieren und die Sequenz von Kranken und Gesunden miteinander vergleichen könnte. "Als nächsten Schritt planen wir daher, uns mit anderen Methoden noch weiter an das mögliche Gen heranzutasten", erklärt Professor Propping und vergleicht sich mit dem Bewohner eines fremden Planeten, der versucht, mit dem Fernrohr auf der Erde die Stadt Bonn zu finden. "Inzwischen weiß er immerhin, dass er in Deutschland suchen muss - aber immer noch nicht, ob im Rheinland oder in der schwäbischen Alb."


Ansprechpartner für die Medien: Prof. Dr. Peter Propping, Institut für Humangenetik, Tel.: 0228/287-2346, Fax: 0228/287-2380, E-Mail: propping@uni-bonn.de

Dr. Andreas Archut | idw

Weitere Berichte zu: Blutgruppe Chromosom Erbanlage Gen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise