Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ursache für aggressiven Prostatakrebs entdeckt

11.08.2005


Ergebnisse eines von der Deutschen Krebshilfe geförderten


Projektes in renommierter Zeitschrift "Nature" publiziert


Es gibt schnell und langsam wachsende Prostatatumoren. Wissenschaftler der Universitätskliniken Freiburg und Bonn haben jetzt eine wesentliche Ursache für aggressiv-wachsenden Prostatakrebs entdeckt: Der Eiweißstoff LSD1 kurbelt die Zellteilung an und führt dadurch zu einem schnellen Tumorwachstum. Das Ziel der Forscher ist es jetzt, dieses Enzym durch Medikamente zu hemmen und so das Wachstum der Krebszellen zu bremsen. Diese bedeutenden Ergebnisse werden in der Zeitschrift Nature* veröffentlicht und sind bereits jetzt über www.nature.com abrufbar. Die Deutsche Krebshilfe unterstützte das Forschungsprojekt mit 363.000 Euro.

Alle Körperzellen verfügen über eine innere Uhr, die den Zellzyklus steuert: Teilung, Wachstum, Alterung und Sterben einer Zelle wird über ein fein austariertes Gleichgewicht geregelt. Daran sind Gene beteiligt, die für die Zellteilung verantwortlich sind. "Normalerweise sind diese Zellteilungs-Gene im Zellkern so verpackt, dass ihre Information zur Teilung nicht ständig abgelesen werden kann - die Gene sind quasi ruhig gestellt", erklärt Professor Dr. Reinhard Büttner, Projektleiter am Institut für Pathologie, Universitätsklinikum Bonn. "Ohne diesen Schutzmechanismus - eine Art Bremse - würden sich die Zellen unkontrolliert vermehren."


In dem von der Deutschen Krebshilfe geförderten Forschungsprojekt hat Büttner jetzt zusammen mit der Freiburger Arbeitsgruppe um Professor Roland Schüle, Universitäts-Frauenklinik und Zentrum für Klinische Forschung, Klinikum der Universität Freiburg, herausgefunden, dass das Enzym LSD1 die Zellteilungs-Gene in genetisch veränderten Zellen aktiviert: "LSD1 verringert die Packungsdichte dieser Gene, so dass die genetische Information zur Zellteilung viel häufiger abgelesen werden kann als normal. Unter dem Einfluss von LSD1 vermehren sich die Zellen daher erheblich schneller", erklärt Professor Büttner. Eine Tatsache, die auch die Aggressivität bestimmter Prostatatumoren zu erklären scheint: "Unsere Untersuchungen zeigen: Je mehr LSD1, desto aggressiver die Krebszellen", so Büttner.

LSD1 hat damit eine ähnliche Wirkung wie das Hormon Testosteron, das ebenfalls die Zellteilung in der Prostata aktiviert. "Unter seinem Einfluss können aus entarteten Zellen Tumoren entstehen", so der Bonner Projektleiter. "Daher versucht man bei Prostatakrebs die Produktion des Testosteron durch eine Anti-Hormontherapie zu hemmen." Die Beeinflussung der Zellteilung durch das LSD1 könnte jetzt erklären, warum manche Tumoren trotz dieser Hemmung weiter wachsen: "Das Enzym LSD1 kann die Zellteilungs-Gene so weit entpacken, dass die Zellen gar kein Testosteron mehr benötigen, um sich zu teilen", erläutert Professor Büttner. Das Ziel der Forscher ist es, das Enzym LSD1 auszuschalten und so die Zellteilung zu bremsen. In Zellkulturen ist ihnen das bereits gelungen. Langfristig hoffen sie auf Medikamente, die sich auch beim Menschen einsetzen lassen.

Aber nicht nur im Hinblick auf die Entwicklung neuer Therapie-Möglichkeiten, auch für die Diagnose ist die Entdeckung des LSD1 relevant: "Die Menge des LSD1 in Tumorzellen der Prostata ist ein sehr guter Hinweis darauf, wie aggressiv die Krebszellen sind", meint Professor Büttner. "Diese Tatsache wollen wir künftig für diagnostische Zwecke nutzen." Auf diese Weise könnten die Ärzte von vornherein besser beurteilen, welche Therapie bei welchen Patienten am besten geeignet ist und eine Aussage über die Heilungschancen machen.

Infokasten: Prostatakrebs

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 40.600 Männer neu an Prostatakrebs. Damit ist dies die häufigste Krebserkrankung beim Mann. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 71 Jahren. Die wichtigsten Behandlungsmöglichkeiten sind Operation, Bestrahlung und medikamentöse Therapie. Die Deutsche Krebshilfe gibt eine Broschüre für Patienten und Angehörige zu diesem Thema heraus. Der blaue Ratgeber "Prostatakrebs" kann kostenlos bestellt werden bei der Deutschen Krebshilfe, Postfach 1467, 53004 Bonn, Fax 02 28/ 7 29 90-11 oder im Internet unter www.krebshilfe.de heruntergeladen werden.

Projekt-Nummer: 10-2019

* Nature advance online publication; published online 3 August 2005 | doi: 10.1038/nature04020
LSD1 demethylates repressive histone marks to promote androgen-receptor-dependent transcription
Eric Metzger1, Melanie Wissmann1,5, Na Yin1,5, Judith M. Müller1, Robert Schneider2, Antoine H. F. M. Peters3, Thomas Günther1, Reinhard Buettner4 and Roland Schüle1

1 Universitäts-Frauenklinik und Zentrum für Klinische Forschung, Klinikum der Universität Freiburg, Breisacherstrasse 66, 79106 Freiburg, Germany.
2 Max-Planck-Institut für Immunbiologie, Stübeweg 51, 79108 Freiburg, Germany.
3 Friedrich Miescher Institute for Biomedical Research, Novartis Research Foundation, Maulbeerstrasse 66, 4058 Basel, Switzerland.
4 Institut für Pathologie, Universitätsklinikum Bonn, Sigmund-Freud-Strasse 25, 53127 Bonn, Germany

Dr. med. Eva M. Kalbheim | idw
Weitere Informationen:
http://www.krebshilfe.de

Weitere Berichte zu: Krebszelle LSD1 Prostatakrebs Testosteron Zellteilung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften