Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Abstoßung trotz gleicher Gewebemerkmale

29.04.2005


Heidelberger Wissenschaftler veröffentlichen im "Lancet", warum Nierentransplantate von Geschwistern nicht immer toleriert werden



Warum werden Spendernieren von Geschwistern mit "perfekt passendem Gewebetyp" langfristig nach der Transplantation abgestoßen? Da die Gewebemerkmale (HLA-Antigene) übereinstimmen, dürfte das Immunsystem eigentlich nicht aktiv werden und sollte das Transplantat problemlos tolerieren. Dennoch zeigt die langjährige Erfahrung, dass ca. 30 Prozent der Gewebetyp-identischen Geschwister-Transplantate nach 10 Jahren durch Abstoßung verloren gegangen sind.



Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg haben jetzt eine Erklärung dafür gefunden: Späte Abstoßungen sind eng mit dem Auftreten bestimmter Antikörper verbunden. Die Antikörper sind entweder selbst für die Abstoßungen verantwortlich oder es kommt ihnen eine Rolle als Indikator für Immunreaktionen zu, die nicht gegen die HLA-Antigene gerichtet sind, denen man bisher die entscheidende Rolle für den Transplantationserfolg zugeschrieben hat.

"Wir konnten erstmals zeigen, dass der Transplantatverlust bei diesen Geschwistern hauptsächlich immunologisch bedingt ist und nicht, wie bislang angenommen, auf anderen Faktoren beruht, zum Beispiel einer unspezifischen Gewebeschädigung (Sklerosierung), die die Nierenfunktion beeinträchtigt," erklärt Professor Dr. Gerhard Opelz, Ärztlicher Direktor der Abteilung Transplantationsimmunologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Die Heidelberger Studie wird morgen in der Ausgabe vom 30. April 2005 in der renommierten britischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht.

Antikörper im Blut als Indikator von Immunreaktionen

Die Heidelberger Wissenschaftler konnten auf ihre weltweit größte Analyse von Transplantationsdaten, die "Collaborative Transplant Study" zurückgreifen, an der 245 Transplantationszentren teilnehmen. Es wurden Daten von rund 4.000 Nierentransplantationen zwischen HLA-identischen Geschwistern ausgewertet, von denen etwa ein Viertel ihr transplantiertes Organ durch Abstoßung verloren haben. Der Transplantatverlust durch Abstoßung war abhängig von der Präsenz so genannter "lympho-zytotoxischer" Antikörper, von Proteinen, die vor der Transplantation im Serum der Patienten gemessen werden und für bestimmte Immunzellen, die Lymphozyten, toxisch sind. Bisher hatte man geglaubt, dass diese Antikörper ausschließlich mit HLA-Strukturen auf den Lymphozyten reagieren.

"Ein Teil dieser Antikörper muss sich gegen andere Gewebestrukturen auf den Zellen als die bekannten HLA-Antigene richten, denn HLA-identische Geschwister haben identische HLA-Antigene", sagt Professor Opelz. Entweder induzieren die noch nicht identifizierten Antikörper selbst eine Abstoßung des Organs oder sie sind ein Indikator dafür, dass der Patient ein besonders aktives Immunsystem hat, das durch Reaktionen gegen so genannte non-HLA Antigene eine Abstoßung bewirken kann.

Das Interessante an den neuen Ergebnissen ist, dass es sich um Immunreaktionen handelt, die langfristig zu einer so genannten "chronischen" Abstoßung erst mehrere Jahre nach der Transplantation führen, im Gegensatz zu Immunreaktionen gegen HLA, die vor allem mit frühzeitigen Abstoßungen in Verbindung gebracht werden. Während die Studie von Geschwistern den Beweis für die Existenz dieser Immunreaktionen lieferte, wurden von den Heidelberger Forschern gleichzeitig Hinweise darauf gefunden, dass Transplantationen von nicht-verwandten Spendern in ähnlichem Ausmaß von dieser neu entdeckten Immunreaktion betroffen sein müssen.

"Wir haben somit einen konkreten Anhaltspunkt dafür, dass das gefürchtete späte Transplantatversagen immunologisch bedingt ist. Daraus ergeben sich wichtige Ansätze für neue Therapiemöglichkeiten zur Verbesserung der Langzeitfunktion von Transplantationen", erklärt Professor Opelz.

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.ctstransplant.org
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de

Weitere Berichte zu: HLA-Antigen Immunreaktion Transplantation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Vitamin-Mangel, der Kampf gegen die Antriebslosigkeit und Nahrung für die Nerven
08.12.2016 | PhytoDoc Ltd.

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie