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Das Nierenversagen hat seinen Schrecken verloren

11.12.2001


Sie regulieren den Flüssigkeitshaushalt unseres Körpers, sie kontrollieren den Blutdruck und bilden das Erythropoeitin, ein Hormon, das eine Rolle bei der Entstehung der roten Blutkörperchen spielt: unsere Nieren. Dazu freilich müssen sie Schwerstarbeit leisten: Rund 1500 Liter Blut durchströmen sie täglich, aus denen schließlich ein bis zwei Liter Urin heraus gefiltert werden. Doch wehe, die Nieren versagen ihren Dienst - früher drohte dann unweigerlich der Tod.

Das dies heute nicht mehr so ist, verdanken wir einerseits der Blutwäsche (Fachwort: Dialyse) und andererseits der Möglichkeit, die Niere eines Toten oder auch eines Lebenden in den Körper einzupflanzen. Schon 1902 wurde in Wien zum ersten Mal eine vollständige Niere von einem Hund auf einen anderen übertragen. Doch bald erkannte man, dass solche komplizierten Organe bald wieder abgestoßen werden, ein Prozess, den man damals noch nicht verstand. Auftrieb bekam die Transplantationsmedizin, als es dem amerikanischen Mediziner Joseph Murray 1954 gelang, eine Niere von einem eineiigen Zwilling in den anderen zu verpflanzen. Heute, keine 50 Jahre später, erhalten allein in Deutschland jedes Jahr rund 2300 Menschen eine neue Niere, insgesamt wurden weltweit bisher rund eine halbe Million Nieren übertragen.

In Thüringen wurde erstmals am 13. Dezember 1990 eine Niere auf einen anderen Menschen verpflanzt - an der Jenaer Uni-Klinik in Jena. Damals wurde auch das Transplantationszentrum Jena gegründet, mittlerweile eines der größten und erfahrensten in Deutschland: Bei den Nierenverpflanzungen nimmt es unter den 30 deutschen Zentren Rang 4 ein. Vor wenigen Tagen erst haben die Jenaer Ärzte ihre 500. Niere übertragen. Die meisten dieser Nieren stammten von Verstorbenen. Aber auch Lebende können eine ihrer beiden Nieren spenden, ohne dass dies ihre Gesundheit irgendwie beeinträchtigt. Doch beschränkt sich dieser Fall wegen der Verträglichkeit auf nahe Verwandte. Von den bisher in Jena verpflanzten Nieren kamen etwa 30 von Lebendspendern.

Die Transplantationsexperten nehmen das Jubiläum zum Anlass, eine wissenschaftliche Tagung durchzuführen. Dazu laden sie alle Interessierten am Sonnabend, den 15. Dezember 2001 in die Klinik für Urologie der Friedrich-Schiller-Universität in der Lessingstraße 1 ein. Mit dabei: Die Patientin, die vor 11 Jahren die erste Spenderniere erhielt - sie funktioniert noch immer. Sie wird von ihren Erfahrungen mit der dem eingepflanzten Organ berichten. Die Vorträge dauern von 9 bis 13 Uhr, anschließend findet auf der Station für Nierentransplantation ein Tag der offenen Tür statt.

1990 war der südostdeutsche Raum bei Nierenverpflanzungen noch unterversorgt. Das Jenaer Transplantationszentrum wurde seinerzeit gegründet, um diesen Mangel zu beheben. Der Anfang war nicht ganz einfach, doch das Kuratorium für Heimdialyse und Nierentransplantation und die Deutsche Stiftung für Organtransplantation stellten Telefone, Faxgeräte, Computer und sogar Autos zum Transport der Spenderorgane zur Verfügung und halfen auch mit Geld. Allerdings hatte das Dialysezentrum der Unikliniken schon vor der Wende einen hervorragenden Ruf, auf den die Ärzte aufbauen konnten. Deshalb konnten sie 1991 bereits 13 Nieren verpflanzen.

Mittlerweile gehören aber auch Leber- und seit 1999 sogar Herztransplantationen zum Repertoire der Jenaer Ärzte. Das Zentrum beschafft und verteilt Spenderorgane aller Art und ist für ganz Thüringen zuständig. Bei Organverpflanzungen kommt es nämlich entscheidend darauf an, dass der Empfänger das Organ auch verträgt und nicht nach kurzer Zeit wieder abstößt. Um dies sicher zu stellen, werden von jedem Spender und Empfänger eine Fülle von immunologischen Daten ermittelt und an die im niederländischen Leiden ansässige Organisation Eurotransplant gemeldet, die dann europaweit nach dem am besten geeigneten Spender-Empfänger-Paar sucht. "Da kommt es schon mal vor, dass wir einem Thüringer eine Niere aus Wien einpflanzen", so Prof. Jörg Schubert, der Direktor der Uni-Klinik für Urologie.

Sehr gute Kontakte haben die Jenaer Transplantationsexperten auch zu den Krankenhäusern und besonders den Dialyseeinrichtungen der Region. Auch mit den niedergelassenen Fachärzten der Region, mit Spezialisten für Kindernierenheilkunde, Chirurgen, Internisten, Mikrobiologen und Hausärzten arbeiten sie zusammen, denn die sind für die Nachbehandlung und Nachkontrolle extrem wichtig. Dank des Einsatzes von Frau Prof. Heide Sperschneider werden die mitbehandelnden Ärzte zudem fortlaufend geschult. Diese gute Zusammenarbeit erklärt auch den großen Erfolg der Jenaer Ärzte: Nach einem Jahr funktionieren noch fast 90 Prozent der eingepflanzten Nieren, nach fünf Jahren noch 75 Prozent - im deutschen und auch im internationalen Vergleich sehr gute Werte. Wenn die Spenderniere doch einmal ihren Dienst versagt, müssen die Patienten wieder die manchmal recht lästige Dialyse auf sich nehmen.

Kein Wunder, dass immer mehr ambulante Blutwäscheeinrichtungen ihre Patienten nach Jena überweisen und die Warteliste deshalb immer länger wird. Im Schnitt müssen Patienten etwa 3 Jahre warten, bis für sie eine geeignete Spenderniere gefunden ist. Lange Wartelisten sind aber durchaus erwünscht: Je länger die Liste, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich tatsächlich eine Spenderniere findet, die ein bestimmter Patient verträgt. Außerdem sind längere Listen ein Zeichen dafür, dass häufig transplantiert wird und die Ärzte deshalb über viel Erfahrung verfügen. "Deshalb ist es wichtig, dass Thüringer Patienten auch auf einer Thüringer Warteliste stehen", so Prof. Jörg Schubert. "Außerdem ist so eine wohnortnahe Nachbetreuung gewährleistet. Sollten tatsächlich mal Probleme auftreten, können wir sofort eingreifen."

Etwas freilich macht Prof. Schubert Sorge: Noch immer sind viele Menschen nicht bereit, im Falle ihres Todes ein Organ zu spenden - offensichtlich wird hier eine Urangst des Menschen berührt. Wurden 1998 in Jena noch 92 Nieren transplantiert, in den beiden folgenden Jahren noch jeweils etwa 70, so waren es in diesem Jahr bis Anfang Dezember nur 44. In Deutschland etwa würden eigentlich jedes Jahr 11.000 Spendernieren benötigt - tatsächlich verpflanzt werden aber nur 2.300. Das ist besonders beschämend, weil nicht wenige der in Deutschland eingepflanzten Organe - vermittelt über Eurotransplant - aus dem Ausland kommen. Gerade bei uns ist die Zahl der Spendewilligen aber besonders gering.

Dabei kommen als Spender ohnehin nur solche Menschen in Frage, deren Hirntod von zwei Ärzten unabhängig voneinander festgestellt worden ist, deren übrige Organe hingegen intakt sind. In Deutschland muss außerdem eine testamentarische Verfügung - etwa ein Organspenderausweis - des Verstorbenen vorliegen oder die Angehörigen müssen der Organentnahme zustimmen. In anderen Ländern ist das anders: In Österreich etwa muss der Verstorbene zu Lebzeiten einer Entnahme eigens widersprochen haben, in Singapur bekommt nur der ein Organ und selbst Spenderblut, der auch zur Spende bereit war und in der ehemaligen DDR war eine Entnahme sogar ohne Einwilligung möglich. Prof. Schubert appelliert deshalb an die Bevölkerung, sich einen Organspenderausweis zuzulegen: "Schließlich kann jeder einmal in die Situation kommen, dass er ein Spenderorgan benötigt."

Monika Paschwitz | idw

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