Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn Stress am Kieferknochen nagt

22.08.2001


Das man bei Stress häufiger -und nicht nur symbolisch - die Zähne zusammenbeißt, das ist bekannt. Das es aber noch sehr viel mehr Verbindungen zwischen der Psyche und den Zähnen gibt, weniger. Fragestellungen aus diesem interdisziplinären Arbeitsbereich werden in Deutschland aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert, wie eine Workshoptagung des Netzwerks Psychologie und Zahnmedizin - PsyDent- , das von PD Dr. Renate Deinzer von der hiesigen Hochschule aus koordiniert wird, deutlich machte.
"Die Zusammenarbeit von Zahnmedizinern und Psychologen hat eine lange Tradition an dieser Universität," erzählt Privatdozentin Dr. Renate Deinzer von der Medizinischen Psychologie, "besonders im Bereich der Angstforschung und Angstprävention." Das Interesse der Zahnärzte, mit Psychologen zusammenzuarbeiten, sei sehr groß, wohl nicht zuletzt deshalb, weil Zahnärzte selbst hohen psychischen Belastungen ausgesetzt sind.
Kein Wunder, wo doch kaum ein Patient gerne kommt. Neben der Erfassung und Bekämpfung von Zahnbehandlungsangst und der Verbesserung der Kommunikation zwischen Arzt und Patient, kümmern sich die Düsseldorfer Psychologen auch um die Erforschung des Zusammenhangs von Stress und Parodontitis. Das da eine Beziehung besteht, vermuten die Medizinischen Psychologen schon seit mehr als 50 Jahren. Rund 15 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung hat Parodontitis in einem Ausmaß, dass die Erhaltung einzelner Zähne gefährdet scheint und bei etwa 40 Prozent sind immerhin leichte parodontale Schädigungen nachzuweisen. Damit ist die Krankheit bei Erwachsenen weitaus verbreiteter als Karies. Aus einer einfachen Gingivitis, einer Zahnfleischentzündung, die der größte Teil der Bevölkerung immer mal wieder, oft ohne es zu merken, hat, wird unter Umständen eine Parodontitis, eine Krankheit, die den Kieferknochen angreift und regelrecht wegfrisst.
Primärer Grund für Parodontitis ist mangelhafte Mundhygiene; in Kombination mit einer geschwächten Immunabwehr oder speziellen, besonders bösartigen Keimen entsteht dann die Krankheit. Hier könnten psychologische Faktoren angreifen. "Das Problem bisheriger psychologischer Untersuchungen ist die retrospektive Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Stress und Parodontitis," erklärt Renate Deinzer. Denn wenn man Paradontitis-Patienten nach dem Ausbruch der Krankheit Fragebögen gibt und sie bittet, die Stresssituation vor Krankheitsbeginn zu beurteilen, erhält man schnell ein falsches Bild. Auch würde man so nichts über den Wirkmechanismus lernen, mit dem Stress den Kieferknochen angreift.
Die Psychologen gingen deshalb in einem interdisziplinären Projekt gemeinsam mit der Poliklinik für Parodontologie (Direktor: Prof. Dr. A. Herforth) und dem Institut für Hygiene (Direktorin: Prof. Dr. H. Idel) den umgekehrten Weg und schauten in die Münder von Studierenden, die im Examen stehen. Dabei konnten sie feststellen, daß Examenskandidaten häufiger Gingivitiden (Zahnfleischentzündungen) entwickeln als Kontrollpersonen, die im Untersuchungszeitraum keiner besonderen Belastung ausgesetzt waren. Auch vernachlässigten die Examenskandidaten ihre Mundhygiene und putzten insbesondere die wenig sichtbaren Innenflächen der Zähne deutlich schlechter als ihre entspannten Kommilitonen: Während sechs Wochen nach einer professionellen Zahnreinigung bei den Kontrollpersonen noch 20 Prozent der Zahnflächen plaquefrei waren, waren es bei den Examenskandidaten nur 10 Prozent, betrachtete man die Zahninnenflächen alleine, waren sogar nur 5 Prozent wirklich sauber - bei den Kontrollen dagegen auch hier 20 Prozent.
Aber nicht nur die Mundhygiene, sondern auch das Immunsystem scheint durch Stress in einer für die parodontale Gesundheit ungünstigen Weise betroffen zu werden. So steigt bei Examenskandidaten genau der Immunparameter im Bereich der Zähne an, der von den Parodontologen hautpsächlich für die Knochenzerstörung verantwortlich gemacht wird: das Interleukin-1ß. Dieser Anstieg fällt umso deutlicher aus, je schlechter die Mundhygiene an den betroffenen Zähnen ist. Gleichzeitig sinkt die Speichelkonzentration eines wichtigen protektiven Immunparameters, dem Immunglobuliun A.
Grund genug für die Zahnärzte, ihren Patienten nicht nur in den Mund zu schauen, sondern vielleicht auch mal nach dem Befinden zu fragen. Grund genug für die Düsseldorfer Wissenschaftler, dem Zusammenhang zwischen Stress und Parodontitis weiter auf den nach zu gehen.

Dr. Victoria Stachowicz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-duesseldorf.de/PsyDent

Weitere Berichte zu: Parodontitis

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Das Blut zum Sprechen bringen: Bauchspeicheldrüsenkrebs früh erkennen
21.09.2016 | Universitätsklinikum Ulm

nachricht Alzheimer: Zellulärer Mechanismus liefert Erklärungsmodell für den Abbau der Gedächtnisleistung
20.09.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Synthese-chemischer Meilenstein: Neues Ferrocenium-Molekül entdeckt

Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben zusammen mit Kollegen der Freien Universität Berlin ein neues Molekül entdeckt: Die Eisenverbindung in der seltenen Oxidationsstufe +4 gehört zu den Ferrocenen und ist äußerst schwierig zu synthetisieren.

Metallocene werden umgangssprachlich auch als Sandwichverbindungen bezeichnet. Sie bestehen aus zwei organischen ringförmigen Verbindungen, den...

Im Focus: Neue Entwicklungen in der Asphären-Messtechnik

Kompetenzzentrum Ultrapräzise Oberflächenbearbeitung (CC UPOB) lädt zum Expertentreffen im März 2017 ein

Ob in Weltraumteleskopen, deren Optiken trotz großer Abmessungen nanometergenau gefertigt sein müssen, in Handykameras oder in Endoskopen − Asphären kommen in...

Im Focus: Mit OLED Mikrodisplays in Datenbrillen zur verbesserten Mensch-Maschine-Interaktion

Das Fraunhofer-Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik FEP arbeitet seit Jahren an verschiedenen Entwicklungen zu OLED-Mikrodisplays, die auf organischen Halbleitern basieren. Durch die Integration einer Bildsensorfunktion direkt im Mikrodisplay, lässt sich u.a. die Augenbewegung in Datenbrillen aufnehmen und zur Steuerung von Display-Inhalten nutzen. Das verbesserte Konzept wird erstmals auf der Augmented World Expo Europe (AWE), vom 18. – 19. Oktober 2016, in Berlin, Stand B25 vorgestellt.

„Augmented Reality“ (erweiterte Realität) und „Wearable Displays“ (tragbare Displays) sind Schlagworte, denen man mittlerweile fast täglich begegnet. Beide...

Im Focus: OLED microdisplays in data glasses for improved human-machine interaction

The Fraunhofer Institute for Organic Electronics, Electron Beam and Plasma Technology FEP has been developing various applications for OLED microdisplays based on organic semiconductors. By integrating the capabilities of an image sensor directly into the microdisplay, eye movements can be recorded by the smart glasses and utilized for guidance and control functions, as one example. The new design will be debuted at Augmented World Expo Europe (AWE) in Berlin at Booth B25, October 18th – 19th.

“Augmented-reality” and “wearables” have become terms we encounter almost daily. Both can make daily life a little simpler and provide valuable assistance for...

Im Focus: Künstliche Intelligenz ermöglicht die Entdeckung neuer Materialien

Mit Methoden der künstlichen Intelligenz haben Chemiker der Universität Basel die Eigenschaften von rund 2 Millionen Kristallen berechnet, die aus vier verschiedenen chemischen Elementen zusammengesetzt sind. Dabei konnten die Forscher 90 bisher unbekannte Kristalle identifizieren, die thermodynamisch stabil sind und als neuartige Werkstoffe in Betracht kommen. Das berichten sie in der Fachzeitschrift «Physical Review Letters».

Elpasolith ist ein glasiges, transparentes, glänzendes und weiches Mineral mit kubischer Kristallstruktur. Erstmals entdeckt im El Paso County (USA), kann man...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einsteins Geburtsstadt wird für eine Woche Hauptstadt der Physik

23.09.2016 | Veranstaltungen

Industrie und Wissenschaft diskutieren künftigen Mobilfunk-Standard 5G auf Tagung in Kassel

23.09.2016 | Veranstaltungen

Fachgespräch Feste Biomasse diskutiert Fragen zum Thema "Qualitätshackschnitzel"

23.09.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Korallenthermometer muss neu justiert werden

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie

Doppel-Infektion macht Erreger aggressiver

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie

Synthese-chemischer Meilenstein: Neues Ferrocenium-Molekül entdeckt

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie