Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Musikorientiertes motorisches Lernen bei gehörgeschädigten und gehörlosen Kindern

31.08.2005


Gehörlose und gehörgeschädigte Menschen können verbale und musikalische Informationen kaum oder gar nicht wahrnehmen. Die Folgen sind Nachteile in der motorischen Entwicklung, speziell in der Ausprägung der Bewegungskoordination und der Gleichgewichtsfähigkeit, sowie ein unterentwickeltes Körperbewusstsein. Musikorientiertes motorisches Lernen hilft beim Ausgleich dieser Nachteile. Gemeinsam mit dem Institut für Sportwissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg hat die Firma Audiva (Kandern-Holzen) ein Hochtontrainer-System zur Anwendung in der musikgeleiteten Körpererziehung entwickelt.



Erprobt wurden die Wirkungen der Hochtontrainer im Landesbildungszentrum für Gehörlose in Halberstadt. Studierende des Institutes konzipierten und gestalteten gemeinsam mit den zwei Fachlehrerinnen des Bildungszentrums ein Unterrichtsprogramm mit einer betonten musikalisch-motorischen Ausbildung. Die Umsetzung dieses Programms bereitete den Kindern viel Freude. Die hörgeschädigten Schülerinnen und Schüler waren mit hohem Engagement dabei, wenn es galt, sich nach modernen Rhythmen mit ausgewählten Schrittkombinationen oder hüpfend und springend durch die Sporthalle zu bewegen. Der Direktor des Landesbildungszentrums, Gerhard Friedrich, zeigte sich hoch zufrieden als er die kleinen Tänzerinnen und Tänzer nach dem dreimonatigen Übungsprozess beobachtete. Zwei Gruppen wurden in diesem von Lotto Toto Sachsen-Anhalt, dem USC Magdeburg e.V. und dem Landesbildungszentrum für Gehörlose geförderten Projekt verglichen. Die erste arbeitete im Sportunterricht während der tänzerisch-gymnastischen Übungen mit dem Hochtontrainer, die zweit ohne. Durchgeführte Tests zur Bewegungskoordination und zur Rhythmisierungsfähigkeit belegen eine deutliche Leistungssteigerung bei den Kindern der ersten Gruppe. "Das Audiva Hochtontrainer-Systems wurde von den Schülerinnen und Schülern während der Ausübung der sportlich-tänzerischen Übungen nicht als störend empfunden und hat sich offensichtlich für die Anwendung im Sport mit gehörgeschädigten und gehörlosen Kindern bewährt", schätzt Prof. Dr. Anita Hökelmann, die betreuende Wissenschaftlerin, ein.

... mehr zu:
»Gehörlos »Sportwissenschaft


Das Hochtontrainer-System besteht aus einer zentralen Sendeeinheit (Hochtontrainer) mit CD-Player und Mikrophon, aus einem Kopfhörer mit integriertem Knochenhörer und aus einer Gürteltasche mit Empfangs- und Steuergerät. Der Hochtontrainer verstärkt die hochfrequenten Töne. Der Hochtonfilter hat eine Bandbreite von 1.000 bis 9.000 Hz. In diesem Frequenzbereich ist der Stimulationseffekt für Gehör und Gehirn am größten. Der Knochenhörer ist ein kleiner Vibrator, der Schall auf den Körper überträgt und der taktil-kinästhetischen (mechanisch-bewegungsempfindend) Anregung dient. Der Knochenhörer berührt beim Tragen die Schädeldecke und ergänzt das Hörerlebnis, das durch die Resthörfähigkeit geprägt ist. Mit Hilfe von akustischen und somatosensorischen Signalen (Vibrationen) werden die musikalischen Informationen an gehörgeschädigte und gehörlose Menschen vermittelt über die taktile Wahrnehmung, also über den Tastsinn. Dadurch wird es über ein musikorientiertes motorisches Lernen im Sportunterricht und im außerschulischen Sport möglich sowohl Einfluss auf die Ausprägung des Bewegungsrhythmus als auch auf die Entwicklung des Sprachrhythmus zu nehmen.

Empirische Befunde von D. Shibata, vorgestellt auf dem "87th Scientific Assembly and Annual Meeting of the Radiological Society of North America (RSNA)" in Chicago, 2001, zeigen, dass gehörlose Menschen Schwingungen, die durch Musik ausgelöst werden, im ganzen Gehirn wahrnehmen. Besonders stark ist die Wahrnehmung im auditiven Kortex, der normalerweise für die Tonverarbeitung verantwortlich ist. Besonders im Kindesalter nutzt das junge Gehirn den Vorteil, Vibrationen dort zu verarbeiten, wo normalerweise die Verarbeitung von Tönen stattfindet. Wenn der Körper in taktiler und somatossensorischer Weise stimuliert wird, erfolgt gleichzeitig auch eine positive Stimulation des limbischen Systems. Die dadurch hervorgerufene positive emotionale Aktivierung ist für das motorische Lernen genauso von Bedeutung wie die Informationen, die durch musikalisch-rhythmische Strukturen vermittelt werden und Einfluss auf die zeitlich-dynamische Gestaltung einer Bewegung nehmen. Das ist besonders für das Tanzen relevant.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Anita Hökelmann, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Institut für Sportwissenschaft, E-Mail: anita.hoekelmann@gse-w.uni-magdeburg.de
Tel.: 0391 67-14727

Prof. Dr. Peter Blaser, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Institut für Sportwissenschaft, E-Mail: peter.blaser@gse-w.uni-magdeburg.de
Tel.: 0391 67-14721

Waltraud Riess | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-magdeburg.de/

Weitere Berichte zu: Gehörlos Sportwissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften