Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Trends der Impfstoff-Forschung

17.09.2001


Die Impfstoff-Forschung war ein Thema während des Berliner Wissenschaftssommers. Ein Gespräch mit Professor Stefan Kaufmann vom Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. Er ist Koordinator eines Schwerpunktprogrammes der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Warum ist die Impfstoff-Forschung wichtig?

Weltweit wird ein Drittel aller Todesfälle durch Infektionskrankheiten verursacht. In der Todesursachenstatistik rangieren diese Erkrankungen noch vor Krebs. Jährlich sterben an ihnen 17 Millionen Menschen. Denn nach wie vor können wir Menschen noch nicht gegen große "Killer" wie Aids, Tuberkulose oder Malaria mit Hilfe von Impfstoffen schützen. Denn diese Erreger sind besonders kompliziert und trickreich. Mit ausgeklügelten Strategien können sie der körpereigenen Abwehr entgehen. Mit den bislang üblichen Methoden kommen wir daher nicht weiter. Die Impfstoff-Entwicklung muss an den rasanten Erkenntnisfortschritt der Grundlagenforschung angekoppelt werden.

Welche Strategien verfolgen Sie und Ihre Kollegen zur Zeit in der Impfstoff-Forschung?

Da gibt es verschiedene Ansätze. Zum einen versuchen wir, so genannte rekombinante Impfträger zu entwickeln. Dabei handelt es sich beispielsweise um abgeschwächte Bakterien, denen wir zusätzlich Gene mit der Bauanleitung für ein oder mehrere Antigene fremder Krankheitserreger einpflanzen. Diese Antigene aktivieren das Immunsystem und können so eine Infektion verhüten. Eine andere Strategie sind so genannte DNA-Vakzine. Diese Impfstoffe bestehen aus einem Stück Erbsubstanz des Erregers, welches für eines oder mehrere Impfantigene kodiert.

Was ist der Vorteil der rekombinanten Impfträger?

Man setzt Impfträger ein, von denen wir wissen, dass sie eine starke Immunantwort auslösen können. Dazu sind etwa Salmonellen in der Lage. Sie überleben lange genug im Körper, um einen ausreichend starken und lang anhaltenden Schutz zu bewirken. Darum gibt es auch bereits einen Impfstoff gegen Salmonellen aus abgeschwächten Erregern. Diese abgeschwächten Erreger bieten sich daher als Trägersysteme an. Mann kann Antigene von komplizierten Krankheitserregern, von denen sich nicht ohne weiteres Impfstämme ableiten lassen, übertragen.
Um die Verfügbarkeit der Antigene zu verbessern, haben wir Impfstoffträger beispielsweise mit einem aktiven Sekretionssystem ausgerüstet. Dadurch werden die Impfantigene von den Bakterien ausgeschleußt und sofort dem Immunsystem präsentiert.


Aus Experimenten wissen wir, dass lediglich solche ausgeschleußten Antigene Schutz bieten. Bleiben die gleichen Antigene im Impfträger eingeschlossen, sind sie hingegen unwirksam.
Darüber hinaus untersuchen wir zur Zeit verschiedene rekombinante Impfträger, die eingebaute Antigene auf unterschiedliche Art präsentieren. Denn es kommt auch darauf an, dass diese Träger die Antigene sowohl Helfer- als auch Killer-T-Zellen des Immunsystems gleichermaßen anbieten. Dann können sie als Träger von Impf-Antigenen gegen unterschiedliche Erkrankungen, etwa Bakterien, Parasiten oder Viren, dienen.

Was ist der Vorteil von DNA-Vakzinen?

Diese Impfstoffe bestehen nur aus einem Stück Erbsubstanz des Erregers, das für das schützende Antigen kodiert. Dieses wird in ein kleines ringförmiges DNA-Molekül, ein Plasmid, eingebaut. Dieses Plasmid enthält zusätzlich Kontrollelemente, die die Zellen des Impflings "verstehen". Die DNA-Vakzine wird zum Beispiel in die Muskulatur gespritzt, wo die Zellen die DNA aufnehmen und nach deren Bauanleitung die entsprechenden Eiweißmoleküle zusammenbauen. Die Strategie wird international zur Verhütung aber auch Behandlung zahlreicher Infektionskrankheiten erprobt, etwa gegen HIV. In den USA sind bereits klinische Studien mit freiwilligen Versuchpersonen angelaufen.
Allerdings müssen noch etliche Probleme gelöst werden. DNA-Vakzine sind nur schwach wirksam. Während die rekombinanten Impfstoff-Träger ihre eigenen "Verstärker" haben, die die Immunantwort intensivieren, ist dies bei den DNA-Impfstoffen nicht der Fall. Sie müssen in zu großen Mengen eingesetzt werden, um wirksam zu sein. Wir sehen darum nur schwache Immunantworten im Menschen. Aber das ist lösbar. Wir setzen ein "Verpackungssystem" ein, durch das wir die erforderlichen Impfdosen um den Faktor zehn bereits reduzieren können. Außerdem ist noch nicht ganz ausgeschlossen, dass sich diese Impfstoffe in die Erbsubstanz der Zellen des Impflings integrieren könnte. Bislang wurde dies zwar noch nicht beobachtet, aber wenn es doch geschehen sollte, kann dies schädlich sein, wenn dadurch wichtige Abschnitte des Erbguts inaktiviert oder potenziell gefährliche Gene aktiviert werden.

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.wissenschaftssommer2001.de/h

Weitere Berichte zu: Antigen DNA-Vakzine Erbsubstanz Immunsystem Impfstoff Impfstoff-Forschung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie