Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wege aus dem Nebel: Braunschweiger Psychologin erforscht Netzhauterkrankung

13.07.2006
Wie sieht man die Welt, wenn die Netzhaut erkrankt ist? Bislang war dies für Ärzte und Therapeuten kaum nachvollziehbar. Dr. Angelika Lingnau hat in ihrer Dissertation einen Weg gefunden, die Erkrankung künstlich nachzustellen, so dass gesunde Menschen Trainingsmethoden erproben können. Sie erhält am 13. Juli den mit 5.000 Euro dotierten Heinrich-Büssing-Preis.

Rund zwei Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer Gewebe zerstörenden Netzhauterkrankung, die Mehrheit an der so genannten altersbedingten Makuladegeneration (AMD). Weltweit gilt diese Form der Erkrankung als häufigste Ursache für eine Erblindung. Bei der Betrachtung eines Objektes fixieren die Augen dieses normalerweise direkt. Sie rücken es damit in den Bereich des schärfsten Sehens im Zentrum der Netzhaut, den Wissenschaftler Fovea nennen. Durch Ablagerungen auf der Fovea erleben Betroffene in diesem Sichtfeld dramatische Sehverluste: Details können sie nur verschwommen oder gar nicht sehen. Insbesondere das Lesen wird stark beeinträchtigt.

Die Betroffenen helfen sich oft mit einem Trick: Häufig schauen AMD-Patienten Objekte nicht direkt an, sondern richten ihren Blick auf einen benachbarten Ort, sodass das Objekt auf einen von der Krankheit nicht betroffenen Netzhautbereich fällt. Dieser Netzhautbereich wird auch Pseudofovea genannt, da er Aufgaben der Fovea übernimmt, ohne anatomisch dafür ausgerüstet zu sein. AMD-Patienten wählen besonders häufig eine Pseudofovea links bzw. unterhalb des Objektes, die genauen Ursachen dafür sind unklar. Mit konventionellen Methoden können Fachärzte, Psychologen und Sehtrainer dieses Phänomen nur eingeschränkt untersuchen. Bislang schien es zudem kaum möglich, sich als normalsichtiger Mensch in die Lage der Patienten zu versetzen.

An diesem Punkt setzt Dr. Angelika Lingnau mit ihrer Arbeit an. Sie entwickelte eine künstliche Pseudofovea, mit deren Hilfe man bei Normalsichtigen denselben Seheindruck wie bei AMD-Patienten erzeugen kann. Auf einem Bildschirm sind Bilder und Texte verschwommen dargestellt, nur ein kleiner kreisrunder Ausschnitt ist klar zu erkennen. Eine Blickkamera sorgt nun dafür, dass dieser Ausschnitt immer in einem bestimmten Abstand zu der Position verschoben ist, die der Betrachter gerade fixiert. Die Lage und Form des klaren Bereichs können im Experiment verändert werden. Auf diese Weise können die Forscher nun herausfinden, in welcher Position die Pseudofovea am besten funktioniert, und ihr Wissen in ein Sehtraining für die Patienten einfließen lassen. Auch andere Netzhauterkrankungen können anhand dieses Modells erforscht werden. Für Prof. Dr. Dirk Vorberg vom Institut für Psychologie der Technischen Universität Braunschweig geht der Verdienst der Dissertation darüber hinaus: "Neben der unmittelbarer praktischer Relevanz liefert die Arbeit von Dr. Angelika Lingnau einen völlig neuen experimentellen Zugang zur Erforschung von Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsvorgängen".

Zur Person:

Dr. rer. nat. Angelika Lingnau, geboren 1976 in Braunschweig, studierte von 1996 bis 2001 Psychologie mit dem Schwerpunk Neuro- und Kognitionspsychologie an der Technischen Universität Braunschweig. Während ihres Studiums wurde sie mit dem Braunschweiger Bürgerpreis für herausragende Studienleistungen geehrt. Ihre Forschung wurde durch verschiedene Stipendien gefördert. Bereits vor der Promotion im Jahre 2004 erhielt Dr. Angelika Lingnau Einladungen als Postdoctoral Fellow nach England und in die Niederlande. Bei der renommierten interdisziplinären Tübinger Wahrnehmungskonferenz 2003 bekam sie den Preis für das beste Poster. Ihre wissenschaftliche Arbeit setzt sie derzeit am neu gegründeten Zentrum für Neurokognition der Universität Trento/Rovereto (Italien) fort.

Der Heinrich-Büssing Preis

... gilt als der höchstdotierte Wissenschaftspreis in der Hochschullandschaft der Region. Mit dieser Auszeichnung ehrt die "Stiftung zur Förderung der Wissenschaften an der Carolo-Wilhelmina" jährlich herausragende Leistungen von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern der Technischen Universität Braunschweig. Der Braunschweigische Hochschulbund will mit seiner Stiftung dazu beitragen, dass die Bedeutung Braunschweigs als Wissenschafts- und Wirtschaftsregion noch stärker bekannt wird.

Dr. Elisabeth Hoffmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-braunschweig.de/

Weitere Berichte zu: AMD Netzhauterkrankung Pseudofovea

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Gentherapie für seltene Bluterkrankung
18.12.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Carmenes“ findet ersten Planeten

Deutsch-spanisches Forscherteam entwirft, baut und nutzt modernen Spektrografen

Seit Januar 2016 nutzt ein deutsch-spanisches Forscherteam mit Beteiligung der Universität Göttingen den modernen Spektrografen „Carmenes“ für die Suche nach...

Im Focus: Fehlerfrei ins Quantencomputer-Zeitalter

Heute verfügbare Ionenfallen-Technologien eignen sich als Basis für den Bau von großen Quantencomputern. Das zeigen Untersuchungen eines internationalen Forscherteams, deren Ergebnisse nun in der Fachzeitschrift Physical Review X veröffentlicht wurden. Die Wissenschaftler haben für Ionenfallen maßgeschneiderte Protokolle entwickelt, mit denen auftretende Fehler jederzeit entdeckt und korrigiert werden können.

Damit die heute existierenden Prototypen von Quantencomputern ihr volles Potenzial entfalten, müssen sie erstens viel größer werden, d.h. über deutlich mehr...

Im Focus: Error-free into the Quantum Computer Age

A study carried out by an international team of researchers and published in the journal Physical Review X shows that ion-trap technologies available today are suitable for building large-scale quantum computers. The scientists introduce trapped-ion quantum error correction protocols that detect and correct processing errors.

In order to reach their full potential, today’s quantum computer prototypes have to meet specific criteria: First, they have to be made bigger, which means...

Im Focus: Search for planets with Carmenes successful

German and Spanish researchers plan, build and use modern spectrograph

Since 2016, German and Spanish researchers, among them scientists from the University of Göttingen, have been hunting for exoplanets with the “Carmenes”...

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Konfenzreihe in Berlin: Landscape 2018 - Ernährungssicherheit, Klimawandel, Nachhaltigkeit

18.12.2017 | Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Lipid-Nanodisks stabilisieren fehlgefaltete Proteine für Untersuchungen

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Von Alaska bis zum Amazonas: Pflanzenmerkmale erstmals kartiert

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Krebsforschung in der Schwerelosigkeit

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie