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Eine Überlebenschance für Ungeborene: Schlüsselloch-Operationen im Mutterleib

24.02.2005


Eines von etwa 2500 Babys hat ein Loch im Zwerchfell - oft ein Todesurteil. Magen, Leber, Milz und Darm dringen in die Brusthöhle ein und drücken die Lunge zusammen. So ist sie bei der Geburt viel zu klein - manchmal sogar nur kirschkerngroß -, und das Baby kann nicht atmen. An den Universitätskliniken Bonn und Mannheim kooperieren hochspezialisierte Ärzte und Kinder-Pflegeteams, um Ungeborenen mit einer lebensbedrohlichen Zwerchfellhernie durch einen Eingriff schon im Mutterleib das Leben zu retten. Denn nach der Geburt ist es meist für jede Hilfe zu spät.



Es war eine Schwangerschaft ohne Probleme. Doch bei einer zufälligen Untersuchung in der 28. Woche kam der Schock für Ute W. (Name geändert): "Mein Baby hatte ein großes Loch im Zwergfell und eine viel zu kleine Lunge. Damit war seine Chance zu überleben nach Meinung des Kinderarztes Dr. Schaible äußerst gering." Dr. Thomas Schaible und sein Team an der Mannheimer Univsersitäts-Kinderklinik behandeln jedes Jahr zahlreiche Kinder gerade mit dieser Krankheit. Um die Ungeborenen, denen nach Einschätzung der Mannheimer nicht auf herkömmlichen Weg geholfen werden kann, kümmert sich der Bonner Privatdozent Dr. Thomas Kohl, Leiter des Deutschen Zentrums für Fetalchirurgie und minimal-invasive Therapie (DZFT) am Universitätsklinikum Bonn. Er bot der verzweifelten Mutter eine vorgeburtliche Operation an, um die Überlebenschance ihres Kindes zu verbessern. Noch ist ein solcher fetalchirurgischer Eingriff ein Experiment mit ungewissem Ausgang. "Bei der heutigen minimal-invasiven Technik ist jedoch die Gefahr für die Mutter sowie einer Fehl- oder Frühgeburt relativ gering", erklärt Professor Dr. Ulrich Gembruch, Direktor der Klinik für Geburtshilfe und Pränatale Medizin.

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Bisher hat Kohl etwa acht Ungeborenen mit einer lebensbedrohlichen Zwerchfellhernie in der 30. bis 35. Schwangerschaftswoche im Mutterleib behandelt. Bei jedem Kind stimmte die Ethik-Kommission dem vorgeburtlichen Eingriff zu. "Für meinen Mann und mich war klar, wenn wir uns für das Kind entscheiden, dann machen wir alles. Dabei waren wir uns über die Risiken - gerade auch für mich - voll bewusst", sagt Ute W.

Zugang durch ein Schlüsselloch

Bei dem Eingriff führt Fetalchirurg Kohl über eine kleine Öffnung im Bauch der Mutter das Operationsgerät - so dick wie ein Kugelschreibermine - in die Fruchthöhle ein. Das so genannte Fetoskop entwickelte er zusammen mit zwei Feinmechanikern und der Karl Storz GmbH, Tuttlingen, speziell für diesen Eingriff. Vorsichtig tastet sich der Arzt mit diesem - unterstützt durch Kamera und Ultraschall - über die Mundöffnung bis zur Luftröhre des Ungeborenen vor. Dort bläst er einen Mini-Ballon auf, der den Atemkanal verschließt. "Die vorgeburtliche Lunge produziert ständig Wasser, das jetzt über die blockierten Atemwege nicht mehr abfließen kann. Der so aufgebaute Flüssigkeitsdruck regt die Lunge an zu wachsen. So ringen wir um jeden Milliliter Lunge", sagt Kohl. Zwei bis drei Wochen bleibt der Ballon in der Lunge. Das Kind wird über die Nabelschnur mit Sauerstoff versorgt. Bei einem zweiten Eingriff kurz vor der Geburt wird der Ballon wieder entfernt, denn die Atemwege müssen dann wieder frei sein. Während der ganzen Zeit kümmern sich hier in Bonn Gynäkologen, Hebammen und Psychologen intensiv um Mutter und Kind. Das Licht der Welt erblicken die Babys dann am Universitätsklinikum Mannheim. "Nur in Kooperation mit den Mannheimer Spezialisten haben die Kinder die beste Chance zu überleben", sagt Kohl

Ziel ist eine etablierte Therapie

Kohl möchte seinen Eingriff betroffenen Schwangeren aus ganz Deutschland anbieten: "Zur Zeit ist die Zwerchfellhernien-Operation, wie auch die meisten anderen fetalchirurgischen Eingriffe, wegen ihrer Seltenheit ein experimenteller - wenn auch potentiell lebensrettender - Behandlungsversuch. Wenn allerdings das Angebot die meisten betroffenen Schwangeren erreicht, wären pro Jahr bis zu einhundert Eingriffe denkbar. Und nur Studien mit einer solch großen Zahl an Patienten helfen uns bei der Beurteilung, welche und wie viele der Ungeborenen wirklich gerettet werden können. Nur so kann aus dem Experiment ein etabliertes Therapieverfahren werden."

Ute W. machte das geglückte Bonner Experiment ein großes Geschenk - ihr Kind lebt. Der fünf Monate alte Felix (Name geändert) entwickelt sich prächtig. "Jeder Tag, seitdem wir ihn zu Hause haben, ist eine Freude." Felix hat sich gut eingelebt und ist putzmunter. Zur Zeit bekommt er noch Sauerstoff und eine Magensonde hilft ihm, die Nahrung aufzunehmen. Doch auch das wird bald Vergangenheit sein. Zwar würde Felix mit seiner kleinen Lunge niemals Hochleistungssport betreiben können, so Kohl, doch könne er ein normales Leben führen. Und eins fühlt Ute W. tief in ihrem Herzen: "Wir würden uns wieder so entscheiden."

Dr. Inka Väth | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

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