Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Keine Halskrause beim leichten Schleudertrauma

05.07.2001


Neues Krankheitskonzept sollte Behandlung und Abfindungspraxis verändern

Die Behandlung der leichten, oft aber sehr hartnäckigen und langwierigen Form des so genannten Schleudertraumas mit einer Halskrause sowie die großzügige Abfindungspraxis der Haftpflichtversicherer könnte nach Meinung von Experten bald der Vergangenheit angehören. Da es sich in der Regel wohl nicht um eine Verletzung im Sinne einer strukurellen Schädigung, sondern um eine Muskelfunktionsstörung - eine Überlastung der Nackenmuskulatur - handelt, ist die Immobilisierung durch eine Halskrause sogar eher schädlich und führt dazu, dass sich die Beschwerden manifestieren und chronisch werden. Hilfreicher ist stattdessen ein gutes Schmerzmanagement mit Medikamenten und Eis, die Erlaubnis, sich auszuruhen, ohne dass Ruhe verordnet wird, sowie die Anleitung des Patienten zu maßvoller Aktivität und Bewegung. Das legen die Ergebnisse einer Pilotstudie nahe, die jetzt beim 9. Neuroorthopädie-Symposion in Koblenz vorgestellt wurden.

... mehr zu:
»Schleudertrauma

Gerade nach vermeintlich harmlosen Auffahrunfällen haben Fahrzeuginsassen häufig Schmerzen und Beschwerden im Nacken-, Schulter- und Kopfbereich, die in der Regel erst nach einer schmerzfreien Phase von einigen Stunden einsetzen. Bisher gingen die Experten davon aus, dass diese Symptome durch eine Distorsion - die "Verdrehung" oder Verrenkung eines Gelenkes - mit Schädigung des Band- und Gelenkapparates hervorgerufen würden. Das nicht zu diesem Krankheitskonzept passende so genannte "freie Intervall", also die Zeit zwischen Unfall und Einsetzen der Schmerzen, wurde mit Schock oder Ablenkung des Verletzten erklärt. Den schmerzenden Nacken-Schulter-Bereich ruhig zu stellen, war in diesem Konzept eine folgerichtige Maßnahme. Unerklärlich blieb allerdings, weshalb gerade eine Gruppe von Patienten, die eigentlich nicht schwer verletzt war, langwierige und chronische Beschwerden entwickelte.

Verantwortlich für die Schmerzen und Beschwerden ist wohl eher, so der Neurologe und Psychiater Dr. Bernhard Kügelgen, Leiter des Therapiezentrums Koblenz, eine Dehnung der kleinen Nackenmuskeln. Die Prozesse, die dabei im Muskel ablaufen, sind ganz ähnlich wie beim Muskelkater - der ja in der Regel auch erst am nächsten Tag richtig zu spüren ist. Besonders anfällig sind Personen, deren Nackenmuskulatur untrainiert ist. Verhängnisvoll wird die Sache allerdings erst, wenn diese Muskeln ruhig gestellt werden. Dann entsteht schon nach wenigen Tagen der so genannte Immobilisationsschmerz, der zu weiterer Bewegungseinschränkung führt. Ein Teufelskreis nimmt seinen Lauf. Dr. Kügelgen und seine Frau Cecilija Kügelgen, Krankengymnastin, haben deshalb in ihrer Pilotstudie Patienten, die schon seit längerer Zeit unter massiven Beschwerden meist nach einem Unfall mit Schleudertrauma litten, entsprechend behandelt. Die Patienten erlernten Techniken der Schmerzdistanzierung und der nicht-chemischen Schmerzbekämpfung, so dass die Medikamente nach und nach weggelassen werden konnten, und sie wurden zu Muskeldehnungs- und Muskelkräftigungsübungen angeleitet. Nach einem dreiwöchigen teilstationären Programm und dreimonatiger Nachbehandlung waren fast alle Patienten beschwerdefrei.


Bestätigt wurden diese Befunde im Laufe des Symposions auch von Seiten anderer Fachgebiete, beispielsweise der Sportphysiologie: Aus dem Sport ist bekannt, dass Beschwerden, wie sie auch beim Schleudertrauma auftreten, durch eine reflektorische, exzentrische Kontraktion ausgelöst werden können. Das verzögerte Auftreten des Schmerzes ist geradezu typisch für den "Muskelkater". Dass Schmerzen auch lediglich durch Immobilisierung entstehen können, konnte in Versuchen mit sonst gesunden Versuchspersonen nachgewiesen werden, die sich eine Zeit lang nicht bewegen durften und die im Laufe von wenigen Tagen Schmerzen entwickelten. Das berichtete Professor Dr. Klaus Baum von der Sporthochschule Köln. Er empfahl deshalb ebenfalls, die Schleudertrauma-Patienten nach Ausschließen knöcherner oder neurologischer Schäden früh wieder in Bewegung zu bringen anstatt sie mit einer Halskrause zu immobilisieren.

Das neue Krankheitskonzept wird sich auch auf die derzeitige Entschädigungspraxis auswirken. Bisher wird die Diagnose "Schleudertrauma" noch zu häufig vom erstuntersuchenden Arzt gestellt, und die Haftpflichtversicherer finden zu großzügig ab. So erhalten viele Unfallbeteiligte, die eigentlich gar keinen Schaden erlitten haben, eine Entschädigung, während andererseits Patienten, die sich jahrelang mit massiven Beschwerden quälen, leer ausgehen. Durch ein entsprechendes Frühmanagement der Erkrankung ließen sich einerseits "Simulanten" schneller erkennen und andererseits könnte Schmerz und Leid bei den wirklich Betroffenen verhindert werden. Kurzfristig würde dadurch möglicherweise eine vorübergehende Kostenwelle entstehen, weil zunächst eine ganze Reihe von zu Unrecht abgelehnten Verletzten angemessen behandelt würde, langfristig aber könnte mit einem solchen Vorgehen Geld gespart werden.

Für Rückfragen steht Ihnen
Dr. Bernhard Kügelgen zur Verfügung.

Telefon: 0261/30330-0
Fax: 0261/30330-33
E-Mail:Kuegelgen@gmx.de

Antje Schütt |

Weitere Berichte zu: Schleudertrauma

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt
18.10.2017 | Universität Bern

nachricht Aromatherapie bei COPD
12.05.2015 | Airnergy AG

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aufräumen? Nicht ohne Helfer

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Biotinte für den Druck gewebeähnlicher Strukturen

19.10.2017 | Materialwissenschaften

Forscher studieren molekulare Konversion auf einer Zeitskala von wenigen Femtosekunden

19.10.2017 | Physik Astronomie