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Warum die Furcht immer wieder kommt

01.04.2005


Schlimme Erlebnisse, wie beispielsweise ein schwerer Autounfall oder ein Überfall auf nächtlicher Straße, wirken oft lange nach. Allein schon die Vorstellung, dass sich das Ereignis wiederholen könnte, lässt das Herz schneller schlagen und den Angstschweiß auf die Stirn treten. Das Gefühl von Panik kommt indes nicht aus dem Bauch heraus. Vielmehr wird in solchen Situationen eine winzige, wegen Größe und Form als Mandelkern (Amygdala) bezeichnete Struktur im Gehirn aktiviert, die entsprechende Furchtreaktionen auslöst. Die Untersuchung der Prozesse, die bei der Langzeitspeicherung und Reaktivierung von Furcht und anderen starken Gefühlsbewegungen in diesem und benachbarten Bereichen des so genannten limbischen Systems ablaufen, ist einer der Forschungsschwerpunkte von Prof. Dr. Hans-Christian Pape, dem neuen Direktor des bislang von Prof. Dr. Erwin-Josef Speckmann geleiteten Instituts für Physiologie I (Neurophysiologie) des Universitätsklinikums Münster (UKM).


Obwohl Wissenschaftler schon länger davon ausgehen, dass das limbische System im Gehirn die Gefühle steuert und dass bei immerhin jedem fünften Patienten, der an einer Angst- oder Panikerkrankung leidet, eine Störung in dieser Hirnregion vorliegt, war bislang wenig darüber bekannt, wie entsprechende Gefühle produziert und gespeichert werden. Dank der Forschungen Papes ist man auf dem Weg zu einem grundlegenden Verständnis dieser Mechanismen und damit auch des Furchtgedächtnisses ein großes Stück weitergekommen.

So gelang dem vor sechs Jahren mit dem renommierten Leibniz-Preis ausgezeichneten Neurowissenschaftler unter anderem der Nachweis, dass beim Abruf des Furchtgedächtnisses zwei Bereiche des limbischen Systems, und zwar die Amygdala und der Hippocampus (Seepferdchen) beteiligt sind und dass die Aktivität der Nervenzellen beider Areale zeitlich aufeinander abgestimmt ist. Während der Hippocampus laut Pape für das so genannte deklarative Gedächtnis, das heißt die Erinnerung an Fakten und Ereignisse zuständig ist, ist der Mandelkern Sitz des emotionalen Gedächtnisses. Nahe liegen könnte es, dass bei Patienten mit Angst- oder Panikerkrankungen möglicherweise eine Störung der zeitlichen Synchronisation beider Bereiche vorliegt und das System entgleitet. Einige der hieran beteiligten Botenstoffe haben die Forscher um Prof. Pape bereits im Visier. Ob dies so ist und wie auf der Grundlage dieses Wissens dann eine entsprechende Therapiestrategie entwickelt werden kann, wird Gegenstand weiterer Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet sein.


Neben Verhaltensbeobachtungen und elektrophysiologischen Untersuchungen einzelner Nervenzellen und Nervenzellnetzwerke konzentriert Pape sein Interesse zunehmend auch auf genetische Fragen. So gelang ihm und seiner Gruppe der Nachweis eines veränderten Abrufs von Geninformationen, die zur Bildung des Furchtgedächtnisses beitragen. Diese Untersuchung der Genexpression ist nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Speicherung von Emotionen im Langzeitgedächtnis von großer Bedeutung. Denn um Informationen über einen langen Zeitraum zu konservieren, müssen neue Proteine gebildet werden. Auch hier könnten mögliche Ursachen für übersteigerte Furchtreaktionen im Sinne einer Panikerkrankung liegen.

Das "besonders gute wissenschaftliche Umfeld" aber nicht zuletzt auch der "hervorragende Stellenwert der Lehre" an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster waren für Prof. Pape, der in Bad Oeynhausen aufgewachsen ist, Studium, Promotion und Habilitation in Bochum absolvierte und zwischendurch zwei Jahre in den USA forschte, ein wesentlicher Grund für seinen Wechsel von Magdeburg nach Münster. Mit der Berufung Papes, der allein Laborgeräte in einem Wert von rund 2,3 Millionen Euro, darunter ein Multiphotonen-Lasermikroskop zur hochauflösenden Bildgebung auf Einzelzellebene, mit nach Münster bringt, stehen die Zeichen auf grün für einen weiteren Aufwind der Neurowissenschaften an der Medizinischen Fakultät. Gute Chancen bestehen sogar, dass Münster über kurz oder lang an einem transregionalen Sonderforschungsbereich beteiligt wird. Denn wenn Ende 2006 die Entscheidung über die neue Förderperiode dieses SFB zur Epilepsieforschung fällt, könnte es gut sein, dass dann wegen des Ortswechsels Papes neben Bonn, Berlin und Freiburg künftig Münster an diesem SFB beteiligt wird.

Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/
http://medweb.uni-muenster.de/institute/phys/neuro/

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