Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hormontherapie - Fluch oder Segen?

16.06.2005


Die letzte Regelblutung (Menopause) markiert im Leben vieler Frauen einen tiefen Einschnitt und den Beginn einer neuen Lebensphase. Dadurch dass die Eierstöcke ihre Arbeit einstellen und nach und nach weniger Hormone produzieren, kommt es vielfach zu belastenden Folgeerscheinungen wie etwa Hitzewallungen oder Schlafstörungen. Gleichzeitig steigt das Risiko für Osteoporose (Knochenschwund) und Herzinfarkt. Wurden zur Behandlung der Beschwerden und Vorbeugung von Erkrankungen noch bis vor wenigen Jahren bedenkenlos Hormone verschrieben, so haben Ergebnisse großer wissenschaftlicher Studien mittlerweile spürbar am Renommee dieser einstigen Allzweckwaffe gekratzt. So wurden die Empfehlungen der deutschsprachigen Fachgesellschaften zur Hormontherapie in den Wechseljahren grundsätzlich überarbeitet, was bei den Frauenärzten zu größerer Zurückhaltung bei der Verschreibung entsprechender Präparate und bei vielen Frauen zu einem Run auf pflanzliche Alternativen geführt hat. Über aktuelle Forschungsergebnisse und den neuesten Stand der Behandlung von Frauen im Klimakterium informieren sich an die 200 Mediziner vom 17. bis 18. Juni 2005 beim Kongresse der Deutschen Menopause Gesellschaft am Universitätsklinikum Münster (UKM).


Wie Tagungsleiter Prof. Dr. Ludwig Kiesel, Direktor der Frauenklinik des UKM und amtierender Präsident der Deutschen Menopause Gesellschaft, einräumt, haben vor allem die im Juli 2002 veröffentlichten Ergebnisse der "Women’s Health Initiative (WHI)" Zweifel an der schützenden Wirkung einer langfristigen Hormontherapie aufkommen lassen. Allerdings dürfen diese Daten nicht verallgemeinert werden, wie er nachdrücklich herausstellt. So habe beispielsweise das mittlere Alter der Studienteilnehmerinnen bei 63 Jahren gelegen. Darüber hinaus verweist Kiesel auf erst in 2004 veröffentlichte weitere Ergebnisse besagter Studie, laut derer das Brustkrebsrisiko bei alleiniger Östrogen-Therapie sogar geringer ist als bei Frauen ohne Hormonersatz. Gleichwohl bleibe der Grundtenor der Empfehlungen unverändert: Ein "Ja" für die Hormontherapie zur Beseitigung akuter klimakterischer Beschwerden - ein "Nein" für diese Therapie zur Prävention und Therapie chronischer Erkrankungen als Folge des Hormonmangels. Dies hat dazu geführt, dass eine Hormontherapie zur Zeit nicht als Medikament der Wahl zur Osteoporose-Behandlung und -Prophylaxe eingesetzt wird, obwohl ein positiver Einfluss auf Knochenschwund und Knochenbruch-Risiko eindeutig nachgewiesen ist.

Im Zuge der Negativschlagzeilen über die Hormontherapie ist eine stetig wachsende Nachfrage nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten zu beobachten. Im Zentrum des Interesses stehen hierbei so genannte Phytoöstrogene. Dies sind pflanzliche Substanzen, die eine strukturelle Ähnlichkeit mit den Östrogenen aufweisen. Am weitesten verbreitet sind dabei Isoflavone. Als Quelle für diese pflanzlichen Östrogene wird am häufigsten Soja verwendet. Nach Worten von Dr. Petra Stute, Leiterin der Menopause-.Sprechstunde an der Frauenklinik des UKM, gibt es Hinweise darauf, dass eine Phytoöstrogen-reiche Diät bei Frauen in den Wechseljahren unter anderem günstige Wirkungen auf Hitzewallungen und Fettstoffwechsel haben kann und möglicherweise vor der Entwicklung einer Arteriosklerose schützt. Im Jahre 1999 wurde von der amerikanischen Arzneimittelaufsicht (FDA) die Einnahme von 25 Gramm Sojaprotein pro Tag in Kombination mit einer an Cholesterol und gesättigten Fettsäuren armen Diät zur Senkung des Risikos von Herzgefäßerkrankungen empfohlen.


Der Einfluss der Sojabohne und isolierter Isoflavone auf den Knochenstoffwechsel sind Ziel momentaner Untersuchungen. Allerdings werden mögliche positive Einflüsse laut Stute eher als gering eingeschätzt. Negative Effekte auf das Brustdrüsengewebe seien nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand dagegen unwahrscheinlich. Denn die Dosierungen, die zur Behandlung klimakterischer Beschwerden eingesetzt werden, liegen im Bereich der durchschnittlichen lebenslangen Isoflavon-Aufnahme von Asiatinnen, deren normale Ernährung reich an solchen Stoffen ist. Auch für Frauen mit Brustkrebs fehlen klinische Daten für Empfehlungen. In einem kritischen Artikel der internationalen Fachliteratur aus dem Jahre 2001 heisst es, dass Frauen nach Brustkrebs Sojaprodukte weiter anwenden können. Nach gegenwärtiger Datenlage schient vielmehr sogar eine Senkung der Mammakarzinom-Inzidenz durch Isoflavone möglich zu sein. Offen bleibt laut Stute die Frage der notwendigen Dosierung sowie des Beginns und der Dauer der Behandlung.

Eine weitere, häufig eingesetzte pflanzliche Substanz ist die Traubensilberkerze, über deren Stellenwert bei der Tagung in Münster ebenfalls diskutiert wird. Mit entsprechenden Präparaten können klimakterische Beschwerden können zwar abgemildert werden, sind jedoch meist nicht komplett zu beseitigen. Neuere Daten zeigen, dass die Kombination von Traubensilberkerze mit Johanniskraut einen positiven Effekt auf depressive Stimmungsschwankungen ausübt. Der Einfluss auf das Brustgewebe und -krebs ist dagegen noch weitestgehend unbekannt, da es auch hier noch an seriösen, aussagekräftigen wissenschaftlichen Studien mangelt.

Trotz aller Kritik am Einsatz von Hormonen nach der Menopause, werden dennoch weiterhin Hoffnungen vor allem im Bereich "Anti-Aging" und Lebensqualität daran geknüpft. Im Vordergrund steht dabei die Frage nach der Prävention der Altersdemenz, wie zum Beispiel die Alzheimersche Erkrankung. Nach den Ergebnissen der "WHI Memory Study" erhöht eine Östrogen-Gestagen-Therapie das Demenzrisiko. Somit sei die Anwendung einer kombinierten Hormontherapie zur Prävention der Demenz bei bisher nicht erkrankten Frauen ab 65 Jahren nicht zu empfehlen, wie Kiesel betont. Für Frauen in den frühen Wechseljahren sei die Datenlage im Hinblick auf eine Prävention der Altersdemenz dagegen noch ungenügend. In Anbetracht der mit einer Hormontherapie verbundenen Risiken rechtfertige der theoretische Benefit die Anwendung nicht. Frauen, die bereits an einer Demenzerkrankung leiden, profitieren ebenfalls nicht von einer Hormontherapie. Bei Frauen mit wiederkehrenden Depressionen ist dagegen laut Kiesel auch im depressions-freien Intervall eine Hormontherapie mit Östrogen im frühen Stadium der Menopause sinnvoll, da es die Wirkung moderner Antidepressiva verstärkt. Im höheren Alter habe der Einsatz von Östrogenen hingegen den Nachteil, dass das Risiko kognitiver Einschränkungen und einer beschleunigten Demenz erhöht wird und damit den Vorteil einer zusätzlichen antidepressiven Wirkung übersteigt.

Ein häufig beklagtes Symptom bei Frauen in den Wechseljahren ist ein Verlust der Libido. Verschiedene Substanzen wie Östrogene, Tibolon, männliche Hormone und "Viagra für die Frau" wurden hierbei untersucht. Neben der lokalen Behandlung mit Östrogenen erscheint die Gabe von Testosteron vielversprechend zu sein: Erste Daten aus den USA zur Behandlung von Frauen mit Libidostörung nach einer operativen Entfernung der Eierstöcke zeigen einen positiven Effekt; eine weitere Studie zum Einsatz von Testosteron bei Frauen mit Libidoverlust nach der natürlichen Menopause ist noch nicht abgeschlossen. Zur Zeit sind jedoch beiden Substanzen für die Behandlung weiblicher Libidostörung noch nicht zugelassen. Auch über dieses Thema wird beim Kongress der deutschen Menopause Gesellschaft in Münster eingehend diskutiert.

Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://www.unifrauenklinik-muenster.de/

Weitere Berichte zu: Hormon Hormontherapie Menopause Wechseljahre Östrogen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Die bestmögliche Behandlung bei Hirntumor-Erkrankungen
28.03.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit