Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Größtes PPP-Projekt an einem deutschem Universitätsklinikum

20.01.2006


Auf dem Gelände des Universitätsklinikums Essen entsteht das "Westdeutsche Protonentherapiezentrum Essen" (WPE) - dazu gab nun der Aufsichtsrat grünes Licht. Begonnen wird mit dem Bau im Sommer 2006. Erste Behandlungen von Patienten sind für das Jahr 2009 geplant



Nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch soll das WPE ein Vorzeigeprojekt für Nordrhein-Westfalen und das Ruhrgebiet werden. "Das Protonentherapiezentrum ist das erste Public-Private-Partnership-Vorhaben an einem Universitätsklinikum und das größte deutschlandweit. Das Projekt führen wir nach strengen marktwirtschaftlichen Kriterien", erläutert Reinhold Keil, Kaufmännischer Direktor des Universitätsklinikum Essen. Das Investitionsvolumen für die Protonenanlage beziffert er auf 115 Millionen Euro. Für die gesamte Region rechnet er mit positiven Beschäftigungseffekten, insbesondere durch Stärkung der Medizintechnikindustrie und des internationalen Patiententourismus. Keil: "Wir sehen das WPE als weiteren wichtigen Baustein zur Förderung der Spitzenmedizin im Ruhrgebiet und zur Expansion der Gesundheitswirtschaft im Land." So entstehen im Westdeutschen Protonentherapiezentrum Essen 100 neue Arbeitsplätze für Wissenschaftler wie Strahlenmediziner und Physiker aber auch andere medizin-technische Berufe. "Diese arbeiten nach Fertigstellung der Anlage dann in zwei Schichten und an rund 300 Tagen im Jahr", so Keil.



Die Bestrahlung von Patienten mit Protonen wird in der Krebstherapie eingesetzt. Protonen ermöglichen die Strahlenbehandlung von Tumoren in empfindlichen Gewebsregionen und schonen Blutgefäße sowie die umgebenden Organe optimal. In dem Zentrum können jährlich bis zu 2.200 Patienten an vier Plätzen bestrahlt werden. Neben drei beweglichen Therapieplätzen für tief gelegene Tumoren (Gantries) wird auch ein kombinierter Horizontalstrahl-/Augentherapieplatz (Fixbeam) eingerichtet. Letztgenannter bietet neben der Bestrahlung von Augentumoren hinaus die Möglichkeit, auch tiefer liegende Geschwülste wie Gesichts-Hals-Tumoren oder Oberbauchtumoren zu behandeln.

Die moderne Krebstherapie basiert auf drei Säulen: Chirurgie, Medikamentöse Behandlung und Strahlentherapie. "Mehr als die Hälfte der Krebspatienten müssen im Laufe der Behandlung bestrahlt werden. Die Bestrahlung mit Photonen aus Linearbeschleunigern ist die heutige Standardform in der Strahlentherapie", erklärt Prof. Werner Havers, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen. Dabei durchdringen Photonenstrahlen den gesamten Körper. Bei der Behandlung mit Protonen hingegen kann genau gesteuert werden, wie tief die Protonen eindringen werden. Die Strahlen werden im Tumor oder gerade dahinter gestoppt und entfalten im Tumor ihre höchste Dosis. Bei schwierig zu behandelnden Tumoren kann die Strahlendosis im Tumor erhöht werden, ohne das umgebende Gewebe zu schädigen.

"Das UK Essen will ein Protonentherapiezentrum errichten, um bei bestimmten Krebsarten noch bessere Heilungserfolge zu erreichen", weiß Prof. Havers. Besonders bei Tumoren im Kindesalter hat die Protonentherapie Vorteile. Aber auch bei tief im Körper gelegenen Tumoren, die von empfindlichen Organen umgeben und nicht funktionserhaltend operabel sind, verspricht die Protonentherapie eine optimierte Krebsbehandlung. Chirurgie und Chemotherapie können in diesen Regionen kaum eingreifen. Positive Erfahrungen mit der Protonentherapie hat das UK Essen bereits gemacht: Ärzte aus Essen behandeln Patienten mit Augentumoren seit Jahren erfolgreich in Protonenanlagen in Nizza und am Hahn-Meitner-Institut in Berlin. An diesen Bestrahlungsanlagen, die vor allem der experimentellen Forschung dienen, können nur Patienten mit Augentumoren behandelt werden.

Das UK Essen hat eine große onkologische Kompetenz, in der die Strahlentherapie gleichberechtigt neben anderen Arten der Krebsbehandlung steht. "Die bisherige Strahlentherapie mit Photonen wird neben der neuen Strahlentherapie mit Protonen bestehen bleiben", so Havers und fügt hinzu: "Jeder Patient wird diejenige Behandlung erhalten, die für sein spezielles Krankheitsbild die richtige ist. Dafür sorgt die enge Kooperation im Westdeutsche Tumorzentrum Essen." Als weiteren Vorteil hebt er die enge Anbindung der neuen Strahlentherapie an ein Universitätsklinikum und damit an die forschende Medizin hervor, der für evidenzbasierte Medizin und damit die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Therapie stehe. Letztere wolle man in Kooperation auch mit anderen Kliniken und besonders den Universitätskliniken in NRW vorantreiben.

Auch Keil sieht Standortvorteile gegenüber anderen Einrichtungen: "Durch die strategisch günstige Lage im Zentrum Nordrhein-Westfalens erstreckt sich das Einzugsgebiet des Protonenzentrums auch auf angrenzende Regionen wie südliches Niedersachsen sowie nördliches Rheinland-Pfalz und Hessen. Damit können wir 25 Millionen Menschen gezielt erreichen und optimal behandeln." Die Wohnortnähe sei aus Patienten- und Kostenträgersicht ein wichtiges Kriterium, weil die Protonentherapie überwiegend ambulant erfolge. Außerdem ermögliche die Größe und das breite Versorgungsangebot des UK Essen nicht nur eine qualitativ hochwertige, sondern auch eine wirtschaftliche Protonentherapie. "Das macht uns als Partner für die Krankenkassen attraktiv," meint Keil.

So hat das Klinikum bereits mit dem Verband der Angestellten- und Arbeitsersatzkassen (VdAK/AEV) vereinbart, ihren Patienten die Protonentherapie bei bestimmten Tumorerkrankungen zu ermöglichen. Diese Tumorarten - von der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) als "harte Indikationen" beschrieben - stützen sich auf eine Liste der DEGRO. Darunter fallen etwa Krebsarten des Auges wie Aderhaut- und Irismelanome oder auch Sarkome der Schädelbasis. Keil ist optimistisch, auch die anderen Krankenkassen von der Erfolgsaussicht der Behandlungsmethode überzeugen zu können. So hat sich bereits vor zwei Jahren Wilfried Jacobs, Chef der AOK Rheinland, in einem so genannten Letter of Intent für das UK Essen als Standort für ein Protonentherapiezentrum ausgesprochen. Er hebt als Standortvorteile neben der universitären Anbindung die "ausgewiesene Expertise des Universitätsklinikums auf dem Gebiet der Onkologie" sowie die vorhandenen "wertvollen praktischen Erfahrungen in der Protonentherapie" hervor. Die begonnenen Gespräche mit Vertretern der AOK Rheinland über entsprechende Entgelte für diese neuartige Therapie möchte Keil in den nächsten Wochen intensivieren: "Wenn wir zu einem positiven Ergebnis mit den Kassen kommen, kommt die Protonentherapie dann allen Patienten zu Gute."

Nähere Informationen: Reinhold Keil, Kaufmännischer Direktor des Universitätsklinikums Essen, E-Mail: reinhold.keil@med.uni-essen.de, Telefon: (02 01) 7 23 - 26 00.

Kristina Gronwald | idw
Weitere Informationen:
http://www.universitaetsklinikum-essen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie