Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit Genforschung gegen Herzkrankheiten

16.09.2005


„Forschungsoffensive“, Teil 12 (Ende der Serie): Institut der Universität Witten/Herdecke erforscht genetische Ursachen von Herzerkrankungen

Herzkrankheiten und Risikofaktoren – zwei auch in der Bevölkerung mittlerweile verbundene Begriffe. Wenig bekannt ist jedoch, dass bei Arteriosklerose, Herz- und Hirninfarkten nur in circa der Hälfte der Fälle die klassischen Risikofaktoren wie Rauchen und Fettstoffwechselstörung als Ursache identifiziert werden können; bei den anderen Patienten greift das klassische Risikofaktorenkonzept nicht. Neueste Forschungsergebnisse legen nahe, dass hier genetische Faktoren eine große Rolle spielen. Zu den Aufgaben des Instituts für Herz-Kreislaufforschung der Universität Witten/Herdecke (UWH) gehört es, genetisch bedingte Erkrankungen frühzeitig zu erkennen.

In einem groß angelegten Forschungsprojekt der Bayer Healthcare AG, dem Leibniz-Institut für Arterioskleroseforschung Münster und dem Institut für Herz-Kreislaufforschung der UWH werden aktuell vor allem junge Patienten ohne klassische Risikofaktoren auf genetische Ursachen ihrer Herzerkrankung untersucht. Das Institut für Herz-Kreislaufforschung ist darüber hinaus an einem Projekt beteiligt, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Hierbei kooperieren insgesamt 15 Herzzentren bei der Erforschung genetischer Faktoren einer anderen weit verbreiteten Herzerkrankung, der Herzinsuffizienz.

Neben der Arteriosklerose als polygenetischer Erkrankung (viele Gene sind ursächlich beteiligt), gibt es in der Kardiologie heterogene Erkrankungen, welche direkt den Herzmuskel betreffen. Diese sind ein weiterer Schwerpunkt in der Forschung des Instituts für Herz-Kreislaufforschung. Die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM), die häufigste vererbbare Herzerkrankung, führt zu einer Verdickung der Herzmuskulatur mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität. Ursächlich waren bislang Mutationen in zwölf Genen bekannt, die über die Produktion fehlerhafter Proteine zur Schädigung der Herzmuskelzellen führen. Am Institut für Herz-Kreislaufforschung wurde in Kooperation mit der Charité Berlin ein weiteres geschädigtes Gen entdeckt. Dieses produziert ein fehlerhaftes Muscle LIM Protein, das eine wichtige Regulationsfunktion in der zellulären Differenzierung von Herzmuskelzellen ausübt.

Die genetische Diagnostik von Herzerkrankungen eröffnet völlig neue Möglichkeiten: Während bei der Präventivmedizin Risikofaktoren nur eine relative Erhöhung des Risikos gegenüber der Normalbevölkerung angeben, wird mit der prädiktiven Gendiagnostik eine genauere Individualprognose möglich. Durch die Identifikation erkrankter Gene in der Kardiologie kann eine zielgerichtete Diagnostik in früheren Krankheitsstadien als bisher erfolgen. Durch entsprechend früher einsetzende Therapie und zusätzlichen lebensstil-modifizierende Maßnahmen kann hier möglicherweise zukünftig der Krankheitsverlauf deutlich verbessert werden.

Ein Beispiel für die praktischen Konsequenzen: „Jetzt weiß ich, dass meine Kinder nicht am Sportunterricht teilnehmen dürfen“, so die Mutter zweier Kinder nach einer molekulargenetischen Untersuchung. In ihrer Familie waren seit mehreren Generationen Kardiomyopathien oder Herzkrankheiten als Todesursache bekannt. Da Sport ebenfalls zu einer Verdickung der Herzmuskulatur führt, könnte dies bei den genetisch betroffenen Kindern zu einer verhängnisvollen Entwicklung, nämlich dem plötzlichen Herztod, führen.

Aktuell konkret ist der Nutzen der Gendiagnostik beim Marfan-Syndrom; hier handelt es sich um eine ebenfalls genetisch bedingte Erkrankung, bei der es neben anderer Symptomatik zur lebensbedrohlichen Ruptur der Aorta kommen kann. Da der Krankheitsverlauf für die Patienten bis dahin völlig unbemerkt sein kann, wird hier durch eine frühe Identifikation genetischer Risikoträger mit großer Sicherheit bei vielen Patienten ein tödlicher Verlauf verhindert. Erweiterungen und drohende Risse in der Aorta können rechtzeitig erkannt und durch eine Operation behandelt werden.

Die diagnostische Möglichkeit der genetischen Identifikation von Risikoträgern wird zurzeit nur an wenigen Zentren in Deutschland im Rahmen von Forschungsprojekten angeboten. In den fünf Trägerzentren des Instituts für Herz-Kreiskreislaufforschung der Universität Witten/Herdecke werden diese Methoden in Kürze auch in der Routineversorgung betroffenen Patienten und ihren Familien zur Verfügung stehen.

Weitere Infos: Dr. Thomas Scheffold, Institut für Herzkreislaufforschung, 0231/72515211, info@herz-kreislaufforschung.de

| Universität Witten/Herdecke
Weitere Informationen:
http://www.uni-wh.de
http://www.herz-kreislaufforschung.de

Weitere Berichte zu: Gen Herz-Kreislaufforschung Herzerkrankung Herzkrankheit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie