Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Experten für Selektiven Mutismus: Wenn Kinder plötzlich schweigen

28.11.2005


Marvin ist ein neugieriges, aufgewecktes Kind. Doch im Kindergarten versteckte er sich plötzlich nur noch hinter seinem Kuschelkissen, hockte stundenlang auf einem Stuhl und sagte kein einziges Wort. Nur mit seinen Eltern und den beiden Schwestern sprach der Dreijährige ganz unbefangen - sobald die Großeltern oder gar Fremde den Raum betraten, zog sich Marvin völlig zurück. Auch der Kinderarzt wusste keinen Rat, hielt das Verhalten für eine Trotzphase. Eine Phase, die allerdings kein Ende nahm. Über das Internet wurde die Familie schließlich auf das Sprachtherapeutische Ambulatorium an der Universität Dortmund aufmerksam. Hier erkannte man, dass der kleine Junge unter Selektivem Mutismus leidet.

... mehr zu:
»Ambulatorium »Mutismus

"Eins, zwei, drei ?" Leise zählt der heute fünfjährige Marvin die leckeren Schokokugeln, die ihm ein "Zauberer" in einem Rollenspiel schenkt. Noch vor einem Jahr hätte er wie versteinert in der Ecke gestanden und keinen Ton von sich gegeben. Mit einer Handpuppe hat Prof. Nitza Katz-Bernstein Kontakt zu dem Jungen aufgenommen. "Engelsgeduld und Phantasie sind dabei nötig", weiß die Leiterin des Ambulatoriums. Etwa eines von 1.000 Kindern sei von der ungewöhnlichen Kommunikations- und Angststörung betroffen. Doch die Zahl steige, vor allem bei Migranten- und verwahrlosten Kindern, so Katz-Bernstein.

Seit anderthalb Jahren kommt Marvin einmal pro Woche zur Sprachtherapie. Bereits nach 20 Wochen gelang es, dass sich der Junge ganz normal mit der Therapeutin Kerstin Bahrfeck-Wichitill unterhielt. Das Eis wurde gebrochen durch "Schnecki", eine kleine Handpuppe, die anfangs genauso unsicher war und sich in ihr Schneckenhaus zurückzog. Heute sind die beiden dicke Freunde. Marvin selbst nimmt die Therapie wie einen Besuch wahr. "Ich fahre zu Schnecki", sagt er zu seinen Schwestern. "Und wenn die Stunde einmal ausfällt, ist das schon fast eine kleine Katastrophe", erzählt seine Mutter. Sie ist froh, dass ihr Kind den Kreis seiner Vertrauten langsam erweitert. "Er war wie eine Wachsfigur, hat nie geschrieen oder geweint. Es war schlimm, das mit anzusehen."


Das Sprachtherapeutische Ambulatorium gehört zum Zentrum für Beratung und Therapie der Fakultät Rehabilitationswissenschaften. Es ist zugleich eine spezialisierte Forschungsstelle - im Bezug auf Mutismus auf diese Art einmalig an einer Universität im deutschsprachigen Raum. Hier werden neue Therapieformen entwickelt. Studierende können diese durch einen Einwegspiegel beobachten und lernen dadurch viel über seltene Phänomene. Zu einigen von ihnen hat Marvin bereits Kontakte geknüpft. Heute testet er zum Beispiel mit Susanne, wer am längsten still sein kann. Susanne verliert, denn sie muss plötzlich lachen.

30 Kinder kommen regelmäßig zur Therapie, davon sechs mutistische. Die Warteliste ist lang und deshalb versuchen die Dortmunder Expertinnen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Sie bieten Informationsabende für Lehrer und Eltern an. Dabei wird erklärt, wie man schweigende Kinder verstehen und unterstützen kann. Denn oftmals würde Mutismus nicht erkannt oder Eltern und Lehrer gäben zu früh auf. Mindestens anderthalb Jahre dauere eine behutsame Therapie, die Erfolgsquote liege bei fast 80 Prozent, so Katz-Bernstein: "Ohne Therapie wird ein Stück Sozialisation verpasst, das nicht nachgeholt werden kann. Aus den stillen Kindern entwickeln sich verschlossene, schweigsame Menschen." Manche sprechen bis ins Erwachsenenalter hinein kein einziges Wort.

Herausforderung und zugleich Chance ist für Marvin die Einschulung im nächsten Jahr. Die Sprachtherapie bereitet ihn schon jetzt spielerisch darauf vor. Seine Kindergartengruppe hat akzeptiert, dass Marvin nur selten mit anderen spricht, und wenn, dann in einem Geheimversteck. Doch in der Schule ist ein Neuanfang möglich, denn dort kennen ihn die anderen nicht als schweigendes Kind. Mit Unterstützung des Ambulatoriums wird Marvin vielleicht ein Schüler sein, der einfach nur etwas ruhiger ist als die anderen. Schon jetzt ist er verständlicherweise stolz darauf, wenn es ihm gelingt, allein beim Bäcker Brötchen zu kaufen.

Weitere Informationen:
Mu|tismus [zu lat. mutus = stumm, schweigend, ohne Sprache] ist eine seelisch bedingte Stummheit. Die Betroffenen kommunizieren nur noch mit bestimmten Personen oder in speziellen Situationen. Auch Geräusche wie Niesen werden teilweise unterdrückt.

Für dieses Verhalten gibt es laut Prof. Nitza Katz-Bernstein unterschiedliche Ursachen:
1. Trennungsängste (i.d.R. von der Mutter) beim Übergang in den Kindergarten oder die Schule
2. die Angst vor der eigenen Stimme und ihrem Klang
3. ein Trauma, z.B. nach einem Unfall oder einer Gewalterfahrung
4. eine Trotzreaktion (selten)

Neu erschienen:
Nitza Katz-Bernstein: Selektiver Mutismus bei Kindern. Erscheinungsbilder, Diagnostik, Therapie. ISBN: 3-497-01754-X

Kontakt:
Prof. Nitza Katz-Bernstein und Dr. Katja Subellok, Sprachtherapeutisches Ambulatorium im Zentrum für Beratung und Therapie der Universität Dortmund, E-Mail: spramb@pop.uni-dortmund.de

Ole Lünnemann | idw
Weitere Informationen:
http://www.mutismus.de
http://www.uni-dortmund.de/

Weitere Berichte zu: Ambulatorium Mutismus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neurorehabilitation nach Schlaganfall: Innovative Therapieansätze nutzen Plastizität des Gehirns
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

nachricht Die Parkinson-Krankheit verstehen – und stoppen: aktuelle Fortschritte
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste lichtgetriebene Stromquelle der Welt

Die Stromregelung ist eine der wichtigsten Komponenten moderner Elektronik, denn über schnell angesteuerte Elektronenströme werden Daten und Signale übertragen. Die Ansprüche an die Schnelligkeit der Datenübertragung wachsen dabei beständig. In eine ganz neue Dimension der schnellen Stromregelung sind nun Wissenschaftler der Lehrstühle für Laserphysik und Angewandte Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vorgedrungen. Ihnen ist es gelungen, im „Wundermaterial“ Graphen Elektronenströme innerhalb von einer Femtosekunde in die gewünschte Richtung zu lenken – eine Femtosekunde entspricht dabei dem millionsten Teil einer milliardstel Sekunde.

Der Trick: die Elektronen werden von einer einzigen Schwingung eines Lichtpulses angetrieben. Damit können sie den Vorgang um mehr als das Tausendfache im...

Im Focus: The fastest light-driven current source

Controlling electronic current is essential to modern electronics, as data and signals are transferred by streams of electrons which are controlled at high speed. Demands on transmission speeds are also increasing as technology develops. Scientists from the Chair of Laser Physics and the Chair of Applied Physics at Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) have succeeded in switching on a current with a desired direction in graphene using a single laser pulse within a femtosecond ¬¬ – a femtosecond corresponds to the millionth part of a billionth of a second. This is more than a thousand times faster compared to the most efficient transistors today.

Graphene is up to the job

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Im Spannungsfeld von Biologie und Modellierung

26.09.2017 | Veranstaltungen

Archaeopteryx, Klimawandel und Zugvögel: Deutsche Ornithologen-Gesellschaft tagt an der Uni Halle

26.09.2017 | Veranstaltungen

Unsere Arbeitswelt von morgen – Polarisierendes Thema beim 7. Unternehmertag der HNEE

26.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Europas erste Testumgebung für selbstfahrende Züge entsteht im Burgenland

26.09.2017 | Verkehr Logistik

Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie