Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neigung zur Leberzirrhose wird vererbt

05.07.2005


Jahr für Jahr sterben in Deutschland 14.000 Menschen an einer Leberzirrhose. Durch Viren oder Alkoholmissbrauch kommt es dabei zu einer chronischen Entzündung, wodurch die Leber mehr und mehr vernarbt. Mediziner der Universität Bonn und der RWTH Aachen haben nun ein Gen identifiziert, das darüber entscheidet, wie schnell die Vernarbung voranschreitet. Dadurch konnten sie ein kleines Eiweißmolekül herstellen, das zumindest bei Mäusen die Entstehung einer Zirrhose verzögert. Die Ergebnisse erscheinen in der August-Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Genetics, sind aber bereits online abrufbar http://dx.doi.org/10.1038/ng1599).



Häufig sind es Hepatitis-Viren, die den gefährlichen Vernarbungs-Prozess in Gang setzen: Mitunter gelingt es dem Immunsystem nicht, die Eindringlinge dauerhaft zurückzuschlagen. Immer wieder kommt es dann in der Leber zu kleinen Scharmützeln - die Entzündung wird chronisch. Dabei gehen mehr und mehr Leberzellen zu Grunde und werden durch Narbengewebe ersetzt. Endstadium einer derartigen "Fibrose" (Lebervernarbung) ist die Zirrhose. Bei den 25- bis 40jährigen ist sie unter allen Krankheiten die zweithäufigste Todesursache.

... mehr zu:
»Fibrose »Hepatitis C »Leberzirrhose


Wie schnell eine Fibrose voranschreitet, hängt zum Einen vom Lebenswandel ab: Wer unter einer chronischen Hepatitis leidet und zudem noch regelmäßig Alkohol trinkt, erhöht sein Zirrhose-Risiko dramatisch. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass genetische Einflüsse die Fibrose beeinflussen. Welche Erbanlagen die Vernarbung begünstigen, war allerdings bislang unbekannt.

Das Forscherteam um Professor Dr. Frank Lammert an der Bonner Medizinischen Klinik I und Professor Dr. Siegfried Matern am Universitätsklinikum Aachen hat nun ein bisher unbekanntes Gen identifiziert, das die Bildung einer Zirrhose begünstigt. Fündig wurden die Forscher allerdings nicht direkt beim Menschen: Sie kreuzten Mäuse, bei denen die Leber nach einer Vergiftung sehr schnell vernarbt, mit Tieren, deren Leber unempfindlicher ist. Auch die Nachkommen zeigten eine unterschiedliche Fibrose-Neigung. Die Mediziner nahmen das Mäuse-Erbgut daher genauer unter die Lupe. Dabei stießen sie auf einen Kandidaten, der für die unterschiedliche Vernarbungsgeschwindigkeit verantwortlich sein konnte: Das Gen für den so genannten "Komplementfaktor 5" (C5).

"Wir haben dann gezielt Mäuse untersucht, die kein C5 bilden können", erklärt Sonja Hillebrandt aus Lammerts Arbeitsgruppe. "Bei diesen Tieren schritt die Lebervernarbung nur noch langsam voran. Wenn wir jedoch ein künstliches Chromosom mit einem funktionsfähigen C5-Gen in die Mäuse einschleusten, entwickelten die Tiere eine ausgeprägte Fibrose." Inzwischen wissen die Wissenschaftler auch, warum: C5 kann an die so genannten Sternzellen in der Leber andocken und sie so zur Produktion von Narbengewebe anregen. "C5 ist ein Protein des angeborenen Immunsystems, das der Körper bei Krankheiten ausschüttet und das eine starke Entzündungsreaktion hervorruft", sagt Lammert. "In der Regel ist das auch gewünscht: Je stärker die Entzündung, desto besser gelingt es unserem Immunsystem in der Regel, mit Krankheitserregern fertig zu werden." Wenn der Infekt chronisch wird, kann eine starke Entzündungsreaktion jedoch auf die Dauer mehr Schaden anrichten, als sie nutzt.

Menschen verfügen ebenfalls über den Komplementfaktor 5. "Wir haben daher überprüft, ob das C5-Gen auch hier Auswirkungen auf die Vernarbung der Leber hat", erläutert Lammert. Dazu untersuchten die Mediziner Patienten mit einer chronischen Hepatitis C-Infektion der Leber. Wieder wurden sie fündig: Bei Patienten mit fortgeschrittener Fibrose war das C5-Gen häufig in charakteristischer Weise verändert.

Wirkstoff verhindert Vernarbung in der Maus

Die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Studie eröffnen neue Chancen, die Ausbildung der Leberzirrhose zumindest zu verzögern. So ist es dem Forscherteam bereits gelungen, ein Mini-Eiweiß zu konstruieren, das die C5-Andockstellen auf den Sternzellen der Leber blockiert. In Mäusen konnten sie so die Narbenbildung deutlich verlangsamen. Dieses Prinzip könnte sich eventuell auch auf Patienten mit Leberzirrhose und Vernarbungen anderer Organe wie der Lunge und der Niere übertragen lassen.

Die Behandlung von Kranken mit Leberzirrhose ist ein Schwerpunkt der von Professor Dr. Tilman Sauerbruch geleiteten Medizinischen Klinik I. Die Studien werden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Kompetenznetz Hepatitis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unterstützt.

Kontakt:
Professor Dr. Frank Lammert
Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287-1209
E-Mail: frank.lammert@ukb.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://dx.doi.org/10.038/ng1599 -
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Fibrose Hepatitis C Leberzirrhose

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Schwere Infektionen bei Kindern auch in der Schweiz verbreitet
26.07.2017 | Universitätsspital Bern

nachricht Neue statistische Verfahren zur Überprüfung von Arzneimittel-Generika
25.07.2017 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Biomarker zeigen Aggressivität des Tumors an

26.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Schwere Infektionen bei Kindern auch in der Schweiz verbreitet

26.07.2017 | Medizin Gesundheit

Seltener Weizenfund in bronzezeitlicher Lunch-Box aus dem Schweizer Hochgebirge

26.07.2017 | Geowissenschaften