Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Medikamente außerhalb der Indikation verschreiben

31.10.2001


Ärzte müssen aus der Zwickmühle herauskommen
Medikamente außerhalb der Indikation verschreiben
Ergebnisse aus medizin-juristischem RUB-Symposion

Bei Krebs oder auch Aids müssen Medikamente in einer Weise angewendet werden, für die sie nicht zugelassen sind. Die Kassen drohen immer öfter, die Kosten für derartige Therapien nicht zu übernehmen. Nach Ansicht von Medizinern behindert das nicht nur die Therapie, es treibt auch Ärzte in den wirtschaftlichen Ruin. Die Problematik dieses sogenannten "nicht bestimmungsgemäßen Gebrauchs" ("Off-Label Use") stand im Mittelpunkt der Veranstaltung "Arzneimittelverordnung außerhalb der zugelassenen Indikation" am 27. Oktober in Bochum. Veranstalter waren Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer (Dermatologische RUB-Klinik im St. Josef Hospital Bochum und Vorsitzender der Deutschen AIDS-Gesellschaft), Prof. Dr. Dr. Hans-Ludwig Schreiber (Juristische Fakultät Göttingen) und Rechtsanwalt Herbert Wartensleben (Stolberg).

Wenn vielversprechende Behandlungen unterbleiben ...

Das Nierenzellenkarzinom ist eine eher seltene Krankheit. Beginnt der Krebs zu metastasieren, verläuft sie in vielen Fällen tödlich. Laut einer Untersuchung von Prof. Edith Huland (Hamburg) ist die Immuntherapie mit einer Kombination aus Interferon alpha und Interleukin-2 die derzeit vielversprechendste Behandlung. Sie ist Standard. Doch ihre Untersuchung zeigte auch: "Mehr als 90 Prozent der Zentren, die Interleukin-2 einsetzen, verwenden es nicht wie in der Zulassung beschrieben." Interleukin-2 darf nur intravenös verabreicht werden. Im klinischen Alltag sind jedoch die Nebenwirkungen "unzumutbar". Die Ärzte fanden heraus, dass die Substanz subkutan (unter die Haut gespritzt) verabreicht, erheblich besser verträglich ist. Prof. Huland berichtete, dass sich die Nebenwirkungen bei einzelnen Patienten noch einmal deutlich reduzieren lassen, indem die Substanz bei Lungenmetastasen inhaliert wird. "Die Patienten können dann auch während der Therapie wieder am Alltagsleben teilnehmen." Trotz solcher Erfolge, die auch international von Ärzten dokumentiert wurden, sieht sich auch Prof. Huland mit Regressforderungen durch Krankenkassen konfrontiert. Die Kosten für den "Off-Label Use" werden nicht übernommen.

In den USA wird 40 bis 60 Prozent "Off-Label" verschrieben

Dass dies nur ein Beispiel aus einer ganzen Reihe von ähnlich gelagerten Fällen ist, bewies das Bochumer Symposion. Prof. Brockmeyer berichtete von einem Aids-Fall, bei dem ein erlaubtes Medikament in einer nicht zugelassenen höheren Dosis verabreicht worden war. Prof. Huland verwies darauf, dass in den USA nach Angaben der American Medical Association 40 bis 60 Prozent aller Verordnungen "Off-Label" sind: "Zahlen, die auf Deutschland vergleichbar zutreffen." Warum werden Medikamente überhaupt "Off-Label" genutzt? Eine Antwort findet sich unter anderem in der Kinderheilkunde, in der der "nicht bestimmungsgemäße" Gebrauch besonders stark auffällt. Prof. Dr. Alfred Hildebrandt vom Bundesministerium für Gesundheit in Berlin: "Im Januar 2000 waren 49 von 110 in der Europäischen Union gemeinschaftlich zugelassene neue Arzneimittel sowohl für Erwachsene als auch für Kinder geeignet, aber nur 15 enthielten Angaben zur Anwendung bei Kindern und Heranwachsenden.

Warum Pharmaunternehmen weitere Tests scheuen

Der Zulassungsbereich für ein Medikament wird grundlegend von dem Pharmaunternehmen bestimmt, das es auf den Markt bringt, erklärte Rechtsanwalt Wartensleben. Die Unternehmen schränken in ihren Zulassungsanträgen bereits den Verwendungszweck und die Verabreichungsform ein, um eine schnellere und kostengünstigere Zulassung zu erhalten. Dass Medikamente aber auch bei ganz anderen Indikationen oder in anderen Verabreichungsformen wirksam sein können, machte das Symposion deutlich. Nur in ganz seltenen Fällen sind die Pharmaunternehmen bereit, mit Anträgen das aufwändige und zeitintensive Zulassungsverfahren erneut zu durchlaufen, um den Anwendungsbereich zu erweitern.

Ärzte müssen mit geeigneten Methoden behandeln können ...

Gerade in der Krebstherapie aber auch in anderen Bereichen wie etwa bei der HIV-Behandlung sind bislang in vielen Fällen keine Medikamente vorhanden, die eine Heilung ermöglichen. Die Ärzte versuchen, zumindest das Überleben zu verlängern oder eine bessere Lebensqualität zu schaffen. Dazu sind sie sogar verpflichtet. Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Ludwig Schreiber (Uni Göttingen) verwies auf die Musterberufsordnung der Ärzte (MBO), die "gewissenhafte Versorgung mit geeigneten Methoden" vorschreibe. Die Pflicht des Arztes sei es, sich an dem verfügbaren "Stand der medizinischen Wissenschaft" zu orientieren. Schreiber kommt zu dem Schluss: Unter dieser Voraussetzung sei eine medizinisch anerkannte Arzneimittelverordnung, auch außerhalb der zugelassenen Indikationsgebiete berufsrechtlich zulässig, "solange sie freilich zu anderen existierenden Möglichkeiten kein Risikogefälle aufweist."

... und die Krankenkassen müssen sparen

Die Kassen sehen das offenbar anders und weigern sich immer öfter, solche Therapien zu bezahlen. Das Symposion sah dringenden Handlungsbedarf, weil nicht nur engagierte niedergelassene Ärzte durch Regressforderungen in den wirtschaftlichen Ruin gedrängt werden, sondern weil auch klinische Ärzte mit komplizierten juristischen Schwierigkeiten konfrontiert werden, die sie in ihrer Arbeit behindern.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer, Klinik für Dermatologie und Allergologie, Ruhr-Universität Bochum, Gudrunstr. 56, 44791 Bochum, Tel.: 0234/509-3471, -3474; Fax: 0234/509-3472

Dr. Josef König | idw

Weitere Berichte zu: Indikation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz im Kampf gegen Prostatakrebs entdeckt
24.05.2018 | Universität Bern

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics