Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Starke Blase dank Stammzelltherapie

27.10.2005


Im Klinikum rechts der Isar erhalten Patienten, die unter Harninkontinenz (Blasenschwäche) leiden, seit Juni dieses Jahres eine neue und viel versprechende Therapie. Die Mediziner entnehmen eine Muskelbiopsie aus dem Oberarm des Patienten und injizieren daraus gewonnene Stammzellen anschließend in den geschwächten Schließmuskel der Harnröhre. Die Muskelzellen bilden neue Fasern aus und stärken so den Schließmuskel. So können Inkontinenzbeschwerden in vielen Fällen dauerhaft geheilt werden.



Diese Therapie wurde von Prof. Hannes Strasser an der Urologischen Universitätsklinik in Innsbruck, Österreich entwickelt und bereits bei mehr als 170 Patienten angewendet. Die Urologische Klinik im Klinikum rechts der Isar (TU München, Direktor: Univ.-Prof. Dr. Rudolf Hartung) ist die erste Klinik in Deutschland, die diese Therapie in Zusammenarbeit mit der Innsbrucker Klinik anbietet.



Hintergrundinformationen

Weit verbreitetes Leiden

Wer unter Harninkontinenz leidet, fühlt sich häufig unsicher und redet nicht über sein Problem. Dabei betrifft das Leiden immer mehr Menschen, denn das Erkrankungsrisiko steigt mit zunehmendem Alter. "Circa 30% aller Männer und Frauen über 60 Jahre in Deutschland leben mit einer gestörten Blasenkontrolle", berichtet Dr. Florian May, Oberarzt in der Urologischen Klinik und Poliklinik im Klinikum rechts der Isar.
Die häufigste Ursache der Harninkontinenz ist eine Schwäche der Muskulatur der Harnröhre, insbesondere ihres Schließmuskels, des sogenannten Rhabdosphinkters. Gerade nach Operationen und Geburten können diese Muskeln beeinträchtigt sein. Mit zunehmendem Alter kommt es zudem zu einem dramatischen Absterben der Schließmuskelzellen - der Verlust der Harnkontrolle wird immer wahrscheinlicher.

Revolutionäre Therapie

Aktuelle Therapieformen der Harninkontinenz sind vielfach unzureichend und weisen viele Nachteile auf. Bei Frauen werden heute in vielen Fällen künstliche Schlingen eingenäht, die den Beckenboden anheben sollen. Dabei handelt es sich jedoch um Fremdmaterial, das - wie sich zunehmend herausstellt - langfristig zu erheblichen Komplikationen führen kann. Männer sind aus anatomischen Gründen nur selten von Inkontinenzproblemen betroffen. Allerdings können auch Männer nach Beckeneingriffen wie beispielsweise Prostataoperationen betroffen sein. Den Patienten konnte bisher nur durch das Einbringen eines künstlichen Schließmuskels aus Silikon geholfen werden. Dies ist aber in vielen Fällen mit Komplikationen verbunden. Auch die Lebensdauer dieses Systems ist begrenzt, sodass diese Therapieform nur bei schwerwiegenden Formen angewendet wird.
Nun steht Männern und Frauen mit Inkontinenzproblemen eine neue und revolutionäre Methode zur Verfügung, die sich bereits in einer Reihe von Studien bewiesen hat: die Therapie mit körpereigenen Muskel- und Bindegewebszellen. Revolutionär ist die Methode deshalb, da sie das zugrunde liegende Problem - die Muskel- und Bindegewebsschwäche - ursächlich therapiert und dabei die Ergebnisse einer relativ jungen Forschungsrichtung nutzt: der Stammzelltherapie mit adulten Stammzellen.

Eigene Zellen nutzen

Die Therapie basiert auf der Tatsache, dass im menschlichen Organismus Vorläuferzellen vorhanden sind, die sich bei Bedarf zu spezifischen Zellen wie beispielsweise Haut oder Muskelzellen entwickeln. Diese Vorläufer- oder Stammzellen sorgen unter anderem dafür, dass sich nach einer Hautverletzung die Zellen wieder regenerieren. Der Mensch besitzt also eine Art "hauseigenes Ersatzteillager". Mediziner fahnden seit Jahrzehnten nach Möglichkeiten diese Fähigkeit für die Entwicklung neuer Therapien zu nutzen. Bei schweren Tumorerkrankungen stellt die Therapie mit Stammzellen bereits eine wichtige und etablierte Behandlungsform dar. Zu den ersten erprobten Anwendungsmöglichkeiten außerhalb dieses Gebiets gehört nun die Regeneration des Muskel- und Bindegewebes der Harnröhre. Fast erstaunlich ist die Schlichtheit und Eleganz mit der diese Methode zu einer Heilung der Blasenschwäche führt.

Stammzellforschung: aus dem Labor in die Klinik

Zunächst entnimmt der Arzt in einer weitgehend schmerzlosen Prozedur unter Lokalanästhesie dem Patienten eine Muskelbiopsie aus dem Oberarm. In einem spezialisierten Hochreinraumlabor kultivieren und vermehren Wissenschaftler diese Zellen, sodass schließlich eine ausreichende Menge an Stammzellen des Muskel- und Bindegewebes, sog. Myo- und Fibroblasten zur Verfügung steht. Einige Wochen später werden in einer kurzen Narkose in einem kleinen operativen Eingriff die körpereigenen Stammzellen in den Schließmuskel eingespritzt. Die Injektion erfolgt über die Harnröhre, sodass keine Schnittoperation erforderlich ist. Per Ultraschallkontrolle wird sichergestellt, dass die Zellen am richtigen Ort landen. Dort integrieren sich die neuen Zellen in den Zellverbund und übernehmen die spezifischen Aufgaben der Muskel- und Bindegewebszellen in Harnöhre und Schließmuskel.

Neue Chance für Patienten

In Innsbruck wird diese Therapie seit drei Jahren erfolgreich angewendet. In einer Studie mit 42 Harninkontinenz-Patienten konnte Professor Strasser zeigen, dass 83 Prozent nach der Stammzelltherapie geheilt waren. Bei 17 Prozent kam es zu einer deutlichen Verbesserung der Harninkontinenz. Es traten keine Nebenwirkungen oder Komplikationen auf (1). Zwischenzeitlich wurden mehr als 170 Patienten und Patientinnen mit dieser Methode therapiert. Sie ist jedoch nicht für alle Patienten mit Harninkontinenz geeignet. Vor einer Behandlung müssen noch verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden, um die individuell beste und die am meisten Erfolg versprechende Behandlungsform herauszufinden. Nun profitieren erstmals auch Patienten in Deutschland von dieser minimal invasiven und erfolgreichen Methode. "Ich bin mit der Therapie vollauf zufrieden", berichtet ein 72-jähriger Patienten, der im Klinikum rechts der Isar mit der Stammzelltherapie behandelt worden ist. "Meine Mobilität ist wieder hergestellt. Ich traue mich auch wieder in die Badeanstalt zu gehen - das war vorher nicht möglich."
Professor Rudolf Hartung, Direktor der Urologischen Klinik im Klinikum rechts der Isar ist zuversichtlich: "Patienten, die bisher aus Mangel an Erfolg versprechenden Therapien nicht auf eine Heilung ihres Leidens hoffen konnten, erhalten nun eine neue und schonende Behandlungsoption."

1: Stammzelltherapie der Harninkontinenz. Urologe (A) 2004-43: 1237-1241

Dr. Fabienne Hübener | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.tu-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neurorehabilitation nach Schlaganfall: Innovative Therapieansätze nutzen Plastizität des Gehirns
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

nachricht Die Parkinson-Krankheit verstehen – und stoppen: aktuelle Fortschritte
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Hochvolt-Lösungen für die nächste Fahrzeuggeneration!

25.09.2017 | Seminare Workshops

Seminar zum 3D-Drucken am Direct Manufacturing Center am

25.09.2017 | Seminare Workshops