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Erstmals in Europa: Tübinger Chirurgen geben Querschnittgelähmtem Blasenkontrolle zurück

08.09.2005


Patienten mit einer Querschnittlähmung können größtenteils ihre Blasenfunktion nicht mehr kontrollieren und sind auf Katheter, Windeln oder andere Hilfsmittel angewiesen. Am Universitätsklinikum Tübingen wird jetzt europaweit zum ersten Mal eine Operation angeboten, die diesen Patienten die Kontrolle über ihre Blasenfunktion zurückgibt, durchgeführt von Chirurgen der beiden Tübinger Universitätskliniken für Urologie und Neurochirurgie und Ärzten der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Tübingen.


Möglich wird die neuerliche Kontrolle der Blasenfunktion durch die operative Umleitung von Nervenbahnen. Nerven eines Rückenmark-Reflexbogens aus dem Oberschenkel werden auf den Reflexbogen der Harnblase umgeleitet. Durch die Auslösung eines Reizes am Oberschenkel kann dann über diese Umleitung die Blase wieder gesteuert werden. Dies dauert erfahrungsgemäß 6 bis 12 Monate.

Prof. Arnulf Stenzl, Oberarzt PD Karl-Dietrich Sievert (Urologische Uniklinik Tübingen), Prof. Marcos Tatagiba, Oberarzt Dr. Jan Kaminsky (Neurochirurgische Uniklinik Tübingen) und Oberarzt Dr. Andreas Badke (Abteilung für Querschnittgelähmte, Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Tübingen) haben die Operation erfolgreich am Vormittag des 7.9.05 durchgeführt.


Der Patient ist ein 25-jähriger Mann aus Baden-Württemberg, der vor zwei Jahren völlig unverschuldet bei einem Motorradunfall verunglückte und seitdem querschnittgelähmt ist. Die Harnblase wieder kontrollieren zu können, ungebunden zu sein, mit Freunden etwas unternehmen können, "das wäre ein Wunder", hofft der junge Patient.

Medizinischer Hintergrund und Entwicklung der Operationsmethode

Die fehlfunktionierende Blase verursacht bei Querschnittpatienten ein beträchtliches medizinisches und soziales Problem. Bisher gab es keine befriedigende therapeutische Möglichkeit für diese Patienten.

Prof. Chuango Xiao aus China entwickelt in den letzten Jahren eine neue Operationstechnik im Tiermodell und wendete diese bereits erfolgreich am Patienten an. Die publizierte Operationstechnik (J. Urol. 2003 Oct; 170:1237-41) wurde an 15 Patienten mit einem mittleren follow-up von drei Jahren nachuntersucht. Die Blasenfunktion kehrte im Durchschnitt nach 12 bis 18 Monaten bei 67 Prozent der Patienten zurück und es wurde eine befriedigende Blasenfunktion erreicht. Der Restharn reduzierte sich im Mittel von 332 auf 31 ml und Harnwegsinfekte und Überlauf-Inkontinenz verschwanden. Zwei der 15 Patienten brauchten eine zusätzliche elektrische Hautstimulation.

Mittlerweile sind von Dr. Xiao über 100 Patienten mit dieser Operationstechnik versorgt worden, bei denen teilweise die Unfälle bis zu 15 Jahre zurücklagen. 13 Patienten wurden bisher in den USA versorgt und wiesen eine deutlich schnellere Regeneration der Blasenfunktion von sechs Monaten auf, mit einer annähernd gleich bleibenden Erfolgswahrscheinlichkeit von 80 Prozent.

Am Tübinger Universitätsklinikum wurde Oberarzt PD Dr. Karl Sievert, der eine über 10-jährige Erfahrung in der sakralen Neurostimulation/-modulation hat, in der neuen Operationstechnik von Prof. Xiao persönlich unterrichtet. Er wird die Operation künftig in Kooperation mit den Experten für Neurochirurgie am Uniklinikum Tübingen durchführen.
Die beschriebe operative Technik ermöglicht eine Normalisierung der Blasenfunktion, die bisher nur in den seltensten Fällen möglich war. Darüber hinaus ist im Vergleich zu den bisherigen Therapieansätzen keine ausgedehnte Nervendurchtrennung und sehr teures Implantatmaterial notwendig.

Schätzungsweise ca. 30 bis 40 Patienten pro Jahr werden am Tübinger Uniklinikum für diese Behandlung erwartet.

Häufige Fragen (eine vereinfachte Darstellung)

1. Welche Auswirkungen hat eine Querschnittlähmung normalerweise auf die Blasenfunktion?

Die Auswirkungen der Querschnittlähmung auf die Blase beeinflussen in unterschiedlicher Weise den Blasenmuskel, aber auch den Harnröhrenverschlussmuskel. Beide können überaktiv oder schlaff sein, bzw. in entsprechender Kombination. Im schlimmsten Fall sind beide überaktiv, d.h. beide arbeiten gegeneinander. Daraus folgt eine Druckentwicklung, die sich bis in die Nieren fortsetzt, was ggf. bis zum Nierenversagen führt.

2. Wie wurden diese Auswirkungen bisher medizinisch angegangen?

Eine Möglichkeit bestand in der (irreparablen) Durchtrennung des Blasenverschlussmuskels. Die Folge ist eine dauerhafte Inkontinenz. Für Frauen bedeutet dies, nur noch mit Vorlagen leben zu können.

Als weitere Möglichkeit konnten Medikamente eingesetzt werden (Anticholinergika), die den Blasenmuskel beruhigten. Das bedeutet, dass der Patient auf einen Katheter angewiesen ist, mit allen Nebenwirkungen wie Unverträglichkeit, Auswirkungen auf das ZNS, Verstopfung etc. oder sogar nicht ausreichende Wirkung.

Als Drittes gibt es die Schrittmacherimplantation. Hierbei muss jedoch auch eine hohe Anzahl von Nervenbahnen durchtrennt werden.

3. Wie funktioniert ein Rückenmark-Reflexbogen? Wie funktioniert normalerweise der Blasen-Reflexbogen?

Durch den Reiz am Oberschenkel wird normalerweise eine Reaktion am entsprechenden Muskel ausgelöst. Wird der Nervenwurzelanteil, der bisher den entsprechenden Oberschenkel-Muskel versorgt hat, End-zu-End mit einem anderen, entsprechenden Nerv verbunden, wird dieser Nervenimpuls zum neuen Erfolgsorgan - in diesem Fall der Harnblase - geleitet. Durch die jetzt wieder auftretenden Reize normalisiert sich die Blasenfunktion (Blasenmuskel und Verschlussmuskel)und durch einen starken Reiz führt ein Zusammenziehen der Blase zum kontrollierten Wasserlassen.

4. Was wird bei der Operation gemacht? Was machen die Urologen, was machen die Neurochirurgen, was machen die Spezialisten für Querschnittgelähmte? Welche anderen Bereiche sind dazu wichtig?

Die Urologen führen vor der Operation die entsprechende Diagnostik zur Beurteilung durch, ob der Patient geeignet ist. Während der Operation beobachten sie den Druck in der Blase und die Blasenfunktion, damit die besten Nerven, die den unteren Harntrakt versorgen, ausgewählt werden. Dies ist ein entscheidendes Kriterium für den Erfolg.
Die Experten der Neurochirurgie überprüfen den Reflexbogen von der Haut am Oberschenkel über das Rückenmark bis zum Muskel (Erfolgsorgan). Sie legen in der Operation das Rückenmark frei und präparieren unter dem Operationsmikroskop die entsprechenden Nervenwurzeln. Dabei werden die Nerven zur Prüfung elektrisch gereizt. Zum Schluss erfolgt die Durchtrennung und die entsprechende End-zu-End Verbindung der ausgewählten Nervenfasern.

5. Warum benötigt man für so eine Operation eine Universitätsklinik?

Viele verschiedene Disziplinen und klinische Spezialisten sind für eine so anspruchsvolle Operation nötig (Experten für Querschnittgelähmte, Neurochirurgen, Urologen). Diese sind meist nur an den Unikliniken verfügbar.
Zusätzlich ist eine entsprechende technische und apparative Ausstattung der Klinik nötig, wie sie nur in großen Akutkliniken vorhanden ist.
Darüber hinaus haben Unikliniken die Kompetenz, Innovationen in die Standardtherapie einzuführen.

6. Wie lange dauert es, bis die Blase wieder funktioniert?

Bei den bisher publizierten Fällen wurde ein Erfolg nach ca. einem Jahr beschrieben.

7. Wie sehen die Planungen aus? Wird man den Eingriff künftig jedem Querschnittgelähmten anbieten können? Gibt es Einschränkungen, für welche Patienten ist der Eingriff geeignet?

Am Uniklinikum Tübingen ist geplant, den Eingriff möglichst bald in das normale Operations-Repertoire aufzunehmen. Durch die entsprechende Diagnostik muss bei jedem Patienten vorab geprüft werden, ob er geeignet ist.
Bei ganz frisch Rückenmarkverletzten muss man eine entsprechende Zeit abwarten, da es evtl. zu einer Normalisierung kommen kann, woraufhin diese Operation nicht notwendig ist.

Ansprechpartner für nähere Informationen

Universitätsklinikum Tübingen
Urologische Klinik
Prof. Dr. med. Arnulf Stenzl, Ärztlicher Direktor
Dr. med. Karl Sievert, Oberarzt
karl.sievert@med.uni-tuebingen.de
Tel. 0 70 71 / 29-8 6613, Fax 0 70 71 / 29-5092

Neurochirurgische Klinik
Prof. Dr. med. Marcos Soares Tatagiba, Ärztlicher Direktor
Tel. 0 70 71 / 29-8 03 25, Fax 0 70 71 / 29-5245

Dr. Ellen Katz | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-tuebingen.de

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