Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Schlacht im Mund

07.09.2006
Zahnmediziner der Uni Leipzig analysieren Aggressivität von Bakterien
In jedermanns Mund tobt eine Schlacht. Dutzende Arten von Bakterien, mitunter auch Viren und Pilze, kämpfen um optimale Lebensbedingungen. Zu den Opfern zählen aber nicht nur die jeweils gegnerischen Mikroorganismen, sondern auch die Zähne und das Zahnfleisch des Menschen. Deshalb wollen Zahnmediziner und Grundlagenforscher der Universität Leipzig genauer wissen, was während des Gemetzels passiert.

"Dass wir Bakterien im Munde haben, ist nicht krankhaft", erläutert Dr. Stefan Rupf, Oberarzt an der Poliklinik für konservierende Zahnheilkunde und Parodontologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. "Über die Normalbesiedelung mit Viren wissen wir bislang noch relativ wenig. Bekannt ist allerdings, dass Pilze problematisch sind. Bestimmte Bakterien hingegen, im Durchschnitt tummeln sich in der gesunden Mundflora 30 bis 50 Arten, brauchen wir sogar. Sie sind eine Art Schutztruppe gegen besonders aggressive Artgenossen sowie gegen Viren. Kritisch wird es erst, wenn viel mehr der rund 500 bekannten Bakterienarten über den Mund herfallen oder wenn einige dieser Arten die Oberhand gewinnen."

Nun sind die Schuldigen zwar längst ausgemacht. Für Karies beispielsweise sind vor allem die Mutans-Streptokokken verantwortlich. Doch jede Bakterienart gliedert sich in ganz verschiedene, unterschiedlich aggressive Stämme, die sich wiederum in Laufe der Zeit bis in die Genstruktur hinein verändern können. Bleibt also die Frage, wie man nicht nur die Anwesenheit bestimmter Bakterien registrieren, sondern so viel wie möglich über deren aktuelle Aggressivität erfahren kann. Hier machen sich die Zahnmediziner ein Analyse-Verfahren zunutze, welches das Biochemiker-Team um Prof. Dr. Klaus Eschrich, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Biochemie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, für die Feinanalyse von Bakterien-Unterarten eingesetzt hatte: MALDI-TOF (Matrix Assisted Laser Desorption/Ionisation Time of Flight) Massenspektrometrie. Bei diesem Verfahren werden die zu analysierenden Substanzen - in diesem Fall die Eiweißbestandteile der Bakterien - mittels Laserenergie ionisiert. Die Ionen werden dann innerhalb eines Vakuums durch ein elektrisches Feld beschleunigt. Da einige der winzigen Teilchen schneller unterwegs sind als andere, werden sie auf diese Weise sortiert. Das Ergebnis solch einer Massenspektrometrie ist eine Grafik, auf der verschiedene Spitzen darauf hinweisen, welche Eiweiße bei einem bestimmten Bakterium besonders häufig vorkommen.

"Wir können also einerseits im Labor die Säureproduktion einzelner Bakterienstämme messen und andererseits parallel dazu über MALDI-TOF Massenspektrometrie deren Eiweißstruktur und, mit anderen Methoden, auch ihr Genom charakterisieren. Dann geht es ans Vergleichen", erläutert Rupf den Fortgang der Analyse. "Wir werden herausbekommen, welche Stämme unter welchen Umständen besonders schädlich für Zähne und Zahnfleisch sind."

Bleibt natürlich die Frage, inwieweit der Zahnmediziner mit diesem Wissen auch als "Schlachtenlenker" auftreten und den "guten" Bakterien helfen könnte, die "bösen" aus dem Mund zu vertreiben. "Hier stehen wir noch ziemlich am Anfang", dämpft Rupf die Hoffnung auf die maßgeschneiderte Killer-Pille. "Die Impfung von Patienten gegen Karies war bislang erfolglos. Auch das kontrollierte Einbringen von Bakterien in die menschliche Mundhöhle ist nicht ohne Risiko, denn sie könnten nicht nur die aktuelle Balance unkontrolliert verändern, sondern auch die Mundhöhle verlassen und sich in anderen Körperregionen ansiedeln. Ich vermute einen Lösungsansatz vor allem in der Identifizierung von Faktoren, die bekannte Bakterienstämme besonders aggressiv machen. Wenn man dies weiß, könnte man im Vorfeld pathologischer Veränderungen neue Wege der Prävention beschreiten."

Wer nun glaubt, er könne die Zahnbürste demnächst wegstecken, der irrt allerdings. "Nach wie vor spielt die Mundhygiene eine wichtige Rolle beim Kampf gegen Karies und Parodontitis", so Rupf. "Für den Schutz vor Karies ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, dass die Menge des Zuckers, den man isst - zumindest aus zahnmedizinischer Sicht - weniger bedeutsam ist als die Häufigkeit, mit der man den Bakterien neue Nahrung zuführt und sie so zur ständigen Säureproduktion animiert." Also zugespitzt: Lieber mal eine ganze Tafel Schokolade verschlingen als jede Stunde ein Stückchen auf der Zunge zergehen lassen.

Marlis Heinz

weitere Informationen:

Dr. Stefan Rupf
Telefon: 0341/97 21 217
E-Mail: stefan.rupf@medizin.uni-leipzig.de
Prof. Dr. Klaus Eschrich
Telefon: 0341 97-22105
E-Mail: eschrich@uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/~biochem

Weitere Berichte zu: Bakterium Karies Massenspektrometrie Virus Zahnmedizin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz: Nierenschädigungen therapieren, bevor Symptome auftreten
20.09.2017 | Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

nachricht Neuer Ansatz zur Therapie der diabetischen Nephropathie
19.09.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik