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Opfer von Gewalt und Verbrechen: Behandlung posttraumatischer Belastungsstörung

31.07.2006
Wissenschaftler der Universität Göttingen entwickeln effektives und wirksames Therapieverfahren

Angstzustände, Alpträume, Depressionen - viele Opfer von Gewaltverbrechen oder Überlebende von Katastrophen leiden unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTB). Das Erlebte kann nicht richtig verarbeitet werden, die Ereignisse laufen immer wieder wie ein Film vor dem "inneren Auge" ab. Die Folge sind massive körperliche und psychische Beeinträchtigungen. Psychologen der Universität Göttingen haben jetzt ein neuartiges Therapiekonzept entwickelt. Das Programm kombiniert EMDR, eine in den USA entwickelte Behandlungsmethode für Trauma-Betroffene aus der Psychotraumatologie, mit Verhaltenstherapie und Biofeedback. Eine Begleitstudie hat gezeigt, dass das Göttinger Konzept in wesentlichen Bereichen wirksamer ist als bereits etablierte Therapieverfahren. "Die PTB-Symptome bei den 16 auf diese Weise behandelten Patienten konnten in kurzer Zeit, das heißt durchschnittlich 16 Sitzungen, deutlich reduziert werden. Wir haben in allen Fällen eine Entlastung nachgewiesen, die stärker ausfällt als bei anderen Behandlungsprogrammen", betont Dr. Stefan Jacobs, der an der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie des Georg-Elias-Müller-Instituts für Psychologie forscht.

Aktuelle Befunde in den Neurowissenschaften deuten darauf hin, dass die Herausbildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung davon abhängt, wie das Ereignis in das Gedächtnis eingespeichert wird. Während das implizite Gedächtnis die emotionale Qualität einer Erinnerung bestimmt, speichert das explizite Gedächtnis alle autobiographischen Erlebnisse episodisch ab. "Vereinfacht gesagt entsteht eine Störung dann, wenn das Trauma übermäßig stark im ,Gefühlsgedächtnis' verankert ist. Dieses Ungleichgewicht kann dazu führen, dass die mit dem traumatischen Erlebnis verbundenen Emotionen wie intensive Angstzustände durch bestimmte Reize immer wieder ausgelöst werden", erläutert Dr. Jacobs. Das Göttinger Behandlungskonzept soll helfen, das Erlebte in einem geschützten Rahmen neu zu verarbeiten und gleichzeitig die emotionale Erinnerung zu hemmen. Die Therapie setzt sich aus mehreren Modulen zusammen: Die Betroffenen erhalten durch einen Lehrfilm für Patienten gezielt Informationen über die Störungszusammenhänge. Sie berichten dann ausführlich von ihren traumatischen Erlebnissen. Gemeinsam mit dem Therapeuten sollen die daran gekoppelten negativen Gedanken und Gefühle herausgearbeitet und positive Zielkognitionen nach der Trauma-Verarbeitung formuliert werden.

Zusätzlich zu den Interventionstechniken der Verhaltenstherapie kommt die Methode des EMDR zum Einsatz. Die Abkürzung steht für "Eye Movement Desensitization and Reprocessing": Dabei stimuliert der Therapeut das Gehirn des Patienten mit bestimmten Augenbewegungen, die dann die Prozesse zur Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse auslösen. Parallel dazu wird das Biofeedback eingesetzt: Als Parameter für die innere Anspannung des Patienten wird dazu der Hautleitwert gemessen. "Mit diesen Daten können wir die Traumaexposition für die Betroffenen ,sichtbar' machen. Sie zeigen zugleich das Ausmaß der Übereinstimmung zwischen subjektivem Belastungsgrad und physiologisch messbarem Erregungszustand", betont Dr. Jacobs. "Die Ergebnisse unserer Studie haben dabei deutlich gemacht, dass EMDR ein Hauptwirkfaktor in unserem Therapiekonzept ist. Die mit dieser Methode bearbeiteten traumatischen Erinnerungen werden weniger belastend, was sich sowohl in einem Rückgang der autonomen Erregung als auch im eigenen Empfinden niederschlägt." In einer zweiten Begleitstudie, die bis zum Ende kommenden Jahres mit 30 Patienten durchgeführt werden soll, wollen die Göttinger Forscher diese Ergebnisse weiter vertiefen.

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»EMDR »Gedächtnis »Psychologie

Die Forschungsarbeiten sind am Therapie- und Beratungszentrum der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie angesiedelt. Hier werden jedes Jahr 60 bis 80 Patienten mit unterschiedlichen Störungen behandelt, darunter auch Menschen mit PTB-Symptomen. Die Vermittlung der Traumapatienten läuft über Landeskriminalämter, die Notdienste von Feuerwehr und Polizei, die Notfallseelsorge oder Organisationen wie den Weißen Ring. "Es gibt ein großes Informationsdefizit, was die Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung angeht. Viele Betroffene wissen nicht, dass es Behandlungsmöglichkeiten gibt", sagt Dr. Jacobs. Hinzu komme ein Mangel an qualifizierten Therapeuten, weil dieses Gebiet häufig in der Ausbildung nicht berücksichtigt werde. Der Wissenschaftler hat daher auch einen Lehrfilm entwickelt, der über das neue Göttinger Behandlungskonzept und die einzelnen Elemente der Therapie informiert.

Therapie- und Beratungszentrum: Informationen für Patienten
Sprechzeiten: Dienstag bis Donnerstag von 14 bis 16 Uhr sowie Donnerstag von 9 bis 10.30 Uhr

Telefon (0551) 39-2081, Informationen im Internet: http://www.psych.uni-goettingen.de/special/tbz

Kontaktadresse:
Dr. Stefan Jacobs
Georg-August-Universität Göttingen
Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie
Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie
Goßlerstraße 14, 37073 Göttingen
Telefon (0551) 39-3585, Fax (0551) 39-3544
e-mail: sjacobs@uni-goettingen.de

Marietta Fuhrmann-Koch | idw
Weitere Informationen:
http://www.psych.uni-goettingen.de/home/jacobs

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