Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Koronarchirurgie: Routinedaten liefern keinen Beleg für Zusammenhang von Menge und Ergebnisqualität

16.08.2006
Risiko für "Letalität" und "Infektion" hängt laut IQWiG-Modellrechnung
nicht von der Fallzahl der Klinik ab / Institut verweist auf unsichere Datenlage

Bei koronarchirurgischen Eingriffen ist ein statistischer Zusammenhang zwischen der Menge und der Ergebnisqualität anhand deutscher Versorgungsdaten derzeit nicht nachweisbar. Das Risiko nach der Operation in der Klinik zu versterben oder sich zu infizieren, hängt in Deutschland nicht von der Fallzahl der jeweiligen Klinik ab.

Zu diesem Resultat kommt der jüngste Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), den die Kölner Wissenschaftler am 16. August 2006 vorgelegt haben. Weil die Qualität der verfügbaren Daten unklar ist, sind diese Ergebnisse allerdings nur beschränkt aussagekräftig, heben die IQWiG-Statistiker hervor.

Im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) sollte das Institut ein Rechenmodell entwickeln, mit dessen Hilfe sich Schwellenwerte zur Festlegung von Mindestmengen für die Koronarchirurgie ermitteln lassen. Mitarbeiter des IQWiG-Ressorts Medizinische Biometrie werteten dazu Versorgungsdaten der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) aus. Einbezogen haben sie die Angaben zu insgesamt knapp 100.000 Patienten aus 77 Kliniken, bei denen in den Jahren 2003 und 2004 erstmalig eine isolierte koronarchirurgische, nicht als Notfall kategorisierte Operation durchgeführt worden war. Vom G-BA benannte Fachexperten für die Koronarchirurgie bestimmten als Indikatoren für die Ergebnisqualität die Krankenhaussterblichkeit sowie das Infektionsrisiko nach der Operation. Zusätzlich sollte die Prozessqualität untersucht werden: Kriterien waren hier zum einen die Verwendung der inneren Brustwandarterie zum anderen die Anzahl peripherer Anastomosen.

... mehr zu:
»BQS »G-BA »Koronarchirurgie

Berechnung von Schwellenwerten nicht sinnvoll

Wie die Kölner Forscher auf Basis ihrer multifaktoriellen Modellierung feststellten, gibt es keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Fallzahl auf der einen Seite und der Letalität und dem Infektionsrisiko auf der anderen Seite. Die ursprünglich vorgesehene Berechnung von Schwellenwerten zur Festlegung von Mindestmengen erübrigte sich somit. Auch die beiden Indikatoren für die Prozessqualität hängen nicht statistisch signifikant von der Menge der Eingriffe ab.

Die IQWiG Forscher mahnen, die Ergebnisse ihrer Modellrechnung mit Vorsicht zu interpretieren: Der fehlende wissenschaftliche Nachweis muss nicht bedeuten, dass es den vermuteten Zusammenhang überhaupt nicht gibt. Denn die BQS-Daten stammen aus nur 77 Kliniken, die den Eingriff im Jahr 2004 jeweils mindestens 166 Mal vorgenommen hatten. Bei Häusern mit geringeren Fallzahlen, die es in Deutschland allerdings nicht mehr gibt, ist deshalb theoretisch sehr wohl möglich, dass sich die Prozedurenmenge auf die Krankenhaussterblichkeit, das Infektionsrisiko oder andere Indikatoren auswirkt.

Ergebnisse sind nur beschränkt aussagekräftig

"Die Qualität der derzeit verfügbaren Daten ist höchst unklar und die Aussagekraft der Ergebnisse deshalb stark eingeschränkt", erläutert IQWiG-Projektleiter PD Dr. Ralf Bender. Zur Verfügung standen den Wissenschaftlern routinemäßig erhobene Daten, die von den Kliniken selbst an die BQS berichtet werden. Ein von der BQS 2005 durchgeführter stichprobenartiger Abgleich hatte gezeigt, dass ein erheblicher Teil der in den Krankenakten vermerkten Komplikationen offenbar nicht an die BQS gemeldet wurde und umgekehrt viele bei der BQS registrierte Komplikationen in den Krankenakten nicht nachzuvollziehen waren. Wie gut die Qualität der speziell für die Koronarchirurgie ausgewerteten BQS-Daten ist, lässt sich nicht abschätzen. Um wissenschaftlich nachweisen zu können, dass eine Mindestmengenregelung die Qualität der Versorgung verbessert, reichen die verfügbaren Routinedaten nach Auffassung der IQWiG-Experten jedenfalls nicht aus. Dies ist auch im Bereich der Koronarchirurgie nur mit kontrollierten Interventionsstudien möglich.

Zum Hintergrund

Mindestmengen wurden in Deutschland erstmalig mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz (§137 SGB V) eingeführt. Ärzte und Krankenhäuser dürfen bestimmte Eingriffe nur noch dann vornehmen, wenn sie dies mit einer bestimmten Häufigkeit tun. Die Partner der Selbstverwaltung hatten sich 2003 darauf verständigt, ab 2004 für fünf Indikationen Mindestmengen zu definieren (Leber-, Nieren- und Stammzelltransplantation sowie komplexe Eingriffe an Speiseröhre und Bauchspeicheldrüse).

Im September 2004 nahm der G-BA auch koronarchirurgische Eingriffe und Knie-Totalendoprothesen (Knie-TEP) in den so genannten Katalog planbarer Leistungen auf, machte aber noch keine konkreten Zahlenangaben. Den Auftrag an das IQWiG, Mindestmengen für die Koronarchirurgie zu ermitteln, hatte der G-BA am 22. Dezember 2004 erteilt und am 26. August 2005 neu formuliert.

Den Abschlussbericht zur Knie-TEP hatte das IQWiG am 5. Dezember 2005 dem G-BA vorgelegt und am 6. Februar 2006 im Internet publiziert. Auch bei dieser Indikation war das IQWiG zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Schwellenwerte zur Festlegung von Mindestmengen aus den verfügbaren Routinedaten nicht ableiten lassen.

Dr. Anna-Sabine Ernst | idw
Weitere Informationen:
http://www.iqwig.de

Weitere Berichte zu: BQS G-BA Koronarchirurgie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften