Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zappelphilipp und Co: Chancen und Risiken

12.09.2005


Zappelphilipp und Co: Chancen und Risiken


Öffentlicher Vortrag in der Ruhr-Universität
Entwicklungspsychologen treffen sich in der RUB

... mehr zu:
»ADHS »Zappelphilipp-Syndrom


Felix kann nicht still sitzen, sich nicht konzentrieren, stört in der Schule ständig und bekommt schlechte Noten. Ist das noch normal oder handelt es sich um eine ernstzunehmende und behandlungsbedürftige Störung - das Zappelphilipp-Syndrom? Und wenn, wie lässt sie sich am besten behandeln? Um diese Fragen geht es bei einem öffentlichen Vortrag am 15. September (17 bis 18 Uhr, Audimax der RUB) im Rahmen der 17. Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie an der Ruhr-Universität. Der Referent, der Psychologe Prof. Dr. Manfred Döpfner (Universität Köln), hat sich auf die Erforschung des Zappelphilipp-Syndroms spezialisiert und baut mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung ein bundesweites Netzwerk für ADHS auf. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Keine Mode-Diagnose

Das Zappelphilipp-Syndrom gehört zu den häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Vor mehr als 150 Jahren hat Heinrich Hoffmann in seinem Struwwelpeter die Problematik von impulsiven, unruhigen und unaufmerksamen Kindern eindringlich beschrieben. Seit die Wissenschaft sich mit diesem Thema beschäftigt, wurde das Problem mit unterschiedlichen Begriffen belegt, die auch auf sehr verschiedene Sichtweisen im Laufe der Jahrzehnte hinweisen: Hyperkinetisches Syndrom (HKS), Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD), Aufmerksamkeitsstörung (ADS), Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) sind die im Laufe der Zeit am häufigsten gebrauchte Begriffe und Konzepte. Doch ADHS ist keine "Mode-Diagnose", denn sehr oft liegt bei den jungen Patienten eine komplexe Problematik vor; neben den Kernproblemen haben die Kinder und Jugendlichen häufig noch vielfältige andere Probleme, unter anderem aggressives Verhalten und schulische Leistungsprobleme.

Kontroverse Diskussion

Die aktuelle Diskussion in Deutschland ist gekennzeichnet von grundlegenden und sehr kontrovers diskutierten Fragen zur Konzeption dieser Störung, ihrer Häufigkeit und ihren Ursachen sowie zu den anwendungsbezogenen Aspekten der angemessenen Diagnostik und Therapie. Kein anderes Störungsbild liegt stärker im Schnittpunkt von Pädagogik, Psychologie und Medizin. Die einzelnen Disziplinen haben ihren jeweils spezifischen Zugang dazu und können zu einer angemessenen Sichtweise der Thematik und zu einem besseren Umgang mit dem Problem beitragen. Sie sind jedoch auch anfällig für jeweils spezifische Fehleinschätzungen.

Wie sieht ein umfassendes Therapiekonzept aus?

Die wichtigsten aktuellen Themen sollen vor dem Hintergrund von empirischen Forschungsergebnissen diskutiert werden: Handelt es sich um eine Krankheit und welche Kriterien werden bei der Definition angelegt? Was sind die Ursachen des Störungsbildes und wie ist sein Verlauf? Nimmt die Häufigkeit wirklich zu? Was ist bei der Diagnose zu beachten und welche Instrumente sind hilfreich? Welche sind die typischen Schwachstellen in der Diagnostik und Therapie der Kinder und Jugendlichen? Wie kann ein umfassendes Therapiekonzept aussehen, wann ist Pharmakotherapie indiziert und welche Alternativen gibt es? Wie können die verschiedenen Professionen - Pädagogen, Psychologen, Ärzte, Sozialarbeiter und viele andere konstruktiv zusammenarbeiten? Welche Möglichkeiten gibt es, Engpässe in der Beratung und psychotherapeutischen Versorgung zu vermindern?

Erleichterung für ca. 60 Prozent der Patienten

Inzwischen steht den Therapeuten ein ganzes Bündel an Maßnahmen zur Verfügung, mit denen die belastenden Situationen in Elternhaus, Kindergarten oder Schule entspannt werden können. Bei vier von fünf Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) lassen sich mit sog. multimodalen Behandlungsansätzen Symptome wie Unruhe oder Konzentrationsschwäche günstig beeinflussen. "Bei etwa 60 Prozent der Patienten können die Beschwerden jetzt sogar weitgehend beseitigt werden", erklärt Prof. Manfred Döpfner. Voraussetzung ist eine kombinierte und weit gespannte Therapie, die immer auch das soziale und schulische Umfeld einbezieht. "Von besonderer Bedeutung ist zunächst die umfassende Aufklärung der Familie, sagt Prof. Döpfner. "Wenn die Eltern verstehen, warum ihr Kind sich so verhält und auch das Kind begreift, weshalb es im Unterricht nicht still sitzen kann, ist schon viel gewonnen." In Schulungen, Beratungen und Trainingsgruppen, in denen konkrete Alltagssituationen durchgespielt werden, erfahren Eltern, warum die viel zitierte "Gardinenpredigt" ihren Sprössling wenig beeindruckt, dagegen kurze und klare Anweisungen sehr wirksam sein können.

Eltern und Lehrer müssen mitziehen

Auch Lehrer nehmen eine wichtige Rolle ein. Statt ständig zu schimpfen ("Wenn Du nicht still bist, fliegst Du raus"), können sie den Störenfried in der ersten Reihe platzieren und spezielle Fingerzeige oder Schlüsselwörter verabreden. Überspannt das Kind während des Unterrichts den Bogen, hilft dann oft das vereinbarte Zeichen, um es wieder auf den Boden zu holen. Ein ähnliches Vorgehen kann bereits im Kindergarten angewandt werden. Das Kind profitiert besonders von einer Kombination aus Verhaltenstherapie, in die Eltern und Lehrer einbezogen sind, und einer medikamentösen Therapie u. a. mit "Ritalin". Diese reguliert die Impulsivität und ermöglicht den Kindern, sich besser zu konzentrieren und länger aufmerksam zu bleiben. Die Nebenwirkungen sind meist gering, dennoch sollten Medikamente den schweren Fällen vorbehalten bleiben. Ergänzend können sie an sozialem Kompetenztraining teilnehmen und sich Ergotherapie, Psychomotorik sowie Einzel- oder Gruppenpsychotherapien unterziehen. Doch trotz aller Fortschritte: ADHS ist nicht heilbar. Prof. Döpfner: "Zwar bessert sich die motorische Unruhe und auch andere Probleme bei vielen bereits im Jugendalter. Aber 30 bis 50 Prozent der Patienten nehmen Impulsivität und Konzentrationsschwäche mit ins Erwachsenenalter."

Weitere Informationen

Prof. Dr. Axel Schölmerich, Dr. Marlies Pinnow, Arbeitseinheit Entwicklungspsychologie, Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-28672/-24627, E-Mail: axel.schoelmerich@rub.de, marlies.pinnow@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Berichte zu: ADHS Zappelphilipp-Syndrom

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen