Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Antibiotika helfen gegen gefährliche Tropenkrankheit

21.06.2005


Patient mit Lymphödem, das durch eine Elefantiasis ausgelöst wurde. In dem Eimer ist eine Jodlösung, mit dem der Kranke sein Bein reinigt. Das Bild zeigt ein vergleichsweise leichtes Stadium der Erkrankung. (c) AG Prof. Hörauf


Mikrofilarie von Wuchereria bancrofti unter dem Mikroskop. (c) AG Prof. Hörauf


Ein Antibiotikum, das schon lange gegen Atemwegs- und Darminfektionen eingesetzt wird, scheint auch die Erreger der gefährlichen Elefantiasis besiegen zu können. Das belegt eine Studie, die Parasitologen der Universität Bonn mit Kollegen aus Hamburg, Liverpool und Tansania durchgeführt haben. Ihre Ergebnisse sind im renommierten Mediziner-Fachblatt The Lancet erschienen (Band 365, Mai 2005). Bislang lässt sich die Krankheit kaum heilen.

... mehr zu:
»Antibiotikum »Mikrofilarie

Auslöser ist der Stich einer infizierten Mücke: Zusammen mit seinem Gerinnungshemmstoff pumpt der Blutsauger Wurmlarven in den Körper seines Opfers. Diese wandern zu den Lymphknoten und wachsen dort zu Fadenwürmern heran, die bis zu zehn Zentimeter lang werden können. Der Körper reagiert mit einer Entzündung, durch die der Lymphfluss zum Erliegen kommt. In der Folge schwellen Arme, Beine und Genitalien monströs an - daher auch der Name "Elefantenkrankheit" oder Elefantiasis. Mehr als 120 Millionen Menschen weltweit sind mit dem Erreger Wuchereria bancrofti infiziert.

Fünf Jahre können die erwachsenen Wuchereria-Würmer alt werden. In dieser Zeit produzieren sie Millionen von Nachkommen, die so genannten Mikrofilarien, jede kleiner als der Punkt am Ende dieses Satzes. Bei einem erneuten Mückenstich werden die Mikrofilarien mit dem Blut aufgenommen. In dem Insekt reifen sie zu infektiösen Wurmlarven heran. Damit schließt sich der Kreislauf.


"Die heute eingesetzten Medikamente töten zwar die Mikrofilarien, lassen jedoch die erwachsenen Würmer größtenteils ungeschoren", erklärt der Bonner Parasitologe Professor Dr. Achim Hörauf. "Wegen der langen Lebensdauer der Wuchereria-Würmer dauert die Behandlung daher mehrere Jahre, in denen die Symptome fortbestehen." Zudem können die Medikamente schwere Nebenwirkungen verursachen.

Wurmkur auf Umwegen

Doch auch der Fadenwurm selbst hat einen Untermieter, und der könnte sich als seine Achillesferse entpuppen: In jedem Wuchereria-Wurm leben nämlich bestimmte Bakterien, die der Schmarotzer zum Überleben unbedingt benötigt. Sterben diese Bakterien, stirbt früher oder später auch der Parasit. "Daher ist Wuchereria angreifbar für Antibiotika, die normalerweise gegen bakterielle Infektionen eingesetzt werden", betont Hörauf. Ein Beispiel ist Doxycyclin, das schon seit Jahrzehnten gegen Infektionen der Atemwege oder des Magen-Darm-Trakts eingesetzt wird.

In ihrer Studie haben die Mediziner in Tansania insgesamt 72 männliche Betroffene für acht Wochen mit Doxycyclin oder einem Placebo behandelt. Anfangs wimmelte es im Blut der Versuchsteilnehmer von Mikrofilarien: Bis zu 1.300 Tiere pro Milliliter Blut zählten die Experten. Acht Monate nach der Behandlung waren sie fast völlig verschwunden; nur bei einem Kranken ließen sich noch einzelne Mikrofilarien nachweisen. Allerdings ging auch in der Placebo-Gruppe die Mikrofilarien-Belastung zurück - ein Effekt, der wahrscheinlich auf die bessere Betreuung der Patienten zurückzuführen war.

Anders als bislang eingesetzte Medikamente tötete das Antibiotikum aber auch die ausgewachsenen Würmer. 14 Monate nach der Doxycylin-Kur konnten die Ärzte im Ultraschall-Bild lediglich bei jedem fünften Patienten noch die typischen Wurmbewegungen ("Filarien-Tanz") nachweisen. In der Placebo-Gruppe lag diese Quote bei 89 Prozent. Auch Konzentration bestimmter Wurm-Proteine im Blut ging in der Doxycyclin-Gruppe um mehr als die Hälfte zurück.

Wirksam, günstig, nebenwirkungsarm

"Diese Ergebnisse sind für die Therapie nicht zu unterschätzen", betont Hörauf. "Die ausgewachsenen Würmer sind schließlich verantwortlich für die Krankheitssymptome wie die extrem geschwollenen Extremitäten. Bislang gab es aber keine effektive und sichere Methode, sie zu bekämpfen!" Die Wirksamkeit des Antibiotikums könne sogar höher sein als gemessen: "Es ist nicht auszuschließen, dass einige Patienten sich in den Monaten nach der Doxycyclin-Kur aufs Neue infiziert haben. Es kann also durchaus sein, dass alle Würmer abgetötet wurden und die 20 Prozent ’Rest’ Neuinfektionen sind, die bei einer wirksamen Kontrolle der Übertragung gar nicht mehr auftreten würden."

Doxycyclin wird seit vielen Jahren eingesetzt und hat nur geringe Nebenwirkungen. Allerdings kann es bei kleinen Kindern die Zähne irreversibel schädigen und das Knochenwachstum verzögern. Aus diesem Grund sollte das Antibiotikum auch nicht in der Schwangerschaft eingesetzt werden. Für Jugendliche und Erwachsene ist das Mittel aber unbedenklich. Außerdem ist es vergleichsweise günstig. "Sein größter Vorteil: Es ist bereits als Medikament zugelassen", sagt Hörauf. "Elephantiasis trifft vor allem die Armen. Völlige Neuentwicklungen sind von der Pharmaindustrie daher nicht zu erwarten."

Einen Ultraschall-Film zu dieser Pressemitteilung gibt’s im Internet unter http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2005/228.html

Kontakt:
Professor Dr. Achim Hörauf
Institut für Medizinische Parasitologie
Telefon: 0228/287-5673 oder -5674
E-Mail: hoerauf@parasit.meb.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2005/228.html -
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Antibiotikum Mikrofilarie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

RWI/ISL-Containerumschlag-Index bleibt aufwärts gerichtet

20.07.2017 | Wirtschaft Finanzen