Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Virologen der Universität Leipzig entwickeln Nachweisverfahren für Vogelgrippe-Erreger

25.08.2005


Droht die Gefahr aus dem Himmel?



Vogelgrippe. Es wird spekuliert, diskutiert, administriert. Die Medien sind voller Warnungen. Anlass für ein Gespräch mit Prof. Dr. Uwe Gerd Liebert, Direktor des Instituts für Virologie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig



Wie genau entstand das Virus der Vogelgrippe?

Es ist ein Kreuzung zwischen einem Influenza-Virus, das bisher nur beim Menschen bekannt war und einem, das nur Tiere befiel. Bislang sind laut Weltgesundheitsorganisation mehr als 15 Subtypen von Grippeviren bekannt, die Vögel infizieren können. Wenn ein Tier gleichzeitig an mehreren Viren-Typen, darunter auch menschlichen, erkrankt und die Erreger dann auch noch in derselben Zelle aufeinandertreffen, dann entsteht möglicherweise ein neues Virus. Aber von dem ist erst einmal nur der Vogel betroffen. Wenn die Tierhalter mit ihrem Geflügel sehr eng und unter schlechten hygienischen Bedingungen zusammenleben, dann kann auch der Mensch angesteckt werden. Das ist vermutlich seit Jahrhunderten so - und seit acht Jahren weiß man um die Details.

Weshalb kann ein Virus, das normalerweise von Tier zu Tier springt, plötzlich auch Menschen befallen? Wie außergewöhnlich ist das Überwinden der Artenbarriere?

Das ist für Viren das Normale. Sie sind ja im Gegensatz zu Bakterien keine kompliziert funktionierenden Zellen sondern einfach gebaute Partikel aus Eiweiß. Ihre Erbinformationen bestehen aus einem sehr schlichten Baukasten. Das macht sie so flexibel - und so gefährlich. Bisher ist jedoch nur nachgewiesen worden, dass das Vogelgrippe-Virus vom Tier zum Menschen weitergegeben wird. Eine Infektion von Mensch zu Mensch ist bislang nicht erwiesen. Aber sie ist eben auch nicht ausgeschlossen und wird immer mal wieder vermutet.

Wie hoch ist die Gefahr für infizierte Menschen, am Vogelgrippe-Virus zu sterben? Es ist von bis zu 50 Prozent die Rede.

Dazu gibt es noch keine seriös ermittelten Aussagen. Wir wissen nämlich nicht, wie viele der Infizierten sich überhaupt in ärztliche Behandlung begeben. Die Tatsache, dass von den allerschlimmsten Fällen viele tödlich enden, sagt wenig über die den Ausgang der Gesamtheit von Infektionen und über die Häufigkeit von Infektionen in einer Population.

Wenn das Vogelgrippevirus seit acht Jahren enttarnt ist, warum dann gerade jetzt diese aufflammende Sensibilität für das Thema?

Ich sehe die Gefahr heute nicht deutlich größer als vor einem oder zwei Jahren. Aber Medien und Politik ist sie endlich bewusst geworden.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Pandemie, also eine weltweiten Epidemie, gering ist, ihre Folgen wären dramatisch. Wie sehen Sie die Vorbereitungen, die in der Bundesrepublik gegenwärtig getroffen werden?

Die meisten gesetzlichen Regelungen sind vernünftig, manche weniger. So sehe ich nicht, wie ein über einen Geflügelhof gespanntes Netz die dort frei herumlaufenden Tiere vor dem herabfallenden Kot eventuelle erkrankter Wildvögel schützen soll. Die Forschung machte - und das nicht erst seitdem das Thema in den Medien ist - entscheidende Fortschritte. Insbesondere im Friedrich-Loeffler-Institut, das auf der Insel Riems unter Hochsicherheits-Bedingungen Experimente zu Infektionskrankheiten bei Tieren unternimmt, geht man sehr zielgerichtet vor. Bei der Entwicklung des Serums gegen die Vogelgrippe griffen die Wissenschaftler auf Ergebnisse molekularbiologischer Grundlagenforschung zurück und veränderten mit Hilfe gentechnischer Methoden die Erbinformation für ein entsprechendes Virusprotein.

Mehr Sorgen macht mir allerdings die bisher nicht genügende Bevorratung mit Medikamenten. Da bisher noch keine Resistenz der Viren gegenüber den gängigen Mitteln entdeckt wurde, würde das auch nicht bedeuten, dass diese Bestände immer wieder ausgetauscht werden müssten.

Reden wir mal über die Impfung. Bisher wird kein Serum produziert, das gegen die Vogelgrippe schützt. Sollte man sich trotzdem gegen die bekannte Influenza impfen lassen?

Unbedingt! Schon die Zahlen sprechen dafür: In Asien sind bisher 60 Betroffene an der Vogelgrippe gestorben. In Deutschland werden jährlich zwischen 6 000 und 10 000 Todesfälle auf Influenza oder ihre Komplikationen zurückgeführt. Möglicherweise würde auch eine Vogelgrippe-Infektion mit dem herkömmlichen Impfschutz glimpflicher ablaufen, denn die beiden Virenarten sind entfernte Verwandte. Alle Thesen, dass eine überstandene Infektion den Körper stärke, sind lebensgefährlicher Unsinn.

Was kann der Einzelne außerdem tun, um sich weitestgehend zu schützen?

Er sollte als Tourist keine asiatischen Geflügelmärkte besuchen. Falls die Krankheit bei uns ankommt, wäre es nötig, den Kontakt zu Farmen mit Freilandgeflügel zu meiden, Eier und Fleisch gut durchzugaren und Federn nur zu verwenden, wenn die hoch erhitzt wurden.

Inwieweit ist die Uni Leipzig wissenschaftlich mit der Problematik beschäftigt?

Wir hier am Institut für Virologie arbeiten an der Entwicklung eines Tests, mit dem man den Virus im menschlichen Körper nachweisen kann und eines Tests, der die Immunreaktion anzeigt. Solche Tests sind bislang nicht am Markt erhältlich. Aber wir brauchen sie, um im Notfall eine schnelle und flächendeckende Diagnostik garantieren zu können. Und dies ist die Voraussetzung für eine zielgerichtete Behandlung.

Marlis Heinz

weitere Informationen:

Prof. Dr. Uwe Gerd Liebert
Telefon: 0341 97-14300
E-Mail: liebert@medizin.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/~virology

Weitere Berichte zu: Erbinformation Infektion Virus Vogelgrippe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie