Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zu Hause wieder Gehen lernen

01.02.2006


Forschungsteam der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg und der Universität Ulm entwickeln Heim-Gehtrainer für gelähmte Patienten / Innovationspreis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung



Gelähmt - und dennoch wieder mobil auf eigenen Beinen? Ein Forschungsteam der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg entwickelt derzeit eines der ersten Therapiegeräte, mit dessen Hilfe Patienten ihre Gehfähigkeit zu Hause trainieren können. Gemeinsam mit Kooperationspartnern der Universität Ulm (Leitung von Professor Dr. Eberhard Hofer) wurden die Heidelberger Forscher im November 2005 mit dem Innovationspreis Medizintechnik 2005 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ausgezeichnet. Das Projekt wird mit rund 300.000 Euro vom BMBF gefördert.

... mehr zu:
»Gehtraining »Lähmung »Rückenmark


"Von einem Gehtraining profitieren querschnittgelähmte Patienten, deren Rückenmark nur zum Teil zerstört ist, sowie Patienten, die wegen eines Schlaganfalls nicht mehr sicher laufen können", erklärt Professor Dr. Hans Jürgen Gerner, Ärztlicher Direktor der Abteilung Orthopädie II an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, dessen Abteilung eine der größten Zentren Deutschlands für die Versorgung Querschnittsgelähmter ist. Das neue Gerät soll Patienten die Chance eröffnen, das in der Klinik begonnene Gehtraining zu Hause fortzusetzen und so langfristig bessere Erfolge zu erzielen.

Klinische Studien: Gehroboter verbessert Gangfähigkeit

Eine internationale Forschungskooperation unter Beteiligung der Heidelberger Arbeitsgruppe hat den Nachweis erbracht, dass die Gehfunktion von inkomplett Querschnittgelähmten durch den Einsatz von Gehrobotern verbessert werden kann. Die Roboter stehen erst seit kurzem als aufwendige Großgeräte an einigen Universitätskliniken und Rehabilitationskliniken in Deutschland zur Verfügung. Die Patienten laufen in einem motorgetriebenen Gehapparat, der ihre Beinbewegungen auf einem Laufband unterstützt. Ein Gurthaltesystem entlastet sie zum Teil von ihrem Körpergewicht; der Gehrhythmus wird flexibel angepasst. Die Patienten trainieren - je nach Typ und Ausmaß der Lähmung - phasenweise bis zu viermal pro Woche und bis zu eine Stunde pro Tag.

Physiologische Grundlage des Gehtrainings ist die Tatsache, dass die Nerven im Rückenmark nicht nur Signale vom und zum Gehirn weiterleiten, sondern selbständig einfache Schreitmuster erzeugen können. Die Funktion dieses "spinalen Mustergenerators" kann schon bei Neugeborenen beobachtet werden: Lässt man sie auf einer festen Unterlage "laufen", werden unwillkürlich Gehbewegungen ausgelöst, obwohl sie das Gehen noch längst nicht erlernt haben. Dieser Mechanismus wird durch einige Schlüsselreize in Gang gesetzt, wozu u.a. die richtige Belastung der Fußsohlen gehört

Physiologisches Gehtraining trainiert Neurone im Rückenmark

"Die Neuronennetzwerke im Rückenmark der gelähmten Patienten werden beim Gehen auf dem Laufband stimuliert, und können durch die ständige Wiederholung der Bewegungen trainiert werden", erklärt Dipl.-Ing. Rüdiger Rupp, Leiter des Forschungsteams an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg. In klinischen Studien haben die Heidelberger Wissenschaftler festgestellt, dass ein regelmäßiges Gehtraining die Ausdauer, Stabilität und Schnelligkeit des Gangs verbessert.

Um die positiven Effekte der Bewegungstherapie bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt nach der Rückenmarkverletzung nutzen zu können, wurde von der Heidelberger Arbeitsgruppe in Kooperation mit dem Paraplegikerzentrum Balgrist in Zürich ein aktives Stehbrett entwickelt, das inzwischen von der Firma "hocoma" in Lizenz kommerziell vertrieben wird. In einer Studie an Hochquerschnittgelähmten konnte die stabilisierende Wirkung auf lähmungsbedingte Steuerungsdefekte des Herz-Kreislaufsystems nachgewiesen werden. Ein positiver Einfluss auf die Osteoporose als Folge der Lähmung wird vermutet, entsprechenden Studien haben bereits begonnen.

Heimtrainer soll in den nächsten drei Jahren entwickelt werden

In Deutschland erleiden jährlich 1.200 Menschen eine teilweise Querschnittlähmung; rund 300.000 Menschen tragen eine Lähmung als Folge eines Schlaganfalls davon - darunter zunehmend jüngere Patienten. Die Gehfähigkeit wieder zu erlangen, ist eines der wichtigsten Ziele der Rehabilitation, nicht nur für die Rückkehr in das frühere Berufsleben, sondern auch für die persönliche Lebensqualität. Mit den neu entwickelten Großgeräten stehen im klinischen Umfeld erstmals effektive Methoden zur Verbesserung der Gehfähigkeit bereit. Allerdings gibt es derzeit keine Möglichkeit, die intensive Mobilisationstherapie auch im häuslichen Bereich fortzuführen.

An diesem Punkt setzt das Projekt der Forschungsteams aus Heidelberg und Ulm an: Während der nächsten drei Jahre soll ein Heimtrainer entwickelt werden, der einfach zu bedienen und individuell an die Bedürfnisse des Patienten anpassbar ist. Anders als bei den Großgeräten wird der Patient halb liegend eingespannt. Seine Beine werden durch pneumatische Pumpen regelmäßig im Gangrhythmus bewegt. Auch für die Bewegungstherapie andere Patientengruppen könnte ein derartiges Gerät möglicherweise zum Einsatz kommen, zum Beispiel zur Mobilisierung älterer Menschen oder bei Patienten, die ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk erhalten haben.

Ansprechpartner:

Professor Dr. Hans Jürgen Gerner
Direktor Abteilung Orthopädie II
Telefon: +49 6221 96 6321
Fax: +49 6221 96 6345
Sekretariat Frau Höfer
E-Mail: erika.hoefer@ok.uni-heidelberg.de

Dipl.-Ing. Rüdiger Rupp
Tel.: +49 6221 / 96 9230
Fax: +49 6221 / 96 9234
E-Mail: Ruediger.Rupp@ok.uni-heidelberg.de

Literatur:

Wirz M, Zemin DH, Rupp R, Scheel A., Colombo G, Dietz V, Hornby TG
Effectiveness of automated locomotor training in patients with chronic incomplete spinal cord injury: a multicenter trial
Archives Phys Med Rehabil, 2005, Apr; 86(4):672-80.

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.orthopaedie.uni-hd.de/
http://www.hocoma.ch
http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/1107.php

Weitere Berichte zu: Gehtraining Lähmung Rückenmark

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie