Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Chronisches regionales Schmerzsyndrom: RUB-Mediziner entwickeln sanftes Training gegen Nervenschmerz

15.03.2005


  • CRPS: Wenn schon ein Wattebausch Schmerz verursacht
  • Bochumer Mediziner entwickeln Training gegen Nervenschmerz
  • Annals of Neurology: Patienten lernen wieder fühlen

Schon ein Wattebausch verursacht Patienten mit chronischem regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) unerträgliche Schmerzen: Nach einem Stoß oder Knochenbruch entwickeln sie starke Schmerzen, motorische Störungen, Schwellungen, Haut- und Knochenveränderungen im betroffenen Körperglied. Über 60 Prozent von ihnen behalten für immer Funktionseinschränkungen und chronische Schmerzen, können nicht mehr arbeiten und sind häufig von psychischen Folgeerkrankungen betroffen. RUB-Mediziner der BG-Kliniken Bergmannsheil haben gegen die Erkrankung eine Verhaltenstherapie entwickelt, mit der die Patienten das Fühlen schrittweise neu lernen können. Mittels bildgebender Methoden konnten die Forscher nachweisen, dass diese Therapie das Gehirn wieder umprogrammiert. Über ihre Ergebnisse berichtet die renommierte US-Fachzeitschrift "Annals of Neurology" in ihrer aktuellen Ausgabe.

... mehr zu:
»Schmerzsyndrom

Fehlprogrammierung im Gehirn

Das chronische regionale Schmerzsyndrom, frührer als Morbus Sudeck bekannt, stellt die Schmerztherapeuten weltweit seit Jahrzehnten vor ein fast unlösbares Problem. Neben quälenden, oft kaum zu beeinflussenden chronischen Schmerzen leiden Patienten am betroffenen Körperglied häufig unter einer extremen Berührungsempfindlichkeit, Gefühlsstörungen, Schwäche und einer gestörten Feinmotorik. Die Folge ist eine bleibende Behinderung der oft noch jungen Patienten. "Eine Ursache der Erkrankung scheint u.a. eine "Fehlprogrammierung" des Gehirns zu sein", erläutert Prof. Christoph Maier vom RUB-Schmerzzentrum in den BG-Kliniken Bergmannsheil: "Das zentrale Nervensystem konzentriert sich auf die Wahrnehmung des Schmerzes und verlernt dafür andere Fähigkeiten, die für die Gefühlswahrnehmung und die Beweglichkeit der betroffenen Extremität wichtig sind." Es entwickelt sich ein Schmerzgedächtnis.


Fühlen lernen mit sanfter Therapie

Bei der in der Schmerzklinik der BG-Kliniken Bergmannsheil entwickelten sanften Therapie setzen die Mediziner darauf, diesen Lernprozess wieder umzukehren. So wird eine betroffene Hand etwa zu Beginn der Behandlung immer wieder leicht mit Watte berührt oder in eine Schüssel mit Linsen, Reis oder Zucker gelegt, um sie schrittweise wieder an ein normales Empfindungsvermögen zu gewöhnen. Später kommen dann schwierigere Aufgaben wie das Erkennen von Gegenständen durch Betasten hinzu. Mit zunehmendem Fortschritt und abnehmendem Schmerz bewältigen die Patienten feinmotorisch anspruchsvollere Aufgaben. Nach sechsmonatigem Training stellten die Ärzte bei gleicher oder verminderter Schmerzmedikation bei mehr als 50 Patienten eine drastisch verringerte durchschnittliche Schmerzstärke fest.

Feinmotorik verbessert sich

Um zu untersuchen, inwiefern sich das Training auf die sensomotorischen Fähigkeiten auswirkt, ermittelten die RUB-Neurowissenschaftler um Prof. Dr. Martin Tegenthoff, Dr. Burkhard Pleger (Neurologische Universitätsklinik, BG-Kliniken Bergmannsheil) und PD Dr. Hubert Dinse (Institut für Neuroinformatik der RUB) die sog. Zweipunkt-Diskriminationsschwelle der betroffenen Hand vor und nach der Therapie. Sie untersuchten die Fähigkeit der Patienten, zwei Punkte auf ihrer Zeigefingerkuppe räumlich zu unterscheiden. "Dabei berühren die Patienten Paare von stumpfen Nadeln, die in unterschiedlichen Abständen zueinander stehen", erläutert Prof. Tegenthoff. "Im Vergleich zum Test vor Therapiebeginn konnten die Patienten nach sechsmonatigem Training wieder wie Gesunde nur 1-1,5 mm auseinanderstehende Spitzen als getrennt wahrnehmen, vorher lag die Grenze bei 3,5-4 mm."

Blick ins Gehirn: Nervenaktivität normalisiert sich

Warum das neue sanfte Behandlungsverfahren das Feingefühl der erkrankten Hand verbessert, konnten die Forscher mittels bildgebenden Methoden bei betroffenen Patienten in Zusammenarbeit mit dem Institut für Radiologie der BG-Kliniken Bergmannsheil (Prof. Dr. Volkmar Nicolas) nachweisen: Die funktionelle Kernspintomographie (fMRI) erlaubt es, von außen die Aktivität von Nervenzellen in der Großhirnrinde zu messen, ohne den Patienten zu belasten. Vor Beginn der Behandlung war die Aktivität der Nervenzellen, die das Feingefühl der betroffenen Hand repräsentieren, deutlich herabgesetzt. Im Laufe der Therapie vergrößerte sich diese Aktivität zusehends und erreichte fast wieder die Größe einer gesunden Hand. "Demnach wurde das Gehirn durch die Behandlung umprogrammiert, weg von der ständigen Schmerzempfindung mit der Folge eines sich entwickelnden ’Schmerzgedächtnisses’, hin zu einer wieder verbesserten Wahrnehmung nicht-schmerzhafter Reize", schließt Prof. Tegenthoff.

Weiterentwickeln und verfeinern

Für die Zukunft erhoffen sich die Bochumer Forscher durch eine breitere Anwendung, aber auch eine Weiterentwicklung und Verfeinerung dieser sanften Behandlungsmethode große therapeutische Fortschritte in der Behandlung des CRPS, aber auch anderer chronischer Schmerzerkrankungen, die mit der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses einhergehen wie z.B. Schmerzen nach Nervenverletzungen, aber auch bei Erkrankungen wie der schmerzhaften Polyneuropathie z.B. bei Diabetikern. Die Studie wurde im Rahmen des Forschungsnetzwerkes "Neuropathischer Schmerz" vom BMBF gefördert (01EM0102).

Titelaufnahme

Pleger, B., Tegenthoff, M., Ragert, P., Förster, A.F., Dinse, H.R., Schwenkreis, P., Nicolas, V., Maier, C.: Sensorimotor retuning in complex regional pain syndrome parallels pain reduction. Ann Neurol 57 (2005) 425-429

Weitere Informationen

Prof. Dr. Christoph Maier, Schmerzzentrum der Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil Bochum, Klinikum der Ruhr-Universität, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum, Tel. 0234/302-6366, E-Mail: christoph.maier@rub.de

Prof. Dr. Martin Tegenthoff, Neurologische Klinik, Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil Bochum, Klinikum der Ruhr-Universität, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum, Tel. 0234/302-3519, E-Mail: martin.tegenthoff@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Berichte zu: Schmerzsyndrom

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Innovative Antikörper für die Tumortherapie
20.02.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Nervenschmerzen zukünftig wirksamer behandeln
20.02.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Im Focus: Sensoren mit Adlerblick

Stuttgarter Forscher stellen extrem leistungsfähiges Linsensystem her

Adleraugen sind extrem scharf und sehen sowohl nach vorne, als auch zur Seite gut – Eigenschaften, die man auch beim autonomen Fahren gerne hätte. Physiker der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Welt der keramischen Werkstoffe - 4. März 2017

20.02.2017 | Veranstaltungen

Schwerstverletzungen verstehen und heilen

20.02.2017 | Veranstaltungen

ANIM in Wien mit 1.330 Teilnehmern gestartet

17.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovative Antikörper für die Tumortherapie

20.02.2017 | Medizin Gesundheit

Multikristalline Siliciumsolarzelle mit 21,9 % Wirkungsgrad – Weltrekord zurück am Fraunhofer ISE

20.02.2017 | Energie und Elektrotechnik

Wie Viren ihren Lebenszyklus mit begrenzten Mitteln effektiv sicherstellen

20.02.2017 | Biowissenschaften Chemie