Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Proteine als Infektionserreger?

13.07.2001


Thema in FORSCHUNG FRANKFURT 3/2001:

Übertragbare Hirndegeneration bei Mensch und Tier

Zu den virologisch "unkonventionellen" ZNS-Erkrankungen gehört die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (Creutzfeldt-Jakob-Disease, CJD). Sie beginnt meist im höheren Lebensalter. Neben sporadischen Krankheitsfällen, die weltweit mit einer Neuerkrankungsrate von zirka 1 : 1 Million Einwohner und Jahr registriert werden, konnten "Erkrankungscluster" eindeutig bestimmten, ärztlichen Behandlungsmaßnahmen zugeordnet werden, z.B. der therapeutischen Gabe von Hypophysenextrakten als Wachstumshormon an zwergwüchsige Kinder oder Transplantationen von Hirn- und Augenhornhautmaterial. Da zwischen Infektion und Krankheitsbeginn eine jahre- bis jahrzehntelange Inkubationszeit liegt, ist die Aufdeckung der Krankheitsursache eine außergewöhnliche Leistung der klinisch-epidemiologischen Forschung: Professor Dr. Hans W. Doerr und Privatdozent Dr. Holger F. Rabenau, Institut für Virologie, berichten über eine neue Klasse von Krankheiten und Krankheitserregern.

Ähnliche Erkrankungen des Zentralnervensystems gibt es auch im Tierreich. Seit mehr als 250 Jahren ist die übertragbare Traberkrankheit der Schafe bekannt. Die Tiere leiden unter anderem an einem starken Juckreiz, das zu einem zwanghaften Kratzen führt: Scrapie. Stanley Prusiner und andere Forscher isolierten und reinigten aus den Gehirnen erkrankter Tiere spezielle infektiöse Proteinfibrillen, die als "proteinaceous infectious organism", Prion, bezeichnet werden. Prionen sind autokatalytisch wirksame Moleküle, die unter geeigneten Bedingungen identische Nachkommen-Moleküle herstellen können, indem pathologische Prionproteine (PrPSc) den natürlichen zellulären Prionproteinen (PrPC) ihre jeweilige Struktur "imprägnieren".

Auch der Rinderwahnsinn ist eine Prionenerkrankung. Vakuolige Degenerationsherde verleihen dem Gehirn eine schwammartige Konsistenz - deshalb lautet der wissenschaftliche Name "bovine spongiforme Enzephalopathie" (BSE). Ursache der Epidemie ist vermutlich die Fütterung der Tiere mit Tierkadavermehl, das als (unphysiologisches) "Kraftfutter" dazu beitragen sollte, die Produktionsleistung der Milchkühe zu steigern. Sparmaßnahmen hatten 1980/81 zur Folge, dass das Tiermehl anstatt auf 130 nur noch auf 80 Grad Celsius - zudem zeitlich verkürzt und ohne Lösungsmittel - erhitzt wurde. Vermutlich konnte dadurch eine Prionenvariante, die entweder von den Schafen stammt oder sporadisch in Rindern auftrat, unbemerkt überleben und zum Ausgangspunkt einer Epidemie werden, der bisher über 180.000 Rinder zum Opfer gefallen sind. Seit dem Verbot der Tierkadavermehlverfütterung an Rinder ist die BSE-Epidemie drastisch zurückgegangen.

1996 wurde in England der erste Fall einer atypisch verlaufenden CJD gemeldet. Nach und nach wurden weitere Fälle dieser Krankheitsvariante gemeldet (vCJD): bis Ende Juni 2001 102 Fälle in Großbritannien, drei in Frankreich, einer in Irland und einer in Hongkong (die endgültige Bestätigung dieses Falles steht noch aus). Die oben erwähnten biochemischen und tierexperimentellen Untersuchungen zur Ermittlung der Prionenstammspezifischen Struktur und Infektionsbiologie haben die Übereinstimmung von PrPvCJD mit PrPBSE klar aufgezeigt. Damit werden der Rinderwahnsinn und vCJD durch das gleiche Prionprotein ausgelöst. Englische "worst case"-Berechnungen halten es für möglich, dass bis zu 200.000 Menschen erkranken könnten. Für Deutschland wird das vCJD-Risiko im Vergleich zu Großbritannien auf zirka 1 : 1000 geschätzt, d.h. in Deutschland ist ein Fall auf 1000 vCJD-Fälle in Großbritannien zu erwarten. Solche Berechnungen sind allerdings auf Grund der vielen Einflussfaktoren sehr unsicher.

Die BSE-Epidemie macht es nötig, das ganze System der Massenviehhaltung in Frage zu stellen. Mehr denn je ist die ethische Forderung nach einer artgerechten Tierhaltung und -ernährung human- und veterinärmedizinisch gerechtfertigt. Massenerkrankungen können jederzeit wieder auftreten. Dafür waren Vogelgrippe, Schweinepest und Maul- und Klauenseuche warnende Beispiele. Die Forderung nach artgerechter, biologischer Tierhaltung und -ernährung sind daher ein elementares Recht des Menschen - im eigenen Interesse!

Nähere Informationen: Professor Dr. Hans Wilhelm Doerr oder Privatdozent Dr. Holger F. Rabenau, Institut für Medizinische Virologie, Telefon: 069/6301-5219 oder -5312, Fax: 069/6301-6477, E-Mail: H.W.Doerr@em.uni-frankfurt.de oder Rabenau@em.uni-frankfurt.de

FORSCHUNG FRANKFURT - Wissenschaftsmagazin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M. jaspers@ltg.uni-frankfurt.de

Andrea Teuscher | idw

Weitere Berichte zu: CJD Prion Prionprotein Protein

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Antibiotikaresistenzen durch Nanopartikel überwinden?
15.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik