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Der Blick ins lebendige Gehirn

06.04.2006


Symposium an der Universität Leipzig zum Jubiläum von Alzheimers Fallbeschreibung



Im Herbst 2006 jährt sich zum 100. Mal die Erstbeschreibung der Alzheimer Krankheit. Aus diesem Anlass haben die Wissenschaftler der Gedächtnissprechstunde und der Demenz-Forschungsgruppe an der Klinik für Psychiatrie der Universität Leipzig für den 12. April zu einem Symposium unter dem Titel "Diagnose und Therapie der Alzheimer Krankheit" eingeladen. Zu den Gästen zählten unter anderem Forscher vom Alzheimercentrum der Freien Universität Amsterdam, mit denen die Leipziger kooperieren.

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"Eigenartige Erkrankung der Hirnrinde"

Anno 1906 hatte Alois Alzheimer auf der 37. Jahrestagung der südwestdeutschen Irrenärzte den Fall einer 51-jährigen Patientin mit einer "eigenartigen Erkrankung der Hirnrinde" vorgestellt. Basierend auf diesem und weiteren ähnlichen Fällen führte Emil Kraepelin in seinem Lehrbuch im Jahre 1910 die "Alzheimer’sche Krankheit" als eigenständige Krankheit ein. Die Alzheimer Krankheit wurde damals in Abgrenzung zur sogenannten "senilen Demenz" gesehen, die zwar mit ähnlichen Symptomen und Hirn-Veränderungen einherging, aber erst im höheren Lebensalter auftrat. Erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhundert wurde diese Unterscheidung fallen gelassen. Seitdem steht der Begriff der Alzheimer Krankheit für alle Fälle, unabhängig vom Erkrankungsalter, die bestimmte Diagnosekriterien erfüllen. Der Begriff der Demenz steht heute nicht mehr für eine Krankheit, sondern beschreibt lediglich eine typische Ansammlung von Symptomen. Es gibt über 70 verschiedene Ursachen für eine Demenz, von denen die häufigste die Alzheimer Krankheit ist. Deren definitiver Nachweis ist bis heute nur durch die mikroskopische Untersuchung von Hirngewebe nach dem Tod des Patienten möglich.

Studie mit Gesunden und Kranken

Zu den Ergebnissen, die die Leipziger Forschergruppe auf dem Symposium darstellen wird, gehört der Einsatz von bildgebenden Verfahren in der Frühdiagnostik. "Seit 1997 arbeiten wir an einer über zehn Jahre geplanten Längsschnittstudie, die einhundert damals schon über 75-jährige Leipziger einband", erläutert Dr. Henrike Wolf, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Mitarbeiterin der Gedächtnissprechstunde. "Für diese Längsschnittstudie wurden die Teilnehmer einer großen Feldstichprobe, die nach dem Zufallsprinzip ausgesucht wurden, zu weiteren Untersuchungen in die Gedächtnissprechstunde eingeladen. Die Gruppe umfasste also sowohl von den verschiedenen Demenzursachen betroffene als auch kerngesunde Senioren. In regelmäßigen Abständen gingen unsere Mitarbeiter zu diesen Freiwilligen nach Hause und ließen sie Tests absolvieren." Die Probanden mussten sich Aufzählungen, Adressen oder Zeichnungen merken, Rechenaufgaben lösen oder Sprichworte erklären.

Vergleich der Ergebnisse mit MRT-Aufnahmen

Diese Test-Ergebnisse konnten die Wissenschaftler dann mit den Aufnahmen vergleichen, die sie per Magnetresonanztomografie vom Gehirn der alten Menschen gemacht hatten. Einen besonders interessierten Blick warfen die Forscher auf den Hippokampus, ein Stück Gehirn im innersten Abschnitt des Schläfenlappens. Unumstritten ist längst, dass die Alzheimer Krankheit den Hippokampus langsam schrumpfen lässt. "Das Entscheidende ist, dass wir auf diesem Wege, die Gehirne eines lebendigen Menschen untersuchen können - und nicht wie zu Alzheimers Zeit und in all den Jahrzehnten danach nur die der Verstorbenen. Wenn wir also sichere Aussagen treffen können, wie sich der Beginn einer Alzheimer Krankheit im Gehirn darstellt, welche Veränderungen sich dort abspielen, noch ehe der Patient im Alltag die ersten Probleme hat, dann können wir früher mit einer gezielten Therapie ansetzen. Bei den Menschen mit leichten kognitiven Störungen, war der Hippokampus bereits um etwa 15 Prozent geschrumpft."

Testergebnisse nicht immer identisch mit dem MRT-Bild

Doch nicht immer stimmen die während der Befragungen erzielten Test-Ergebnisse linear mit dem Abbild des mehr oder weniger reduzierten Hippokampus überein. Mitunter sind alte Menschen trotz des Schrumpfens dieser Hirnregion relativ fit; haben andererseits auch jene mit einem intakten Hippokampus Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis. "In diesem Fall interessiert uns, inwieweit die Lebensweise der Probanten dazu führt, dass die organischen Gegebenheiten folgenlos bleiben. Vermag es beispielsweise jemand, der auf Grund seiner Gehirnstuktur eigentlich ein Alzheimer-Pateint sein müsste, geistig leistungsfähig zu sein und das Defizit zu kompensieren, könnten dessen ’Tricks’ in Therapien einfließen."

Cholesterinspiegel auch für Alzheimer-Prognose wichtig

Andere Denkansätze dieser Langzeitstudie betreffen den Stoffwechsel der alten Menschen. "Wir vermuten, das das ’gute’ Cholesterin wichtig ist, um die Plastizität der Nervenzellen, (also ihre Veränderungs- und Anpassungsfähigkeit) im Alter aufrecht zu erhalten und dass so die Schrumpfung des Hippokampus verlangsamt wird. Insofern sollte man das Cholesterin im Blut nicht nur wegen möglicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Blick behalten, sondern auch unter dem Aspekt einer möglichen Alzheimer Erkrankung."

Bei Gedächtnishilfe professionelle Hilfe in Anspruch nehmen

Nach der notwendigen Reaktion auf Gedächtnisstörungen befragt, rät Dr. Wolf zu einem rechzeitigen Schritt in Richtung professioneller Hilfe. "Jetzt, da wir mit der Diagnostik so weit gekommen sind, dass wir an organischen Veränderungen auch Frühformen der Alzheimer Krankheit erkennen, sollte man Vergesslichkeit und mangelnde Orientierung nicht mehr kurzerhand als alterstypisch abtun." Als den ersten Weg empfahl die Expertin den zum Hausarzt, der die Ratsuchenden dann zum Neurologen oder direkt an die Gedächtnissprechstunde der Universität Leipzig überweisen kann.

Marlis Heinz

weitere Informationen:
Dr. Henrike Wolf
Telefon: 0341 97-24571
E-Mail: wolfh@medizin.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.izkf-leipzig.de

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