Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Durchtrennter Sehnerv - kein Dauerschicksal?

28.09.2001


Die Behandlung von Behandlungsmöglichkeiten bei durchtrenntem Sehnerv steht im Mittelpunkt der Forschungsaktivitäten von Prof. S.Thanos (ganz li.) und seinem interdisziplinären Team.


Fast kommt einem der Gedanke an Galileo Galilei und seinen legendären Ausspruch "Und sie dreht sich doch". Denn wie im 17. Jahrhundert der italienische Naturforscher radikal mit dem mittelalterlichen Weltbild aufgeräumt hatte, so stellt auch folgende Erkenntnis ein bisheriges wissenschaftliches Dogma auf den Kopf: Durchtrennte Nerven im Gehirn können nachwachsen. Freilich hat dieses 1997 in der Abteilung für Experimentelle Ophthalmologie der Universitäts-Augenklinik in Münster erzielte Ergebnis mehrjähriger intensiver Forschungen über die Regenerationsfähigkeit des Zentralen Nervensystems die Welt nicht wie damals in ihren Grundfesten erschüttert. Gleichwohl könnten die Konsequenzen dieser wissenschaftlichen Erkenntnis bisheriges Denken revolutionieren. Dass Blinde wieder sehen oder gar Querschnittsgelähmte wieder gehen, dürfte nämlich nun keine bloße biblische Prophezeiung mehr sein, sondern möglicherweise schon in wenigen Jahren Realität.

"Die mühsamste Arbeit ist gemacht", sieht Prof. Dr. Solon Thanos das Ziel seiner langjährigen Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet mittlerweile in greifbare Nähe gerückt. Möglicherweise schon in zwei bis drei Jahren könnte sich der Leiter der Abteilung für Experimentelle Ophthalmologie eine erste Anwendung der vielversprechenden experimentellen Arbeiten am Menschen vorstellen. Wenngleich sich der Biologe und Mediziner primär auf die Verletzung des Sehnervs und die Entwicklung entsprechender therapeutischer Strategien konzentriert, so geht er doch von vornherein davon aus, dass das Prinzip auch auf andere zerstörte Bereiche des zentralen Nervensystems übertragbar sein wird.

Dass durchtrennte Nerven in Gehirn und Rückenmark entgegen bisheriger fester wissenschaftlicher Überzeugung durchaus in der Lage sind, nachzuwachsen und ihre Funktion wiederzuerlangen, hat die interdisziplinäre Arbeitsgruppe um Prof. Thanos anhand einer Überbrückung des durchtrennten Nerven durch ein Segment
aus dem Ischiasnerv nachgewiesen. Die mikrochirurgischen Nerventransplantation hat die Erwartungen der Wissenschaftler voll erfüllt. Die durchtrennten Fasern des Sehnervs begannen in der Tat zu wachsen. Um 1, 3 Millimeter pro Tag verlängerten sie sich und wuchsen so immer mehr in den "Bypass" aus dem Ischiasnervsegment hinein. Was nach einem gescheiterten Versuch des spanischen Neurobiologen Ramon y Cajal seit Jahrzehnten niemand für möglich gehalten hätte, konnte so vor vier Jahren in Münster bewiesen werden. Doch wenngleich damit gezeigt werden konnte, dass auch Zellen in Gehirn und Rückenmark generell in der Lage sind, sich zu regenerieren, so konnte damit zunächst noch nichts über die Funktion des nachgewachsenen Nerven ausgesagt werden.

Wie viele Fasern wachsen überhaupt nach? Geben die nachgewachsenen Nervenfasern dem Gehirn die gleichen Informationen wie vor dem Unfall? Wie ist die Qualität der neu erlangten Sehfunktion? Und wie lässt sich die Funktion beim Tier überhaupt überprüfen? In weiteren Versuchen konnte das 20-köpfige internationale Team um Prof. Thanos auch diese Fragen mittlerweile weitestgehend beantworten. Um das Sehvermögen der Versuchstiere zu überprüfen, wurde über eine an der Nahtstelle der Faser angebrachte und mit dem Gehirn verbundene Elektrode die Aktivität der Fasern elektrophysiologisch abgeleitet und die Qualität der Potenziale verglichen. Die Ergebnisse übertrafen auch hier die kühnsten Erwartungen. Zehn Prozent der Sehkraft bei Ratten, 20 Prozent gar bei Affen - diese Erfolge machten Mut, auf diesem Weg weiterzumachen.

Wobei die münsterschen Wissenschaftler allerdings schon wieder einen Schritt voraus sind. Die Nerventransplantation sei gut geeignet gewesen, um die Regenerationsfähigkeit der Nervenzellen nachzuweisen, sagt Thanos. Als späteres Behandlungsverfahren beim Menschen hat er inzwischen einen ganz anderen Ansatz im Auge, und zwar die Gentherapie. Im Mittelpunkt der Arbeiten in der Experimentellen Ophthalmologie in Münster stehen derzeit molekularbiologische Arbeiten. Es geht dabei darum, herauszufinden, welches Gen der Zelle das Signal zum Nachwachsen gibt. Ziel der in enger Kooperation mit dem Institut für Medizinische Physik und dem Interdisziplinären Zentrum für Klinische Forschung der Universität durchgeführten Arbeiten ist es, später das betreffende Gen zu rekonstruieren und es über eine Genfähre, etwa ein Virus, in die verletzte Nervenzelle zu schleusen. Damit wäre ohne mikrochirurgischen Eingriff auf elegante Art und Weise eine schonende und dennoch wirksame Behandlung der Unfallopfer möglich.

Schon jetzt versucht Thanos, eine bundesweite Datei von Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma aufzubauen. Zwar könnte eine Behandlung vorerst nur innerhalb der ersten drei Monate nach der Verletzung greifen, weil die Nervenzellen sonst unwiederbringlich verloren sind. Doch der engagierte Wissenschaftler setzt hier neben den von seiner Gruppe entwickelten Behandlungsverfahren auf eine Therapie mit Stammzellen. Wenn es nicht nur gelingt, dass durchtrennte Nervenfasern nachwachsen, sondern dass auch durch den programmierten Zelltod verschwundene Nervenzellen ersetzt werden können, dann wäre vielleicht auch Hoffnung für die Menschen in Sicht, deren Unfall schon längere Zeit zurückliegt. Und dass dann eines Tages nicht nur Blinde wieder sehen, sondern vielleicht auch Lahme wieder gehen, könnte dann durchaus keine bloße Utopie mehr sein.

Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://medweb.uni-muenster.de/institute/augenheilkunde/expopht/

Weitere Berichte zu: Nervenzelle Ophthalmologie Sehnerv

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Allergieforschung: Weltweit erstes automatisches Pollennetz in Bayern am Start
28.09.2016 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

nachricht Maßgeschneiderte Strategie gegen Glioblastome
26.09.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: First-Ever 3D Printed Excavator Project Advances Large-Scale Additive Manufacturing R&D

Heavy construction machinery is the focus of Oak Ridge National Laboratory’s latest advance in additive manufacturing research. With industry partners and university students, ORNL researchers are designing and producing the world’s first 3D printed excavator, a prototype that will leverage large-scale AM technologies and explore the feasibility of printing with metal alloys.

Increasing the size and speed of metal-based 3D printing techniques, using low-cost alloys like steel and aluminum, could create new industrial applications...

Im Focus: Zielsichere Roboter im Mikromaßstab

Dank einer halbseitigen Beschichtung mit Kohlenstoff lassen sich Mikroschwimmer durch Licht antreiben und steuern

Manche Bakterien zieht es zum Licht, andere in die Dunkelheit. Den einen ermöglicht dieses phototaktische Verhalten, die Sonnenenergie möglichst effizient für...

Im Focus: Experimentalphysik - Protonenstrahlung nach explosiver Vorarbeit

LMU-Physiker haben mit Nanopartikeln und Laserlicht Protonenstrahlung produziert. Sie könnte künftig neue Wege in der Strahlungsmedizin eröffnen und bei der Tumorbekämpfung helfen.

Stark gebündeltes Licht entwickelt eine enorme Kraft. Ein Team um Professor Jörg Schreiber vom Lehrstuhl für Experimentalphysik - Medizinische Physik der LMU...

Im Focus: Der perfekte Sonnensturm

Ein geomagnetischer Sturm hat sich als Glücksfall für die Wissenschaft erwiesen. Jahrzehnte rätselte die Forschung, wie hoch energetische Partikel, die auf die Magnetosphäre der Erde treffen, wieder verschwinden. Jetzt hat Yuri Shprits vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ und der Universität Potsdam mit einem internationalen Team eine Erklärung gefunden: Entscheidend für den Verlust an Teilchen ist, wie schnell die Partikel sind. Shprits: „Das hilft uns auch, Prozesse auf der Sonne, auf anderen Planeten und sogar in fernen Galaxien zu verstehen.“ Er fügt hinzu: „Die Studie wird uns überdies helfen, das ‚Weltraumwetter‘ besser vorherzusagen und damit wertvolle Satelliten zu schützen.“

Ein geomagnetischer Sturm am 17. Januar 2013 hat sich als Glücksfall für die Wissenschaft erwiesen. Der Sonnensturm ermöglichte einzigartige Beobachtungen, die...

Im Focus: New welding process joins dissimilar sheets better

Friction stir welding is a still-young and thus often unfamiliar pressure welding process for joining flat components and semi-finished components made of light metals.
Scientists at the University of Stuttgart have now developed two new process variants that will considerably expand the areas of application for friction stir welding.
Technologie-Lizenz-Büro (TLB) GmbH supports the University of Stuttgart in patenting and marketing its innovations.

Friction stir welding is a still-young and thus often unfamiliar pressure welding process for joining flat components and semi-finished components made of...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart Glasses Experience Day

30.09.2016 | Veranstaltungen

Einzug von Industrie 4.0 und Digitalisierung im Südwesten - Innovationstag der SmartFactoryKL

30.09.2016 | Veranstaltungen

"Physics of Cancer" - Forscher diskutieren über biomechanische Eigenschaften von Krebszellen

30.09.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Smart Glasses Experience Day

30.09.2016 | Veranstaltungsnachrichten

Materialkompetenz für den Leichtbau: Fraunhofer IMWS präsentiert neue Lösungen auf der K-Messe

30.09.2016 | Messenachrichten

Vom Rollstuhl auf das Liegerad – Mit Funktioneller Elektrostimulation zum Cybathlon

30.09.2016 | Energie und Elektrotechnik