Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gefühlsgesteuerte Profitmaximierung

10.07.2006
Auch die übelste Zockermentalität beugt sich den Bedingungen des menschlichen Belohnungssystems: Je mehr Strafe droht, desto vorsichtiger das Procedere. Weil die Bestrafung des Übeltäters das Opfer eines Betrugs belohnt und den Täter abschreckt, funktionieren soziale Normen. Auf dem Forum der Europäischen Hirnforscher in Wien präsentiert ein Forscherteam aus Zürich und Ulm seine neuen Einsichten. "Wir haben neurobiologische Grundlagen für die breite Einhaltung von Verhaltensnormen gefunden", erklärt Professor Ernst Fehr vom Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich.

Wie erreiche ich den größtmöglichen Profit? Diese scheinbar rein rationale Frage ist offenbar stärker emotional gesteuert, als das manchen Ökonomen lieb ist. Der Züricher Wirtschaftsforscher Professor Ernst Fehr setzt auf die Neurowissenschaften, um (ökonomisches) menschliches Verhalten zu erklären.

Die Wirtschaftsexperten verteilten in einem Experiment Geld: 24 Versuchspersonen (A) bekamen 100 Geldeinheiten, die sie unter zwei verschiedenen Bedingungen mit einem anonymen Gegenüber (B) teilen sollten. In einem Kontrollversuch konnte A das Geld teilen, ohne mit Strafe rechnen zu müssen, wenn er sich dabei unkorrekt verhält. Im anderen Versuch drohte A Bestrafung, falls B sich betrogen fühlen sollte. Denn auch B bekam 25 Geldeinheiten, die er dazu verwenden konnte, den Gewinn von A zu schmälern, um ihn zu bestrafen. Jede von B ausgegebene Geldeinheit reduzierte den Gewinn von A um das Fünffache.

Das ernüchternde Ergebnis: in der Kontrollgruppe ohne Androhung von Bestrafung gaben die Testpersonen (A) durchschnittlich 10 Geldeinheiten ab und behielten 90 für sich. Wussten sie, dass B sie bestrafen konnte, trennten sie sich von durchschnittlich 40 Geldeinheiten.

... mehr zu:
»FENS »Hirnareal »Neurowissenschaft

Die Forscher stellten bei manchen Versuchspersonen einen extremen Gesinnungswandel fest, abhängig von den Bedingungen. Einige Testpersonen, die im Kontrollversuch nichts oder fast nichts abgegeben hatten, statteten ihr Gegenüber in der Bestrafungsgruppe mit knapp der Hälfte ihres Guthabens aus.

Um zu prüfen, welche Hirnareale bei der ökonomischen Entscheidung aktiv sind, schoben die Forscher ihre Probanden in die Röhre eines Magnetresonanz-Tomographen. Die Wissenschaftler erwarteten sich in zwei Hirnarealen des Vorderhirns verstärkte Aktivität, da diese Bereiche bei Bestrafungsreizen und bei der Kontrolle starker Impulse eine Rolle spielen. Tatsächlich war die Aktivität in diesen Hirnarealen deutlich erhöht. Auch im sogenannten Nucleus caudatus, einem wichtigen Zentrum des menschlichen Belohnungssystems, fanden Fehr und seine Kollegen sichtlich gesteigerte Aktivität, wenn Bestrafung drohte. Je stärker die Verhaltensänderung war, desto aktiver war das Belohnungszentrum.

Als ökonomische Sieger gingen vor allem "macchiavellistische Persönlichkeiten" hervor, Menschen mit ausgeprägtem Hang zu Egoismus und Opportunismus. Sie sahnten in der Kontrollgruppe ab und umgingen in der Bestrafungsgruppe die ökonomischen Sanktionen ihres Partners.

Dass Rache wirklich süß ist, hatten die Züricher Forscher in einem vorausgehenden Experiment gezeigt. Sie wollten wissen, warum Menschen sogar persönliche Nachteile in Kauf nehmen, um andere zu bestrafen. Ein Dutzend Männer konnte paarweise entweder durch kooperatives Verhalten das Kapital beider mehren oder aber rein egoistisch den Mitspieler abzocken. Unkooperative Spieler konnten von den anderen bestraft werden. Das Ergebnis: die Bestrafung kurbelt das Belohnungssystem im Gehirn jener Versuchspersonen an, die Fehlverhalten bestrafen konnten. Fehr und Kollegen stellten bei den Bestrafern eine erhöhte Aktivität im Nucleus caudatus fest. Je mehr jemand bestrafte, desto höher war die Aktivität in diesem wichtigen Belohnungszentrum des Gehirns. Verschiedene Kontrollexperimente veranlassen Fehr zu der Feststellung: "Die Aktivität im Nucleus caudatus reflektiert vermutlich die antizipierte Befriedigung aus der Bestrafung des unfairen Partners".

ABSTRAKT Nr. S32.3

Notes to Editors
Das Forum 2006 der Federation of European Neuroscience Societies (FENS) wird veranstaltet von der Österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften und der Deutschen Neurowissenschaftlichen Gesellschaft. An der Tagung nehmen über 5000 Neurowissenschaftler teil. Die FENS wurde 1998 gegründet mit dem Ziel, Forschung und Ausbildung in den Neurowissenschaften zu fördern sowie die Neurowissenschaften gegenüber der Europäischen Kommission und anderen Drittmittelgebern zu vertreten. FENS ist der Europäische Partner der Amerikanischen Gesellschaft für Neurowissenschaften (American Society for Neuroscience). Die FENS vertritt eine große Zahl europäischer neurowissenschaftlicher Gesellschaften und hat rund 16 000 Mitglieder.
Pressestelle während der Tagung:
Austria Center Wien
Raum U 557
Tel.: ++43-(0)1-26069-2025
8. - 12. Juli 2006
Nach der Tagung:
Österreich, Schweiz, Deutschland
Barbara Ritzert
ProScience Communications
Andechser Weg 17, D-82343 Pöcking
Tel.: ++49-(0)8157-9397-0
Fax: ++49-(0)8157-9397-97
ritzert@proscience-com.de

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org
http://fens2006.neurosciences.asso.fr/

Weitere Berichte zu: FENS Hirnareal Neurowissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Stoßlüften ist besser als gekippte Fenster
29.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten