Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ethik in der Medizin

23.11.2001


Den Gesundheitswesen aller westlichen Länder stehen große Veränderungen bevor, und
über die notwendigen Reformen müssen die Gesellschaften einen Konsens herstellen. Der Tübinger Medizinethiker Prof. Urban Wiesing möchte eine offene und transparente Diskussion über die ethischen Grundüberzeugungen, die medizinischen und gesundheitspolitischen Entscheidungen zugrunde liegen, anregen.

Gerechtigkeit im Gesundheitswesen
Tübinger Ethiker über moralische Grundlagen von medizinischen Entscheidungen

"Gesundheit ist ein umfassenderes Problem als Medizin" - dieser Grundgedanke liegt mehreren Forschungsvorhaben am Lehrstuhl für Ethik in der Medizin der Universität Tübingen zugrunde. In mehreren Arbeitsgruppen um Prof. Urban Wiesing wird versucht, Klarheit darüber zu gewinnen, welche ethischen Überzeugungen medizinische Entscheidungen leiten.

An einem Beispiel können die Ethiker deutlich machen, was damit gemeint ist: Wenn zwei Patienten auf eine Spenderniere warten, so wird bei gleicher Wartezeit dem Patienten mit der besseren Gewebeverträglichkeit das Organ gegeben. Diese Entscheidung wird, so die Ethiker, damit begründet, dass der Patient mit der besseren Gewebeverträglichkeit größere Chancen hat, dass das Organ im Körper funktioniert und dass er mit dem Organ noch lange leben kann.

Hinter der Entscheidung steht also, neben medizinischen Faktoren wie Gewebeverträglichkeit und Allgemeinzustand des Patienten, der Nutzen, den das Organ für das Leben des Patienten hat. "Man hat eine Entscheidung gefällt, die unzweifelhaft ethischer Natur ist: Man erhofft sich von dieser Regelung, dass der Nutzen für den Einzelnen möglichst groß werden wird, da man davon ausgeht, dass die Zeit mit einem funktionierenden Transplantat in der Regel für den Patienten einen Nutzen darstellt", erklärt Wiesing. Ein Begriff wie "Nutzen" sei kein medizinischer, sondern ein wertender Begriff, der ganz verschieden interpretiert werden kann: Der Nutzen des transplantierten Organs ist groß, wenn ein Patient lange davon profitiert; der individuelle Nutzen des älteren Patienten ist freilich auch sehr groß, denn er würde mit dem transplantierten Herzen überleben können. "Welche Art von Nutzen als Begründung für die Zusage oder Ablehnung einer Transplantation vorgebracht wird, wird bei solchen Entscheidungen nicht offen dargelegt, sondern hinter scheinbar medizinischen Kriterien verborgen", kritisiert der Mediziner und Philosoph.

In der Arbeitsgruppe um Wiesing wird nun versucht, die ethischen Grundannahmen, die vielen medizinischen und auch gesundheitspolitischen Entscheidungen zugrunde liegen, herauszuarbeiten. Dass über Grundlagenprobleme der Gesundheitspolitik in dieser und noch weiteren Arbeitsgruppen in der medizinischen Ethik gearbeitet wird, hat seinen Grund in den großen Problemen, die die Gesundheitspolitik allen westlichen Ländern bereitet: Die möglichen medizinischen und medizintechnischen Leistungen allen Bürgern zur Verfügung zu stellen, ist kaum noch zu finanzieren. Die Ausgaben für die Krankenversorgung stehen auch in Konkurrenz zu anderen öffentlich finanzierten Gütern wie etwa Bildung, Bekämpfung von Armut, oder - nach den aktuellen Ereignissen in den USA - Schaffung von Sicherheit. In Deutschland wird in der aktuellen Politik über die Möglichkeiten diskutiert, wie im Gesundheitswesen Kosten zu reduzieren sind. "Es wird aber kaum über die Tatsache gesprochen, dass es Wertentscheidungen sind, die gefällt werden, wenn Änderungen in der Gesundheitsversorgung gefordert werden", so Wiesing. Solche Forderungen, dass sich etwa gesetzlich Versicherte zusätzlich privat absichern sollen, um den bisherigen Leistungsumfang sichern zu können, sind nicht medizinisch zu begründen. In diesem Fall ist die Frage, was der Gesellschaft und dem einzelnen Bürger die Gesundheitsversorgung wert ist. Die Debatte über Werturteile ist jedoch tabuisiert, so Wiesing, und deshalb sollte, bevor an der Gesundheitsversorgung grundsätzliche Änderungen vorgenommen werden, "die Diskussion in Deutschland transparenter werden und an Redlichkeit gewinnen".

Die Wertentscheidungen, die etwa hinter den medizinisch-wissenschaftlichen Entscheidungen bei der Vergabe von Transplantationsorganen stehen, müssten offen angesprochen werden. Dadurch könnten auch die Ärzte bei ihrer Entscheidung, wer für eine Transplantation in Frage kommt, entlastet werden: "Das medizinische Wissen kann genutzt werden, um die getroffenen Wertentscheidungen möglichst exakt und nachvollziehbar umzusetzen", meint Wiesing. Denn zuständig für Wertentscheidungen, die nicht nur Transplantationskriterien betreffen, sondern die Mittelverteilung in der Gesundheitsversorgung insgesamt steuern, können nicht die Ärzte (allein) sein. Auch die Bürger in den demokratischen Gesellschaften müssten entscheiden, wie sie die knapper gewordenen Ressourcen im Gesundheitswesen verteilen wollen.

Für die Diskussion über die ethischen Grundlagen gesundheitspolitischer Entscheidungen hat die Arbeitsgruppe Vorschläge aus der amerikanischen Bioethik aufgegriffen. "Die akademische Bioethik hat, vor dem Hintergrund der amerikanischen Tradition der angewandten Ethik einen Vorsprung in der Diskussion um moralische Grundpositionen der Gesundheitspolitik", sagt Wiesing. Außerdem spielt das Gesundheitssystem der USA in der aktuellen Entwicklung eine besondere Rolle: Die USA geben weltweit den größten Teil ihres Bruttoinlandsprodukts für das Gesundheitswesen aus und deshalb werden Probleme der Finanzierbarkeit intensiver diskutiert als in den europäischen Ländern. Besonderes Augenmerk gilt dabei auch den Möglichkeiten der Kostendämpfung, die das amerikanische Gesundheitssystem ohne Pflichtversicherung für alle nahe legt: eine Kombination von Wettbewerbselementen und verstärktem Management in der Gesundheitsversorgung - unter dem Schlagwort "Managed Care" bekannt. Bei der Diskussion der amerikanischen ethischen Positionen geht es keinesfalls um eine Verteidigung des amerikanischen Gesundheitssystems, denn "in diesem System sind 40 Millionen Menschen unterversichert beziehungsweise gar nicht versichert", so Wiesing. Aber durch die lange und offener geführte Diskussion sind die Positionen und die Argumente, die für
oder gegen bestimmte Überzeugungen sprechen, klarer entwickelt.

Die medizinethische Forschergruppe erörtert nicht nur theoretische Positionen, sondern auch konkrete Vorschläge, wie in den USA in das Gesundheitswesen eingegriffen wurde. Im Staat Oregon zum Beispiel wurde anhand eines Kosten-Nutzen-Profils eine Prioritätenliste festgelegt, nach der die einzelnen Gesundheitsleistungen bewilligt wurden. Diese Liste, so die Forscher, liefert ein einmaliges Beispiel für die Anwendungsprobleme eines Ansatzes, der allein das Kosten-Nutzen-Verhältnis berücksichtigt.

Der Handlungsbedarf im Gesundheitswesen in Deutschland ist offenkundig, das zeigen die Meldungen in den Zeitungen fast täglich. Damit die Vorschläge für Änderungen am Gesundheitssystem wirklich ernsthaft diskutiert werden können, arbeiten die Medizinethiker an theoretischen Grundlagen für Reformen im Gesundheitswesen. Lässt man sich in Deutschland auf diese Diskussion ein, so könnte dies nach Überzeugung von Wiesing den Effekt haben, dass sich gute Argumente dafür herausarbeiten lassen, die europäischen Traditionen der Sozial- und Krankenversicherung für alle zu verteidigen.

Michael Seifert | idw

Weitere Berichte zu: Ethik Gesundheitssystem Gesundheitswesen Organ

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie