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Neue Form der lokalen Chemotherapie zur Behandlung von Hirntumoren verlängert das Überleben

23.08.2006
Göttinger Neurochirurgie gehört zu den Kliniken, die die neue Behandlung mit einem Depot-Wirkstoff durchführen. Eine Studie soll klären, welche Patienten am meisten profitieren.

Die Diagnose "Glioblastom" - bösartiger Hirntumor - bedeutet fast immer den absehbaren Tod. Eine Heilung gibt es nur in Ausnahmefällen. Die meisten Menschen, die daran erkranken, sterben innerhalb von einem Jahr. Mit einem neuen Behandlungsansatz kann die Überlebenszeit verlängert werden: Medikamente gegen erneutes Hirntumor-Wachstum werden dafür als Depot-Wirkstoff gleich nach der operativen Entfernung des Tumors gezielt in die Operationshöhle und damit unmittelbar in die Tumor-Randzone platziert. Seit Ende 2005 ist diese neue Form der lokalen Chemotherapie mit dem Wirkstoff Carmustin als Implantat in Deutschland als Verfahren zur Behandlung für Glioblastom-Patienten zugelassen.

Die Abteilung Neurochirurgie (Direktor: Prof. Dr. Veit Rohde) am Göttinger Universitätsklinikum - Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen gehört zu den wenigen Kliniken in Deutschland, die die Behandlung bereits durchführen. In einer klinischen Studie untersuchen sie in Zusammenarbeit mit der Abteilung Neuroradiologie (Direktor: Prof. Dr. Michael Knauth), welche Patienten von einer lokalen Chemotherapie am meisten profitieren können. Dabei spielen die spezifischen Wachstumsmuster der Tumoren eine Rolle sowie die Frage, wie sich die lokale Chemotherapie in ein Gesamtkonzept neuroonkologischer Therapie einfügen kann.

Die neue Form der lokalen Chemotherapie wird von den Neurochirurgen unmittelbar nach der Entfernung des Hirntumors noch während der Operation durchgeführt. Die Neurochirurgen setzen bis zu acht Depotplättchen mit dem chemotherapeutischen Wirkstoff in den Hohlraum ein, der durch die Entfernung des Tumors entstanden ist. So kann das chemotherapeutische Medikament sofort auf einzelne im angrenzenden Gewebe verbliebene Tumorzellen wirken. Die Plättchen müssen nicht entfernt werden, sie lösen sich innerhalb von zwei bis drei Wochen langsam auf. Während dieser Zeit geben sie in hoher Konzentration den Wirkstoff "Carmustin" ab, der gegen erneutes Tumorwachstum wirken soll. "Für diesen Wirkstoff liegen zur Zeit die meisten Erfahrungen in der Behandlung von Gliomen vor", sagt PD Dr. Alf Giese, Abt. Neurochirurgie. Bisher hat die neuroonkologische Arbeitsgruppe der Göttinger Neurochirurgie vier Patienten nach der neuen Methode behandelt.

Die gezielte Platzierung der "Carmustin"-haltigen Depotplättchen macht hohe Konzentrationen des Chemotherapeutikums genau in der Region möglich, in der die Substanz wirken soll. 100fach höher sei diese, wenn man sie lokal einbringt, gegenüber einer systemischen Gabe des Wirkstoffes. Solche Konzentrationen in einem begrenzten Gebiet, ließen sich über bisherige Gabe-Formen nicht erreichen. Die weiteren Vorteile dieser Art von Behandlung mit chemotherapeutischen Substanzen: "Das Medikament verteilt sich nicht über den Blutstrom im gesamten Körper. Wir umgehen den Blutstrom. Das Knochenmark und wichtige Organe wie Leber und Lunge werden so nicht belastet", sagt Giese. "Der Patient erhält bereits unmittelbar nach der Operation eine chemotherapeutische Behandlung gegen möglicherweise verbliebene Resttumorzellen. Diese Therapie kann zusätzlich zu den derzeitigen Strahlen-Chemotherapiekombinationen durchgeführt werden, die bisher den Standard darstellen.", sagt Prof. Dr. Veit Rohde, Direktor der Abteilung Neurochirurgie. Bislang würde mit der Strahlen- und/oder Chemotherapie erst zwei bis drei Wochen nach der operativen Entfernung des Hirntumors begonnen.

"Die Form der lokalen Chemotherapie mit einem Depot-Wirkstoff kann Gliom-Patienten zu einem längeren Überleben verhelfen", sagt Privatdozent Giese. Er war an der klinischen Studie (Klinische Phase III- Studie) zu dem jetzt zugelassenem, neuem Behandlungsverfahren beteiligt. Im Rahmen dieser großen klinischen Studie stellte sich heraus, dass die Zahl der Langzeitüberlebenden mit dieser Therapie fünfmal so hoch ist wie in der Kontrollgruppe.

Über weitere Forschungen und klinische Arbeiten wollen die Göttinger Neurochirurgen ihr Wissen und ihre Kompetenzen in der Behandlung mit Patienten mit Hirntumoren weiter ausbauen. So sind weitere Studien geplant, um die Prognose von Patienten mit bösartigen Hirntumoren zu verbessern. Mit Hilfe moderner bildgebender Verfahren versuchen die Neurochirurgen gemeinsam mit der Abteilung Neuroradiologie, die Patienten zu identifizieren, die von der lokalen Chemotherapie am meisten profitieren können.

Lokale Chemotherapie bei bösartigen Hirntumoren

Die Entwicklung bioabbaubarer Chemotherapieträger in der Behandlung von Glioblastomen hat 25 Jahre gebraucht - vom Tiermodell bis zur Zulassung - bis diese jetzt am und für den Menschen eingesetzt werden kann. Damals wurden die ersten Grundlagen für eine lokale Chemotherapie mit einem Depot-Wirkstoff gelegt: Substanzen, die sich mit Wirkstoffen beladen lassen und die langsam vom menschlichen Körper nebenwirkungsfrei abgebaut werden, wurden entwickelt. Bei diesem Abbauprozess wird der jeweilige Wirkstoff freigesetzt und kann vor Ort seine Wirkung entfalten. So genannte Polymer-Substanzen sind heute die Träger für "Carmustin", mit dem in der Behandlung von bösartigen Hirntumoren bereits die meisten Erfahrungen gesammelt wurden.

Gliome - bösartige Hirntumoren

Bei etwa der Hälfte aller Hirntumoren handelt es sich um so genannte Gliome, diese Hirntumoren entwickeln sich aus dem Stützgewebe des Gehirns. Leider sind im Erwachsenenalter die meisten aller Gliome bösartig. Sie machen sich durch neurologische Symptome wie z.B. Schwindel, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Verwirrtheit bemerkbar. In Deutschland erkranken jährlich etwa 6.300 Menschen an Gliomen.

Wegen ihres sehr aggressiven und diffusen Wachstums sind bösartige Gliome extrem schwierig zu behandeln und haben eine sehr schlechte Prognose. So liegt die mittlere Lebenserwartung nach der Diagnose bei etwa 12 bis 18 Monaten. Der große medizinische Durchbruch fehlt noch - allerdings kann heute durch Einsatz moderner Diagnostik- und Therapieverfahren in spezialisierten Zentren die Lebenserwartung erheblich verlängert werden - bei guter Lebensqualität.

Einladung zum
Pressegespräch für Medizinische Fachpresse
Neues Therapieverfahren zur Behandlung von Hirntumoren
Medizinische Versorgung und wissenschaftliche Forschungsprojekte
der Abteilung Neurochirurgie
Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen
Donnerstag, 31. August 2006,
11:00 bis 12:00 Uhr
Multimedia-Hörsaal,
Universitätsklinikum Göttingen, Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen
Weitere Informationen:
Bereich Humanmedizin - Universität Göttingen
Abteilung Neurochirurgie, Prof. Dr. Veit Rohde

Stefan Weller | idw
Weitere Informationen:
http://www.humanmedizin-goettingen.de

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