Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Ärzteschulung für eine bessere Beratung zur Pränataldiagnostik

14.08.2006
Besser beraten in der Schwangerschaft

Ein von Ethikern, Psychologen und Medizinern entwickelter Leitfaden kombiniert mit einer Schulung der Ärztinnen und Ärzte verbessert die Beratung von Paaren, die ein Kind erwarten. Dies hat eine Evaluation im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Integration und Ausschluss» (NFP 51) ergeben. Die Fachgesellschaft «gynécologie suisse» hat nun die Herausgeberschaft des Leitfadens übernommen und die Ärzteschulung in ihr Weiterbildungsangebot aufgenommen.

Schwangere Frauen und ihre Partner sind heute mit verschiedenen Methoden der pränatalen Diagnostik konfrontiert. Dazu gehören Ultraschall-Untersuchungen und verschiedene biochemische und genetische Tests. Innert kurzer Zeit müssen die Frauen und ihre Partner entscheiden, welche dieser Verfahren sie in Anspruch nehmen wollen. Die ärztliche Beratung soll ihnen dabei helfen, eine gut informierte Entscheidung zu treffen – eine schwierige Aufgabe.

Aus diesem Grund hat ein interdisziplinäres Gremium aus Ärzten und Psychologen unter der Leitung von Ruth Baumann-Hölzle vom Institut Dialog Ethik ein Beratungskonzept mit Leitfaden und Schulungsprogramm für Ärzte erarbeitet. Beteiligt waren die Universitätsspitäler Basel und Zürich sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehrerer Ärztetagungen. Die Grundlage bildeten frühere Arbeiten des Instituts Dialog Ethik und des Vereins für ganzheitliche Beratung und kritische Information zu pränataler Diagnostik.

... mehr zu:
»Pränataldiagnostik

Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Integration und Ausschluss» (NFP 51) wurde dieses Beratungskonzept von der Psychologin Denise C. Hürlimann evaluiert. An der Studie haben fast 200 Schwangere und 31 Allgemeinmediziner und Gynäkologen teilgenommen. Die Forscherin hat Beratungsgespräche vor und nach der Einführung der Schulung und des Leitfadens auf Tonband aufgenommen und ausgewertet. Zusätzlich hat sie Ärzte und Schwangere befragt.

Ihre Untersuchung ergab, dass die Konsultationen, in denen die Pränataldiagnostik thematisiert wurde, nach der Schulung und mit dem Gesprächsleitfaden insgesamt nur wenig länger dauerten als vorher. Das Gespräch aber war strukturierter und der Argumentationsstil hat sich verbessert: Die Ärztinnen und Ärzte gingen vermehrt auf die spezifische Lebenssituation der zu beratenden Schwangeren ein, sie brachten ihre persönliche Meinung seltener zum Ausdruck, stellten Sachverhalte vermehrt graphisch dar und berieten junge und ältere Frauen nun ähnlicher. Sie bestellten die Schwangeren auch tendenziell früher zur ersten Konsultation, so dass diesen mehr Zeit für die Entscheidfindung zur Verfügung stand. „Schwangere werden besser bei ihrem Entscheid unterstützt, welche Tests sie vornehmen lassen und welche Konsequenzen sie aus dem Resultat ziehen wollen,“ resümiert Denise Hürlimann.

Ethisches Dilemma wird ernst genommen

Wenn die werdenden Mütter von Ärztinnen und Ärzten beraten wurden, die geschult waren und den Leitfaden benutzten, äusserten sie sich differenzierter zu ihrer Entscheidfindungssituation. Aber: Weder bei den Schwangeren noch bei den Ärzten erhöhte sich die Sicherheit, sich richtig entschieden zu haben. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema machte die Ärztinnen und Ärzte zwar fachlich sicherer, emotional aber fühlten sie sich eher verunsichert. „In der Schulung wurde vielen Medizinern bewusster, wie komplex die Problematik pränataler Untersuchungen ist“, sagt die Psychologin Denise Hürlimann. So gesehen sei die emotionale Unsicherheit der Ärzte nicht negativ zu bewerten: „Das ethische Dilemma, in dem sich die werdenden Eltern befinden, erhält nun im Beratungsgespräch das ihm zustehende Gewicht.“

„Angesichts einer Schwangerschaft und des Angebots an vorgeburtlichen Tests sehen sich Frauen und ihre Partner plötzlich mit schwierigen Fragen konfrontiert,“ sagt Ruth Baumann-Hölzle vom Zürcher Institut Dialog Ethik. Die Risikoerhebung durch Methoden der Pränataldiagnostik wie Ultraschall, Bluttest oder Fruchtwasseruntersuchung verlange ein Nachdenken darüber, ob die werdenden Eltern ein allfällig behindertes Kind bekommen oder einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollen. Rechnung getragen werden müsse dem begrenzten Zeitfenster, dem Risiko des Eingriffs, der Möglichkeit falsch negativer und falsch positiver Resultate, der Unmöglichkeit, den Entscheid rückgängig zu machen, sowie dem Recht auf Nichtwissen. „Wenn Ärzte diese Themen reflektieren, kann das helfen, ein neues Bewusstsein zu schaffen: hin zu einem informierten, autonomen Entscheid der Schwangeren und ihres Partners“, sagt die Ethikerin.

Die zwei Tage dauernde Ärzteschulung befasst sich daher nicht nur mit pränatalen Testverfahren sondern auch mit Rechtsfragen, mit der Arzt-Patienten-Kommunikation und mit ethischen Fragen der Entscheidungsfindung. Und sie stellt auch eine Einführung in den Leitfaden für das Gespräch mit der Schwangeren dar. Dieser enthält auf 30 Seiten Kommunikationstipps und erläutert sieben konkrete Schritte der Beratung: vom Ausdruck der Freude über die Schwangerschaft bei der ersten Konsultation bis zum Entscheid der Frau und ihres Partners für ein Austragen des Kindes oder für einen Schwangerschaftsabbruch.

«Gynécologie suisse» übernimmt Herausgeberschaft

„Eine grosse Verbreitung im Lande und die verdiente Bewährung in der Praxis“, wünscht Wolfgang Holzgreve, der Präsident von «gynécologie suisse» (Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) dem Gesprächskonzept. Es könne helfen, die Beratungskompetenz der Ärztinnen und Ärzte weiter zu verbessern. «Gynécologie suisse» hat deshalb kürzlich die Herausgeberschaft des überarbeiteten Leitfadens übernommen und sich zu einer landesweiten Streuung entschlossen. Bald sollen neben der deutschen auch eine französische, eine italienische und eine englische Fassung vorliegen. Ausserdem hat die Fachgesellschaft die Ärzteschulung in ihr Weiterbildungsangebot aufgenommen. Über 100 Ärztinnen und Ärzte haben den Kurs bereits besucht.

| alfa
Weitere Informationen:
http://www.snf.ch
http://www.snf.ch/de/com/prr/prr.asp

Weitere Berichte zu: Pränataldiagnostik

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie