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Influenzapandemie - Deutsche Gesellschaft für Infektiologie warnt: Empfehlungen ernst nehmen

11.07.2005


Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) sieht mit Sorge, daß in den Verhandlungen der Länder zur Vorbereitung auf eine mögliche Influenza-Pandemie Festlegungen getroffen wurden, die der Expertenmeinung und Empfehlungen der WHO zuwiderlaufen.

Zur Zeit läuft die Umsetzung des Influenza-Pandemieplanes auf Hochtouren. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe hat einen Pandemieplan erstellt, der im Detail Vorschläge zum Management von Erkrankten, der Sicherstellung der medizinischen Versorgung im ambulanten und stationären Bereich und der Bevorratung mit antiviralen Medikamenten und Impfstoffen konkretisiert hat. Insbesondere um die Einlagerung von Neuraminidasehemmern sind, vornehmlich aus Kostengründen, heftige Diskussionen entbrannt. Die DGI betrachtet den momentanen Verlauf der Detailplanung als sehr problematisch.

Umsetzung des Pandemieplans: WHO Empfehlung nicht gefolgt

Impfstoffe werden frühestens ein halbes Jahr nach Beginn der Pandemie zur Verfügung stehen, und dann auch nicht in ausreichender Menge. Daher ist die antivirale Therapie und Prophylaxe die einzige Option in den ersten Monaten einer Pandemie. Die DGI und weitere deutschen Fachgesellschaften empfehlen im Einklang mit der WHO Oseltamivir als erste Option zur Prophylaxe und Therapie.

Die Konferenz der Landesgesundheitsminister hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, neben Oseltamivir auch Zanamivir zu bevorraten. Auf welchen wissenschaftlichen Daten diese Empfehlung beruht, bleibt Experten unklar. Der Neuraminidasehemmer Zanamivirsteht nur zur Inhalation zur Verfügung und ist daher zur Behandlung der aviären Influenza ungeeignet. Die bisher vorliegenden Daten von an H5N1 Erkrankten zeigen, daß es dabei zu einer schweren invasiven viralen Pneumonie kommt, mit Influenzavirussnachweis im Lungengewebe und teilweise auch in anderen Organen (Gehirn, Herzmuskel). Hier kann nur eine auch systemisch wirksame Substanz empfohlen werden. Amantadin, eine schon lange bekannte Substanz mit Wirksamkeit gegen Influenzavirus A, ist gegen H5N1 unwirksam und mit häufigen Nebenwirkungen behaftet.

Deutschland nur gegen Pockenepidemie geschützt: Politik gefordert

Ohne umfassende Vorbereitungsmaßnahmen droht eine medizinische Katastrophe. Nach Modellrechnungen muß in Deutschland mit bis zu 20 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen, 600000 stationär behandlungspflichtigen Patienten und bis zu 160000 Toten gerechnet werden. Der Pandemieplan empfiehlt die Bevorratung mit Oseltamivir (Tamiflu(R)) sowohl zur Therapie als auch zur Prophylaxe. Eine Prophylaxe ist unabdingbar, um das Gesundheitswesen mit bis zu drei Millionen Beschäftigten und weitere Systeme des öffentlichen Lebens funktionsfähig zu halten. Der Verlust an Menschenleben und die wirtschaftlichen Schäden einer Pandemie übersteigen die Kosten für eine ausreichende Bevorratung um ein Vielfaches. Für die ungleich geringere Gefahr einer Pockenepidemie wurde vor Jahren für die deutsche Gesamtbevölkerung ein Impfstoffvorrat mit Kosten in dreistelliger Millionenhöhe angelegt.

Deshalb ist die DGI auch zuversichtlich, daß die Entscheidung hinsichtlich der Vorbereitungen für eine Influenzapandemie den tatsächlichen Notwendigkeiten und nicht politischen Wunschvorstellungen angepasst wird. Andernfalls muß die Politik der deutschen Öffentlichkeit erklären, warum der Rat von WHO und Influenzaexperten nur teilweise umgesetzt wird und für welchen Teil der Bevölkerung die limitierte Bevorratung zur Verfügung steht.

Derzeitige Entwicklung dramatisch

Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Meinung zahlreicher Experten ist eine weltweite Influenzapandemie nur eine Frage der Zeit. Welches aviäre Influenza A-Virus der apokalyptische Reiter sein wird, ist derzeit nicht vorhersehbar. Derzeit geht die größte Gefahr von dem Vogelgrippevirus H5N1 aus, das sich seit 1997 fest in der Vogelpopulation Südostasiens etabliert hat und für mehrere Epidemien in den dortigen Geflügelbeständen verantwortlich ist. Die erhebliche Mutationsfähigkeit dieses Influenzavirussubtyps mit einer erheblichen Steigerung seiner Pathogenität hat dazu geführt, daß die Letalität im infizierten Geflügel von Jahr zu Jahr anstieg. Besondere Sorge bereitet die Tatsache, daß inzwischen auch im Schwein der Influenzavirustyp H5N1 nachgewiesen wurde, das damit bei gleichzeitiger Empfänglichkeit für humane Influenzaviren eine ideale Möglichkeit für die Entstehung eines auch menschenpathogenen und leicht übertragbaren Vogelgrippevirus bietet. Der Ausbreitung von Vogelgrippeviren wird auch durch deren Verbreitung durch Zugvögel Vorschub geleistet. Vor wenigen Tagen berichteten chinesische Wissenschaftler über den Nachweis von H5N1 in Zugvögeln, von denen mehr als 1000 in Westchina am der Vogelgrippe verendeten. Vor einer Influenzapandemie bewahrt uns derzeit nur die Tatsache, daß es bisher nur bei direktem Kontakt mit infiziertem Geflügel zu einer Übertragung von H5N1 auf den Menschen kam. Nur in Einzelfällen konnte bei engem Kontakt auch eine Mensch-zu-Mensch Übertragung wahrscheinlich gemacht werden. Die Entstehung einer auch leicht von Mensch-zu-Mensch übertragbaren Virusvariante ist nach Aussagen von Experten nur eine Frage der Zeit. Seit Beginn 2004 sind ca. 100 Menschen in Südostasien (bes. Vietnam) an der Vogelgrippe erkrankt; die Sterblichkeit war deutlich höher als bei der "normalen" Influenza und lag bei 50-80%.

Prof. Dr. F.D. Goebel | presseportal
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-muenchen.de

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