Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Eine Spritze gegen Sauerstoffmangel

11.10.2005


Internationale Studie zum Einsatz von Gerinnungshemmern nach Herzstillstand / Federführung in der Klinik für Anaesthesiologie am Universitätsklinikum Heidelberg



Auch wenn der Notarzt meist rasch vor Ort ist: Einen plötzlichen Herzstillstand überlebt trotz Wiederbelebung nur jeder zehnte Patient - und die Folgen können gravierend sein. Durch den Sauerstoffmangel kann das Gehirn geschädigt werden. Rund 20 Prozent der Überlebenden tragen dauerhafte neurologische Schäden davon.



Eine internationale Studie, deren Federführung im Universitätsklinikum Heidelberg liegt, erprobt derzeit ein Medikament, das die Chancen der Patienten erhöhen könnte: Nach der Wiederbelebung wird ein Mittel gespritzt, das die Blutgerinnung hemmt. Die so genannte TROICA-Studie (Thrombolysis in Cardiac Arrest) gehört zu den weltweit größten Untersuchungen im Bereich der Notfallmedizin und schließt derzeit 830 Notfall-Patienten in zehn Ländern Europas ein. Bis zum Abschluss im Frühjahr 2006 soll die Zahl der Patienten auf 1.300 anwachsen. Geleitet wird diese Studie von Professor Dr. Bernd Böttiger, dem Stellvertretenden Direktor der Klinik für Anaesthesiologie am Universitätsklinikum Heidelberg.

In Deutschland sterben 100.000 Menschen pro Jahr an plötzlichem Herztod

Jeden Tag sterben in Europa etwa tausend Menschen am plötzlichen Herztod; allein in Deutschland sind es 100.000 pro Jahr. Warum die Chancen für eine Wiederbelebung (Reanimation) so schlecht stehen, erklärt Professor Böttiger so: "Einer der Gründe ist, dass es bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zu einer starken Aktivierung der Blutgerinnung kommt, so dass sich kleine Blutgerinnsel überall im Körper bilden." Trotz der Wiederbelebungsversuche werden die Organe nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt - das Gehirn nimmt wegen der kürzesten Toleranzzeit zuerst Schaden.

Dass eine medikamentöse Auflösung der tödlichen Hindernisse in den Adern (Lysetherapie) die Sauerstoffversorgung des Gehirns verbessern könnte, legen Einzelbeobachtungen und eine Pilot-Studie von Professor Böttiger nahe. Für die Idee von TROICA spricht zudem: Bei mindestens 70 Prozent, wahrscheinlich sogar über 90 Prozent der Kreislaufstillstände liegen ein Herzinfarkt oder - seltener - eine Lungenembolie zugrunde. Und bei beiden Krankheiten werden gerinnungshemmende Mittel bereits eingesetzt. "Demnach könnte man also schon während der Wiederbelebung die Ursache des Herz-Kreislauf-Stillstandes behandeln", folgert Böttiger. Bisher gehört dies nicht zur üblichen Notfalltherapie; zu groß ist die Angst der Mediziner, eine innere Blutung auszulösen.

Bei den im Rahmen der Studie behandelten Fällen von Herzstillstand trifft der Notarzt zunächst alle Maßnahmen zur Wiederbelebung. Dann erhält die Hälfte der Patienten - doppeltblind verschlüsselt - den Wirkstoff Tenecteplase. Die von der Herstellerfirma mit ca. zehn Millionen Euro unterstützte Studie überprüft die Ergebnisse anhand verschiedener Kriterien: beispielsweise die Zahl der Patienten, die ins Krankenhaus aufgenommen werden, die 30-Tage-Überlebensrate, das neurologische Ergebnis nach 30 Tagen beziehungsweise bei der Entlassung aus der Klinik, mögliche Blutungen und Nebenwirkungen.

Im Laufe der Studie kontrollieren Experten, ob die Behandlung der Notfallpatienten zu Komplikationen führt. "Offensichtlich ist sie als relativ sicher anzusehen", unterstreicht Professor Böttiger. Der Heidelberger Studienleiter ist sich der weltweiten Beachtung der Studienergebnisse sicher. Schon die Aktualisierung der "Internationalen Richtlinien zur Cardiopulmonalen Reanimation" im Dezember 2005 könnte Hinweise auf eine Lysetherapie enthalten.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Bernd W. Böttiger
Stellv. Geschäftsführender Direktor der Klinik für Anaesthesiologie
Universitätsklinikum Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 110, 69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56-6351, Fax: 06221 / 56-5345
E-mail: bernd.boettiger@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/anaes
http://www.erc.edu

Weitere Berichte zu: Anaesthesiologie Herzstillstand Sauerstoffmangel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen