Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vertrauensbildendes Hormon reduziert Angst bei Menschen

13.12.2005


Studie am Zentrum für Psychiatrie der Justus-Liebig-Unviersität Gießen in Zusammenarbeit mit Forschern des amerikanischen National Instituts for Mental Health (NIMH)

... mehr zu:
»Amygdala »Hormon »NIMH »Oxytocin

Ein chemischer Botenstoff im menschlichen Gehirn, der dafür bekannt ist, Vertrauen in andere zu verstärken, scheint seine Wirkung durch eine Reduzierung von Aktivierung und Verbindungen in angstrelevanten Hirnstrukturen auszuüben, wie jetzt in einer Studie am Zentrum für Psychiatrie der Justus-Liebig-Unviersität Gießen in Zusammenarbeit mit Forschern des amerikanischen National Instituts for Mental Health (NIMH) gezeigt wurde.

Untersuchungen des Effektes des Hormons Oxytocin auf Hirnaktivierung zeigen, dass dieses die Aktivierung einer zentralen Stelle der Furchtregulation im Gehirn, der Amygdala, reduziert. Die Arbeit der deutschen und amerikanischen Wissenschaftler weist möglicherweise die Richtung für neue Behandlungsmöglichkeiten bei Erkrankungen, die mit einer Dysfunktion der Amygdala verbunden sind, wie z.B. soziale Phobie oder Autismus, wie die Forscher in der Ausgabe vom 7. Dezember des Journals of Neuroscience (Band 25, Heft 49, Seiten 11489 - 11493) berichten.


Es ist seit längerem bekannt, dass Oxytocin im Tierreich eine Schlüsselrolle für die Steuerung von komplexen emotionalen und sozialen Verhaltensweisen einnimmt. Vom Oxytocin-Niveau im Gehirn ist zum Beispiel abhängig, inwieweit Tiere mütterliche Fürsorge, Bindungsverhalten oder Aggressivität zeigen. Oxytocin reduziert die Angst bei Tieren und verändert ihre Fähigkeit, Furchtreaktionen zu lernen und zu verlernen. Es ist somit offensichtlich ein zentraler Botenstoff für die Steuerung von sozialem Verhalten im Gehirn von Säugetieren. Prof. Dr. Tom Insel, Direktor am NIMH und einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Wirkung von Oxytocin im Tierreich, ist von den jetzt vorgelegten Ergebnissen beeindruckt. "Die beobachteten Veränderungen in der Amygdala sind begeisternd, da sie versprechen, dass ein länger wirksames Analogon von Oxytocin eine therapeutische Wirkung bei Störungen, die mit sozialem Rückzug verbunden sind, haben könnte." (Quelle: Pressemitteilung des NIMH vom 7.12.2005).

Die jetzt erschienene Arbeit wurde inspiriert durch jüngste Befunde einer Züricher Arbeitsgruppe, die zeigten, dass beim Menschen durch Oxytocin das Ausmaß an Vertrauen, das wir unseren Mitmenschen entgegenbringen, beeinflusst wird (Kosfeld et al., Nature, 435 (7042), 2.6.2005). Um herauszufinden, wie diese Wirkung im Gehirn entsteht, führten die Gießener und amerikanischen Wissenschaftler eine kernspintomographische Studie durch. "Die Bedeutung von Oxytocin für das menschliche Verhalten ist in den letzten Monaten so deutlich geworden, dass es dringend notwendig war, nach den neurobiologischen Ursachen dieser Wirkung zu suchen" sagt PD Dr. Peter Kirsch, der am Zentrum für Psychiatrie in Gießen (Direktor Prof. Dr. Bernd Gallhofer) federführend für die Durchführung der Studie verantwortlich war. So hat zum Beispiel erst vor Kurzem eine amerikanische Arbeitsgruppe herausgefunden, dass Kinder, die direkt nach der Geburt ohne mütterliche Fürsorge geblieben sind, bei Interaktion mit ihrer Adoptivmutter weniger Oxytocin ausschütten als Kinder, die behütet aufgewachsen sind (Fries et al., PNAS, 102 (47), 22.11.2005).

"Wie wir sozial miteinander umgehen ist also zu einem wichtigen Teil von der Oxytocinausschüttung abhängig, wie funktionstüchtig unser Oxytocin-System ist, entscheiden auch frühe Erfahrungen und wo es seine Wirkung entfaltet, zeigt nun erstmals unsere Studie" ergänzt Kirsch.

Während 15 männliche gesunde Probanden Bilder mit angstrelevantem Inhalt betrachteten, erfassten die Giessener Neurowissenschaftler ihre Hirnfunktionen. Dabei zeigte sich, dass die selben Personen dann, wenn sie vor der Untersuchung eine geringe Menge an Oxytocin über ein Nasenspray aufgenommen hatten, eine geringere Aktivität der Amygdala, auch Mandelkerne genannt, aufwiesen, als bei einer vorherigen Einnahme eines Placebopräparates Diese Reduzierung der Aktivität in den Mandelkernen war bei der Betrachtung von angsterfüllten Gesichtern, also Stimuli mit einer hohen soziale Relevanz, besonders deutlich ausgeprägt. Darüber hinaus zeigte sich, dass die Oxytocingabe die funktionelle Verbindung zwischen den Mandelkernen und Regionen im Hirnstamm, die für die Regulation von körperlichen Angstreaktionen verantwortlich sind, verringerte.

Der Initiator der Studie, PD Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, ein ehemaliger Mitarbeiter am Zentrum für Psychiatrie der Justus-Liebig-Universität Gießen, der heute am NIMH in Bethesda forscht, blickt bereits in die Zukunft: "Zukünftige Studien müssen untersuchen, wie das Hormon bei Frauen wirkt, wie das verwandte Hormon Vasopressin wirkt und welche Auswirkungen genetische Veränderungen, die diese Hormone oder ihre Rezeptoren beeinflussen, haben." Zumindest die Frage der Wirkung bei Frauen wird man in Kürze beantworten können. Eine solche Studie, erneut als Kooperation zwischen den Gießener und den amerikanischen Neurowissenschaftlern, wird derzeit am Zentrum für Psychiatrie der Justus-Liebig-Universität durchgeführt.

Neben diesen grundlagenwissenschaftlichen Aspekten sollen die Befunde aber auch Basis für Ansätze sein, neue Behandlungsstrategien für psychische Störungen, die mit einer übermäßigen Angst, ausgelöst durch eine überaktivierte Amygdala, verbunden sind, zu entwickeln. So ist zum Beispiel bereits gezeigt worden, dass Kinder mit Autismus eine erhöhte Aktivierung der Amygdala bei der Betrachtung von Gesichtern zeigen (Dalton et al., Nat. Neurosci., 8,519-526, 8.4.2005). "Zukünftige Studien, die derzeit geplant werden, werden die Eignung von Oxytocin für die Behandlung von sozialer Angst bei Kindern mit Autismus überprüfen" kündigt Meyer-Lindenberg an.

An der Studie beteiligt waren:´

Peter Kirsch, Christine Esslinger, Daniela Mier, Stefanie Lis, Harald Gruppe und Bernd Gallhofer vom Zentrum für Psychiatrie der Justus-Liebig Universität Gießen und:
Andreas Meyer-Lindenberg, Qiang Chen, Sarina Siddhanti, Venkata Mattay vom Genes Cognition and Psychosis Program, National Institute of Mental Health, Bethesda, MD, USA.

Kontakt:
PD Dr. P. Kirsch
Zentrum für Psychiatrie
Am Steg 21
35385 Gießen
Telefon: 0641/99-45774
E-mail: peter.kirsch@psychiat.med.uni-giessen.de

Charlotte Brückner-Ihl | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-giessen.de
http://www.uni-giessen.de

Weitere Berichte zu: Amygdala Hormon NIMH Oxytocin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise