Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Herzinfarkt: Genetische Untersuchungen tragen zum Aufspüren von Hochrisiko-Patienten bei

04.03.2005


Praktische Anwendung von Forschungsergebnissen der Universitätskliniken Regensburg und Lübeck im nationalen Genomforschungsnetz (NGFN)



In einer neuen Studie der Universitäten Regensburg und Lübeck wurde festgestellt, dass bestimmte Merkmale der Atherosklerose stärker vererbbar sind als andere. So sind Einengungen des Hauptherzkranzgefäßes (Hauptstamm) und der proximalen Abschnitte der grossen Herzkranzgefäße die gefährlichsten Stellen für die koronare Herzerkrankung und scheinen gleichzeitig die höchste Vererbungsrate zu haben. Die Studie "Distinct Heritable Patterns of Angiographic Coronary Artery Disease in Families With Myocardial Infarction" wurde in der neuesten Ausgabe von "Circulation", der wichtigsten kardiologischen Fachzeitschrift, veröffentlicht.



"Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand ist diese Untersuchung die erste, welche die unterschiedlichen Arten der koronaren Herzerkrankung aufteilt und die Bedeutung von Erbfaktoren dem jeweiligen Krankheitsbild zuordnet" schreibt Prof. Dr. Heribert Schunkert, einer der Autoren der Arbeit und Direktor der Medizinischen Universitätsklinik II in Lübeck. "Die starke Vererbbarkeit von bestimmten schweren Erscheinungsformen der koronaren Herzerkrankung, im Besonderen den Engstellen am Hauptstamm der Kranzarterien, kann eine wichtige Bedeutung für die Vorsorge-Untersuchungen von asymptomatischen Verwandten haben."

Prof. Dr. Christian Hengstenberg, ebenfalls Autor der Studie und Kardiologe an der Universitätsklinik Regensburg, der mit seiner Arbeitsgruppe seit vielen Jahren die Genetik von Herzerkrankungen untersucht, hebt die Bedeutung der vorliegenden Arbeit hervor: "Unsere Ergebnisse zeigen erstmalig, dass genetische Faktoren nicht nur das Auftreten der koronaren Herzerkrankung überhaupt, sondern sogar ihre Ausprägung in Form und Stärke wesentlich mitbestimmen. Wir sollten uns angewöhnen, nicht nur den Patienten selbst, sondern auch seine Familie zu betrachten. Weist ein Patient also ein bestimmtes Befallsmuster der koronaren Herzerkrankung auf, zum Beispiel eine schwere Einengung des Hauptstamms, so kann durch einfache Screening-Untersuchungen das Risiko seiner Angehörigen, ebenfalls erkrankt zu sein, recht gut abgeschätzt werden. Und vor allem kann dann noch rechtzeitig reagiert werden! Das wäre dann eine Art Familien-basierte Prävention". Zusätzlich erklärt er, dass die Ergebnisse, wie in diesem Forschungsbereich üblich, zusätzlich in anderen Populationen bestätigt werden müssen.

Genetischer Hintergrund

Einengungen der Herzkranzgefäße und das Auftreten eines Herzinfarktes werden erheblich durch erbliche Faktoren beeinflusst. Bisher wurde jedoch noch nicht untersucht, ob es bestimmte Merkmale der koronaren Herzerkrankung gibt, die in einem besonderen Ausmaß durch genetische Faktoren beeinflusst werden. Diese jetzt veröffentliche Studie ist ein Teil einer 10-jährigen Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Regensberg und Lübeck sowie der Medizinischen Hochschule von Wisconsin in Milwaukee (USA).

Die Forscher untersuchten die Herzkatheterfilme von 882 Geschwistern aus 401 Familien mit koronarer Herzerkrankung. Die Familien wurden dadurch ermittelt, dass der Indexpatient einen Herzinfarkt vor dem 60. Lebensjahr erlitten und mindestens ein Geschwister mit einer schweren koronaren Herzerkrankung gehabt hat. Die Autoren analysierten dann, in welchem Ausmaß verschiedene Aspekte der koronaren Herzerkrankung einer genetischer Steuerung unterliegen. Hierzu gehören vor allem die Schwere der Erkrankung, die Verteilung der Einengungen und das Vorhandensein von Kalkbildung. Anschließend wurden Berechnungen zum Vererbungsgrad mit der Varianzkomponenten-Analyse durchgeführt.

So konnte gezeigt werden, dass die traditionellen Risikofaktoren, wie z.B. das Alter beim Erstereignis, eine erhebliche Erblichkeit aufwiesen. Nach Adjustierung für Alter und Geschlecht wurden starke genetische Einflüsse für ursprungsnah gelegene Engstellen der Herzkranzgefäße, besonders im linken Hauptstamm, für das Vorhandensein von koronaren Verkalkungen und für Erweiterungen der Herzkranzgefäße gesehen. Einengungen der kleineren Gefäßabschnitte, das Muster der koronaren Blutversorgung oder die Anzahl der erkrankten Gefäße wurden weit weniger von genetischen Faktoren beeinflusst.

Berechnet man das Risiko für diese Merkmale der koronaren Herzerkrankung bei Geschwistern der Herzinfarktpatienten, so konnte ihre starke Erblichkeit bestätigt werden.

"Der nächste Schritt ist nun, zu versuchen, diejenigen Gene zu identifizieren, die für die unterschiedlichen Ausprägungsmuster der koronaren Herzerkrankung verantwortlich sind", sagt Prof. Hengstenberg. "Schließlich wollen wir - und das ist der Grund, warum wir diese Untersuchungen machen - diejenigen Gene finden, die eine Veranlagung zur koronaren Herzerkrankung übertragen. Unser Ansatz in dem Gemeinschaftsprojekt der Kardiologien der Universitäten Regensburg und Lübeck besteht darin, zuerst die Krankheit besser zu kategorisieren und anschließend die Krankheitsgene zu identifizieren." Diese Untersuchungen werden unter anderem vom Nationalen Genomforschungsnetz (NGFN) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unterstützt.

Rüdiger Labahn | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-luebeck.de

Weitere Berichte zu: Herzerkrankung Herzinfarkt Herzkranzgefäß

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Proteomik hilft den Einfluss genetischer Variationen zu verstehen
27.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE