Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

(K)eine Kinderkrankheit

14.08.2001


Die Krankheit beginnt mit Fieber, Bindehautentzündung, Schnupfen und Husten, ehe sich ein grobfleckiger, dunkelroter Ausschlag über den ganzen Körper ausbreitet. Bei zehn bis zwanzig Prozent der Erkrankten kommt es zu Komplikationen, die in Einzelfällen auch zu Behinderung und Tod führen können. "Masern sind daher keine leicht zu nehmende Kinderkrankheit, und die Möglichkeit der Schutzimpfung sollte unbedingt genutzt werden", betont Reinhard Kurth, Präsident des Robert Koch-Instituts. Seit mit Beginn des Jahres gemäß dem neuen Infektionsschutzgesetz auch Verdacht und Erkrankung meldepflichtig sind, wurden dem Robert Koch-Institut bereits 5093 Meldungen von Masernerkrankungen übermittelt, darunter ein Todesfall.

Aufgrund der Meldedaten und auf Grundlage anderer Masernüberwachungsdaten der Arbeitsgemeinschaft (AG) Masern rechnet das Robert Koch-Institut mit 7.000 bis 10.000 Masernerkrankungen für dieses Jahr, das entspricht neun bis zwölf Fällen pro 100.000 Einwohner. Mit der AG Masern kooperiert ein Netzwerk von bundesweit mehr als tausend niedergelassenen Ärzten, die seit 1999 Daten zur Anzahl der Masernfälle und Merkmalen ihres Auftretens liefern und Untersuchungsmaterialien zur weiteren Analyse an das "Nationale Referenzzentrum Masern, Mumps, Röteln" am Robert Koch-Institut senden.

Auffällig ist die überdurchschnittlich hohe Zahl an Masernerkrankungen in den westlichen Bundesländern. Die meisten Fälle pro 100.000 Einwohner (Inzidenz bzw. Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner) hatten Bayern mit 16,9 (2039 Neuerkrankungen), Schleswig-Holstein 8,5 (236 ), Nordrhein-Westfalen 7,0 (1262) und Baden-Württemberg mit 6,2 (645). Dagegen liegt die Inzidenz in den östlichen Bundesländern durchweg unter 1 pro 100.000 Einwohner. (Gesamtzahl Stand 13.8.2001: 5093). Solche regionalen Unterschiede hatte die AG Masern auch im vergangenen Jahr beobachtet.

Ursache der noch immer hohen Erkrankungszahlen in Deutschland ist eine unzureichende Nutzung der Impfung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut empfiehlt die erste Impfung nach dem vollendeten elften Lebensmonat und eine zweite Impfung zur Schließung von Immunitätslücken. Die STIKO empfiehlt seit kurzem, die zweite Impfung möglichst früh, das heißt noch im zweiten Lebensjahr, durchzuführen (frühestens vier Wochen nach der ersten Impfung, beide Impfungen sinnvollerweise als kombinierte Masern-Mumps-Röteln- oder MMR-Impfung). In Deutschland sind gegenwärtig selbst zu Schulbeginn nur etwa 85 Prozent der Kinder gegen Masern geimpft, und die für alle Kinder empfohlene zweite Impfung haben sogar weniger als 15 Prozent erhalten. Auch bei den geimpften Kindern erfolgt die erste Masernimpfung oft nicht rechtzeitig. In einer repräsentativen Studie haben Laubereau (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Kollegen 1999 nachgewiesen, dass am Ende des zweiten Lebensjahres erst 73 % der Kinder die erste MMR-Impfung erhalten haben.

Die Eliminierung der Masern - erklärtes Ziel der Weltgesundheitsorganisation - ist möglich, wenn Durchimpfungsraten von mehr als 95 Prozent erreicht werden. Daher wurde Ende 1999 ein nationales Programm zur Eliminierung der Masern in Deutschland verkündet, das vom Robert Koch-Institut mit wesentlichen Akteuren im Gesundheitswesen (Bundesministerium für Gesundheit, Gesundheitsbehörden der Länder, Vertreter von Ärzten, Krankenkassen, Apothekern) gemeinsam erarbeitet worden ist. Hauptzielgruppen sind die niedergelassene Ärzteschaft, vor allem Kinderärzte, die den Impfstatus der von ihnen betreuten Kinder und Jugendlichen regelmäßig überprüfen sollten, der öffentliche Gesundheitsdienst, der vor Ort eine wichtige Moderatorenrolle einnimmt, und die Eltern und Jugendlichen selbst. Die Auswertung der Erfassungsberichte der AG Masern aus dem Zeitraum Oktober 1999 bis März 2001 mit fast 1300 Masernfällen hat gezeigt, dass unter den Ungeimpften der Anteil derjenigen, die eine Impfung nicht gewünscht hatten, mit 35 Prozent sehr hoch war. "Dies unterstreicht, dass eine fachlich fundierte Aufklärung und Information - zum Beispiel über das Verhältnis der Risiken bei Erkrankung und Impfung - verstärkt erforderlich ist", sagt Reinhard Kurth.

Die Empfänglichkeit des Menschen - einziger Wirt des Masernvirus - ist hoch. Die Übertragung erfolgt über die Luft durch Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen, Sprechen). Das Masernvirus führt bereits bei kurzem Kontakt mit Erkrankten zu einer Infektion (der sogenannte Kontagionsindex liegt bei nahezu 100 Prozent) und löst bei über 95 Prozent der Infizierten Symptome aus. Bei den hiesigen Impfraten kommt es daher häufig zu Ausbrüchen, mehr als achtzig alleine dieses Jahr. Bei einem besonders großen Ausbruch mit insgesamt 167 Fällen, den die Schleswig-Holsteinischen Gesundheitsbehörden gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut untersuchten, waren bei zwanzig Prozent der untersuchten Fälle ernsthafte Komplikationen wie Lungenentzündung und Mittelohrentzündung aufgetreten. Schwerwiegende Nebenwirkungen der Impfung wie Gehirnentzündung (postvakzinale Enzephalitis) sind dagegen mit einem Fall pro ein bis zwei Millionen Impfungen extrem selten.

Heidrun Wothe | idw
Weitere Informationen:
http://www.rki.de/INFEKT/EPIBULL/EPI.HTM
http://idw-online.de/public/www.rki.de/INFEKT/
http://www.rki.de

Weitere Berichte zu: Impfung Masern Masernerkrankung Masernvirus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten