Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Therapie des Aortenaneurysmas - konventionell oder endovaskulär?

22.04.2005


Jeder zehnte Deutsche über 65 Jahren hat ein Aortenaneurysma, eine Aussackung der Hauptschlagader unterschiedlicher Art und Lokalisation, die ab einer kritischen und therapiebedürftigen Größe von 4-5 cm im Durchmesser platzen kann; die Überlebensrate nach einer Ruptur liegt lediglich bei 50 %.



Jährlich werden in Deutschland etwa 10. 000 Operationen an Bauchaortenaneurysmen durchgeführt. Die langjährige Therapie der Wahl bei Aneurysmen ist die konventionelle Operation, bei der das Aneurysma weggeschnitten und durch eine Kunststoffprothese ersetzt wird. Eine elegante Methode der Behandlung, die eine weitaus geringere Belastung für den Patienten darstellt, wurde im Laufe der letzten Jahre entwickelt: EVAR (endovascular aneurysm repair).

... mehr zu:
»Aneurysma »Aortenaneurysma »Stent


Bei dieser Methode werden zwei kleine Einschnitte in der Leiste gemacht, ein ausgekleideter Stent unter Röntgenkontrolle durch die Arterie geschoben und unter den Nierenarterien fixiert; dieses Vorgehen ist deutlich weniger invasiv als die konventionellen Operationstechniken, die einen großen abdominalen Schnitt erfordern. Von der Leiste ausgehend wird dabei am Patienten eine Gefäßstütze in das Gefäßsystem eingebracht und damit der Bereich des Aneurysmas von innen ausgekleidet und stabilisiert.

Bisher werden pro Jahr deutschlandweit ca. 20 % der Aortenaneurysmen endovaskulär behandelt. Erste Ergebnisse lassen Vergleiche der beiden Therapien zu: So liegt die Sterblichkeitsrate der konventionellen Operation bei 6,0 %, bei der endovaskulären Stent-Methode bei 1,6 %. Im Gefäßzentrum am Klinikum der Universität München-Innenstadt, eine interdisziplinäre Einrichtung der Radiologen, Internisten und Chirurgen, ist heute der 100. Stentgraft eingesetzt worden. "Was in den USA schon eine etablierte Therapie ist, wird bei uns noch zurückhaltend angewendet", so der Chirurg Dr. Volker Ruppert. "Dabei gibt es mittlerweile wissenschaftlich gesicherte Vorteile der Methode: Neben der deutlich reduzierten Morbidität eine kürzere Dauer des eigentlichen Eingriffs mit einem geringen Anästhesierisiko, verkürztem Krankenhausaufenthalt mitunter ohne Intensivaufenthalt und einer schnellen Rückkehr zum gewohnten Leben."

"Stent or not to stent" - Vor- und Nachteile

Einige Diagnosen lassen eine endovaskuläre Implantation nicht zu, so muss bei bestimmten morphologischen, anatomischen Beschaffenheiten des Aneurysmas immer konventionell operiert werden. Ausgeschlossen sind zudem Patienten mit einer schweren Niereninsuffizienz. Doch die Voraussetzungen für einen endovaskulären Eingriff sind breit angelegt. "Bei anatomisch geeigneten Aneurysmen (ausreichende Länge unterhalb der Nierenarterien zur Fixierung des Stentes) und passenden Zugangsgefäße (Durchmesser und Verlauf) ist die Einsetzung eines Stentes möglich," so Dr. Johannes Rieger, Oberarzt des Institutes für Radiologie. Dies trifft für etwa zwei Drittel aller Patienten mit einem aortalem Aneurysma zu. Zudem ist der Stentgraft angezeigt, wenn der Patient ein hohes Anästhesierisiko hat und / oder pulmonal vorgeschädigt ist.

Zeitgleich mit Einführung der schonenden OP-Methode sind Vor- und Nachteile wissenschaftlich untersucht worden, so dass sehr schnell die Schwächen erkannt wurden. Am häufigsten treten sogenannte Endoleaks auf, ’Lecks’ in der Verbindung des Implantats zum bestehenden Gefäß. Ursachen hierfür sind meistens Materialfehler oder eine zu kurze Aufhängung am Gefäßhals. Eine ganz neue Stentgeneration sind "gefensterte" Stents; diese werden bislang nur in Frankfurt, Münster und eben seit kurzem am Gefäßzentrum in München eingesetzt. Diese für den Patienten individuell zugeschnittenen Stents minimieren nach neuesten Studien das Risiko für das Auftreten eines Endoleaks um ein Vielfaches.

Als weiteren Nachteil empfinden manche, dass in der weiteren Behandlung regelmäßige (jährliche) Nachuntersuchungen (Sono und CT) zwingend sind. Für die Kliniken bedeuten die Stentgrafts durch den hohen Aufwand während des Eingriffs bislang noch eine wirtschaftlich unsichere Situation, da das neue Abrechnungssystem die Leistungen finanziell noch nicht abbildet.

"Für uns hat EVAR bereits einen festen Platz in der elektiven Therapie von aortalen Aneurysmen eingenommen," resümiert Dr. Ruppert nach dem 100. Stentgraft, der heute im Gefäßzentrum operiert wurde. "Aus unserer Sicht sollten Stent und offene Operation beim Aortenaneurysma ergänzend angewandt und die für den Patienten optimale Therapieform ausgesucht werden. Wir sehen in unseren Studien, dass die endovaskuläre Y-Stentgraft-Implantation bei etwa 60 % aller behandlungsbedürftigen abdominalen Aortenaneurysmen als minimalinvasives Verfahren zur Anwendung gelangen kann. Dabei ist ganz entscheidend, dass die Indikation zur endovaskulären Versorgung sorgfältig gestellt wird, da mit einer minutiösen Vorabklärung und Planung, vor allem Patientenselektion, Prothesenwahl und Graftdimensionen, die Langzeitergebnisse optimiert werden können."

S. Nicole Bongard | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenchen.de

Weitere Berichte zu: Aneurysma Aortenaneurysma Stent

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weiterbildung zu statistischen Methoden in der Versuchsplanung und -auswertung

06.12.2016 | Seminare Workshops

Bund fördert Entwicklung sicherer Schnellladetechnik für Hochleistungsbatterien mit 2,5 Millionen

06.12.2016 | Förderungen Preise

Innovationen für eine nachhaltige Forstwirtschaft

06.12.2016 | Agrar- Forstwissenschaften