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"Risikobewertung von Chemikalien"

08.10.2001


Kinder müssen bei der Risikobewertung von Chemikalien besonders berücksichtigt werden!



Kinder können beim Abschätzen des Risikos, das von Agrar- und Haushaltschemikalien in Pflanzenschutzmitteln, Schädlingsbekämpfungsmitteln, Haushaltsreinigern etc. ausgeht, nicht als "kleine Erwachsene" betrachtet werden. Bei seinen Empfehlungen zu Schädlingsbekämpfung- und Pflanzenschutzmitteln hat das BgVV deshalb bereits seit einiger Zeit Kinder als die empfindlichste Verbrauchergruppe berücksichtigt, um möglichst hohe Standards beim Verbraucherschutz zu erreichen. Dies hat sich zum Beispiel in den Rückstandshöchstwerten der Lebensmittel für Säuglinge und Kleinkinder nach §14 der Diätverordnung niedergeschlagen.

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Um die Risiken für Kinder abzuschätzen, ist zu berücksichtigen, dass sich die Kapazität des kindlichen Organismus, Stoffe auszuscheiden, altersabhängig ändert. Gesondert berücksichtigt werden muss auch, dass sich die kindlichen Organe von der Geburt bis zum Abschluss der Pubertät entwickeln. Als dritte charakteristische Unterscheidung müssen bestimmte kindliche Verhaltensweisen und -muster beachtet werden, von denen angenommen wird, dass sie die Aufnahme von Stoffen beeinflussen. Ob sich aus einer solchen differenzierten Bewertung immer ein höheres Risiko für das Kind ergibt, kann heute nicht endgültig beantwortet werden. So lautet das Ergebnis des Workshops "Exposure of Children to Pesticides", der vom 27.-29. September 2001 vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, BgVV, im Rahmen des Aktionsprogramms "Umwelt und Gesundheit" veranstaltet wurde.

Der kindliche Körper reagiert nicht immer empfindlicher als der von Erwachsenen. Wie jeder Kinderarzt weiß, müssen Arzneimittel für "kleine Patienten" im Alter zwischen einem und etwa sechs Jahren höher dosiert werden als für Erwachsene. Dies beruht darauf, dass der kindliche Organismus diese Stoffe schneller eliminiert. Das gilt vermutlich auch für Chemikalien, die auf die gleiche Weise abgebaut und ausgeschieden werden. Gleichzeitig nehmen Kinder bei gleicher Ausgangsbelastung von z.B. Umwelt und Lebensmitteln aber größere Mengen an chemischen Stoffen auf als Erwachsene. So ist z.B. die Oberfläche der Haut im Verhältnis zum Gesamtkörper fast dreimal größer als die des Erwachsenen. Daraus resultiert eine höhere Gesamtbelastung des kindlichen Körpers bei der Aufnahme von Stoffen über die Haut. Noch größer sind die Unterschiede bei Stoffen, die über die Lungen aufgenommen werden. Kinder haben eine bis zu 60 mal höhere Ventilationsrate je Quadratmeter Lungenoberfläche, was bei der im Verhältnis zum Körpergewicht größeren Lungenoberfläche besonders zu Buche schlägt.

Auch die toxischen Effekte, die von Chemikalien ausgehen, müssen differenziert betrachtet werden. Bei der Abschätzung des gesundheitlichen Risikos muss sehr genau nach Stoffen und dem Zielorgan unterschieden werden, an dem sich die toxische Wirkung manifestiert. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Alter: Neugeborene, Säuglinge, Kinder im Kindergartenalter und Jugendliche müssen differenziert betrachtet werden, weil sich z.B. die Organe im Laufe des Kindesalters unterschiedlich schnell und in verschiedenen Phasen entwickeln. Werden das Gehirn oder die Geschlechtsorgane in einer solchen kritischen Phase beeinflusst, kann es zu irreversiblen Schäden kommen. Da das Ausmaß der Einflüsse von Substanzen heute nicht sicher abgeschätzt werden kann, geht man aus Vorsorgegründen von einer höheren Empfindlichkeit von Kindern aus. Dies gilt insbesondere für die toxikologisch besonders bedeutsame Gruppe der Pestizide, zu denen Stoffe wie Organophosphate, Pyrethroide und andere Schädlingsbekämpfungsmittel gehören. Zielorgan dieser Stoffe und Produkte ist bei den Insekten und folglich auch beim Menschen das Nervensystem.

Darüber hinaus haben Beobachtungsstudien amerikanischer Wissenschaftler ergeben, dass das Verhalten besonders bei Kindern im Krabbel- und Kindergartenalter die Aufnahme von Stoffen beeinflusst. Vor allem beim Spielen werden zusätzlich Stoffe über die Kontamination der Finger aufgenommen, die dann in den Mund gesteckt werden, aber auch über kontaminiertes Spielzeug und andere Gegenstände. Kinder nehmen deshalb vermutlich wesentlich mehr Stoffe über den Mund und damit über den Darm auf als Erwachsene. Als wahrscheinliche Aufnahmequelle von Pestiziden wird neben der Nahrung vor allem kontaminierter Hausstaub angesehen, da das Ausbringen von Schädlingsbekämpfungsmitteln im Haus zu einer Belastung des Hausstaubes führen kann. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn Haustiere wie Hunde oder Katzen gegen Ungeziefer behandelt worden sind. Alle diese Quellen führen über "mouthing behaviour" zu einer erhöhten Belastung.

Um das von Pestiziden und anderen Chemikalien ausgehende gesundheitliche Risiko für Kinder realistisch abschätzen zu können, müssen für einzelne Produkte und Produktklassen (wie Holzschutzmittel, Schädlingsbekämpfungsmittel, Pflanzenschutzmittel und Haushaltschemikalien) komplexe Expositionsmodelle entwickelt werden. Daten aus Biomonitoring-Studien können herangezogen werden, um derartige Schätzungen empirisch abzusichern. Da bisher nur sehr unvollständige und unsichere Daten verfügbar sind, geht man aus Vorsorgegründen grundsätzlich vom ungünstigsten Fall aus (worst case scenario). Daneben werden aber für die Schätzungen auch Verfahren entwickelt, die die gesamte Bandbreite der Variabilität und die Datenunsicherheit mit einbeziehen (probabilistische Schätzung). Diese Verfahren lassen dann auch Differenzierungen zwischen einzelnen Risikogruppen zu. Das BgVV hat diese Unsicherheiten bei der Prüfung des gesundheitlichen Risikos von Pestiziden bereits in der Vergangenheit berücksichtigt, soweit die vorliegende Datenlage das erlaubte.

Die wesentlichen Gründe, Risiken für Kinder gesondert abzuschätzen, ergeben sich demnach aus der Tatsache, dass die reale Belastung, die sogenannte Exposition, beim Kind anders ist und mit geringerer Sicherheit geschätzt werden kann als beim Erwachsenen. Derzeit ist noch offen, ob bei der Abschätzung von Risiken, die von Pestiziden und anderen Stoffen ausgehen, künftig ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor für Kinder eingeführt werden muss, wie es in den Vereinigten Staaten bereits praktiziert wird.

Dr. Irene Lukassowitz | idw

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