Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pieks statt Pille: Akupunktur wirkt gegen Migräne

16.11.2005


gerac-Studien zu Spannungskopfschmerz und Migräne abgeschlossen - Fast kein Unterschied zwischen chinesischer und Scheinakupunktur



Akupunktur wirkt gegen Spannungskopfschmerz und Migräne mindestens ebenso gut wie die schulmedizinische Standardtherapie. Das ist das zentrale Ergebnis der gerac-Kopfschmerz-Studien (German Acupuncture Trials), an denen 1369 Patienten mit chronischem Spannungskopfschmerz oder Migräne teilgenommen haben. Die Teilnehmer wurden per Zufall einer von drei Gruppen zugeordnet: Die einen wurden nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) akupunktiert (sog. Verum-Akupunktur), die zweite Gruppe erhielt eine Schein-Akupunktur an unwirksamen Punkten (sog. Sham-Akupunktur), die dritte Gruppe die übliche Standardtherapie mit Medikamenten. Akupunktur-Patienten waren durchweg zufriedener mit der Behandlung als medikamentös behandelte Patienten. Zwischen der Wirksamkeit der Verum-Akupunktur und der Sham-Akupunktur zeigte sich kein signifikanter Unterschied.



Kopfschmerz plagt viele - Arbeitsausfall ist die Folge

Kopfschmerzen sind verbreitet: 20 bis 30 Prozent der Gesamtbevölkerung entwickeln im Laufe ihres Lebens einen Spannungskopfschmerz, der mehrmals wöchentlich auftritt. Etwa sechs bis acht Prozent aller Männer und zwölf bis 14 Prozent aller Frauen leiden unter Migräne. Von den rund 3,7 Milliarden Schmerzmitteldosen, die jährlich in Deutschland konsumiert werden, werden bis zu 80 Prozent gegen Kopfschmerzen eingenommen. Angesichts dieses Problems setzen viele Patienten gern auf alternative Heilmethoden wie die Akupunktur. "Etwa ein Drittel aller Patienten, die eine Schmerzklinik aufsuchen, sind mit Akupunktur vorbehandelt. Keine andere Methode hat eine so universelle Verbreitung. Daher ist es besonders wichtig, den wirklichen Nutzen einer solchen Methode genau zu untersuchen", so Prof. Dr. Michael Zenz, Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerztherapie der BG-Kliniken Bergmannsheil, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum. Diesen Anspruch erfüllte gerac, die weltweit größte Studie zur Wirksamkeit der Akupunktur gegen chronische Schmerzen.

Patienten wollen nicht lange Medikamente nehmen

An der Studie zur Migräne beteiligten sich insgesamt 960 (Verum: 313, Sham: 339, Standard: 308), an der zum Spannungskopfschmerz 409 (Verum: 209, Sham: 200) Patientinnen und Patienten. Die Akupunkturbehandlung umfasste zehn bzw. 15 Sitzungen binnen sechs bzw. zwölf Wochen, die Standardtherapie dauerte sechs Monate. In dieser Zeit wurden fünf Telefoninterviews geführt. Erstes Ergebnis: Etwa 100 Migräne-Patienten der Standard-Therapie-Gruppe brachen die Studienteilnahme vorzeitig ab, weil sie nicht über sechs Monate hinweg Medikamente (Betablocker) zur Migräneprophylaxe einnehmen wollten. Der Standard-Arm der Spannungskopfschmerzstudie mit Antidepressiva musste aus demselben Grund sogar vorzeitig abgebrochen werden. "Hieran zeigt sich, dass Alternativen zur dauerhaften Medikamenteneinnahme wirklich notwendig sind", so Prof. Dr. Hans-Joachim Trampisch, Abteilung für Medizinische Informatik und Biometrie der Ruhr-Universität Bochum.

Spannungskopfschmerz: Medikamente wirken nicht besser als Nadeln

Die Akupunktur erwies sich als wirkungsvolles Mittel gegen Kopfschmerzen: Die Anzahl der Tage mit Kopfschmerzen hatte sich bei Patienten mit Spannungskopfschmerz in der Verum-Akupunktur-Gruppe von 15,6 Tagen in den vier Wochen vor Behandlungsstart auf 6,21 Tage in den vier Wochen vor der letzten Akupunktursitzung reduziert. Im Interview sechs Monate nach dem Studienstart gaben die Patienten durchschnittlich an, an 6,03 Tagen in den zurückliegenden vier Wochen Kopfschmerzen gehabt zu haben. Die Häufigkeit reduzierte sich um 61,5 Prozent gegenüber dem Stand vor der Behandlung. In der Sham-Akupunkturgruppe klagten die Patienten vor Behandlungsstart an durchschnittlich 16,4 Tagen über Spannungskopfschmerz, direkt nach den zehn Akupunktursitzungen hatte sich die Anzahl der Kopfschmerztage in den zurückliegenden vier Wochen auf 8,54 Tage reduziert. Bis zum Sechs-Monats-Interview sank die Anzahl der Tage mit Kopfschmerzen weiter auf 8,44 Tage (Reduktion um 49,5 Prozent). In der Verum-Gruppe verringerte sich die Anzahl der Kopfschmerztage bei 33 Prozent um mehr als die Hälfte, in der Sham-Gruppe traf das auf 27 Prozent aller Teilnehmer zu. Zum Vergleich mit der schulmedizinischen Standardtherapie waren die Experten wegen des Abbruchs der Standardtherapie-Gruppe auf Vergleiche mit anderen Studien zur Medikamentenwirksamkeit angewiesen. Hier zeigte sich, dass die Akupunktur mindestens ebenso gut, eher besser wirkte.

Migräne: Akupunktur-Patienten sind zufriedener

Die Anzahl der Migräne-Tage reduzierte sich in der Verum-Gruppe um durchschnittlich 2,3 Tage, in der Sham-Gruppe um 1,5 Tage. In der medikamentös behandelten Standard-Therapie-Gruppe lag die mittlere Reduktion der Migräne-Tage bei 2,1. "Überraschenderweise zeigte sich bei Migräne keine Überlegenheit der kontinuierlichen, sechsmonatigen medikamentösen Prophylaxetherapie über die nur sechswöchige Akupunkturtherapie", fasst Prof. Hans-Christoph Diener vom Universitätsklinikum Essen zusammen. Die Akupunktur wirkte offenbar noch ein halbes Jahr nach Ende der Behandlung mindestens ebenso gut wie die kontinuierliche Medikamenteneinahme. Beide Akupunktur-Gruppen waren mit der Behandlung zufriedener als die Standard-Therapie-Gruppe: 52 Prozent der Patienten in der Verum-Gruppe und 45 Prozent der Sham-Gruppe gaben der Behandlung abschließend die Schulnote 1 oder 2. In der Standard-Therapie-Gruppe bewerteten nur 34 Prozent der Patienten die Behandlung so gut.

Kaum Unterschiede zwischen Verum- und Sham-Akupunktur

Bei beiden Kopfschmerzformen war keine signifikante Überlegenheit der Verum-Akupunktur gegenüber der Sham-Akupunktur nachweisbar. "Die Akupunktur stellt beim chronischen Kopfschmerz eine effektive und risikoarme Ergänzung des therapeutischen Konzepts dar, was ihre Anwendung im Rahmen der schmerztherapeutischen Behandlung rechtfertigt. Allerdings ist eine Scheinakupunktur fast genau so wirksam wie eine klassische chinesische Akupunktur", zog Prof. Diener Bilanz.

Noch offen: Ob die Kasse demnächst zahlt

Noch offen ist, wie der Gemeinsame Bundesausschuss über die Aufnahme der Akupunktur in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherungen entscheidet. "Die Studien zeigen, dass die Wirksamkeit der Akupunktur nicht als Placebowirkung abgetan werden kann.", so Dr. Bernhard Egger vom AOK-Bundesverband. Er betont, dass ein Lösung gefunden werden müsse, die die ärztlichen Leistungen angemessen vergütet, aber keine finanziellen Fehlanreize mit sich bringt: "Bei einer möglichen Aufnahme der Akupunktur in die Regelversorgung muss sichergestellt sein, dass Ärzte nicht aus finanziellen Gründen vorrangig Akupunktur anbieten statt der im Einzelfall vielleicht sinnvolleren Standardtherapien", so Dr. Egger. "Es bleibt auf jeden Fall spannend, welchen Stellenwert der Gemeinsame Bundesausschuss der Akupunktur beimessen wird."

Weitere Informationen

Prof. Dr. Hans-Joachim Trampisch, Abteilung für Medizinische Information und Biometrie, Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-27790, E-Mail: hans.j.trampisch@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.gerac.de
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Berichte zu: Akupunktur Migräne Spannungskopfschmerz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Stoßlüften ist besser als gekippte Fenster
29.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten