Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Erklärung für verbreitete hormonelle Erkrankung bei Frauen?

28.06.2001


Lübecker Studie zu polycystischen Ovarien und psychischen Störungen - Mögliche neurobiologische Wechselwirkungen

Möglicherweise hat eine der häufigsten hormonellen Erkrankungen jüngerer Frauen andere Ursachen als bisher angenommen. Lübecker Mediziner haben eine klinische Studie zum Polycystischen Ovar-Syndrom (PCOS) begonnen, die erstmals klären soll, ob ein Zusammenhang mit psychischen Störungen besteht.
Bei den polycystischen Ovarien kommt es zu einer doppelseitigen Vergrößerung der Eierstöcke auf das Zwei- bis Dreifache, bis etwa Hühnereigröße, durch zahlreiche etwa ein Zentimeter große Zysten. Die Störung, von der etwa 5 bis 7 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind, wird häufig durch Vermännlichungserscheinungen (Androgenisierung), Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit (Infertilität) erkannt.
Durch eine Überproduktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron kommt es zu übermäßiger Körperbehaarung und zu Bartwuchs, zu Akne und zur Glatzenbildung. Etwa 44 Prozent der Frauen mit PCOS sind übergewichtig, zwischen 15 und 20 Prozent erkranken noch vor den Wechseljahren an einer Typ-2-Diabetes. Auch Folgeerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Bluthochdruck und koronare Herzkrankheit sind erheblich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Das Risiko für Gebärmutterkrebs ist vermutlich ebenfalls erhöht.
Das Polycystische Ovar-Syndrom wird vor allem hormonell und mit Blick auf eine Behebung der unmittelbaren Störungen behandelt. Eine ursächliche Therapie ist bislang nicht bekannt.
Auf die Möglichkeit eines durchgreifend neuen Ansatzes sind jetzt Wissenschaftler der Medizinischen Universität zu Lübeck aufmerksam geworden. Es gibt nämlich Hinweise darauf, dass PCOS-Patientinnen häufig auch an schweren Depressionen und an Essstörungen leiden. In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Direktor Prof. Dr. med. Fritz Hohagen) und der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (Direktor Prof. Dr. med. Klaus Diedrich) des Universitätsklinikums Lübeck wird dieser mögliche Zusammenhang erstmals systematisch untersucht. Leiter der Studie "Polycystisches Ovar-Syndrom und psychisches Befinden - Die Rolle von Metabolischem Syndrom und subjektiver Stressbelastung" sind der Gynäkologe Prof. Dr. med. Olaf Ortmann und der Psychiater Priv.-Doz. Dr. med. Ulrich Schweiger.
Eine der Vermutungen ist, dass eine Störung des Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Systems (HPA-Systems), die beim PCOS zu beobachten ist, als ein neurobiologischer Risikofaktor die Entstehung depressiver Störungen bewirkt. Ebenso bestehen eventuell auch zwischen Essstörungen wie der Bulimia nervosa oder der Binge-Eating-Störung und dem PCOS verbindende hormonelle und Stoffwechselmechanismen.
Prof. Ortmann und Dr. Schweiger halten sowohl für möglich, dass Verhaltensveränderungen und psychische Störungen die Entstehung von PCOS begünstigen, als auch, dass PCOS über psychologische oder neuroendokrine Mechanismen zu psychischen Störungen führen kann. Sollten sich die Hypothesen bestätigen, so könnten Stressbewältigung, Lebensführung und Ernährung für eine erfolgreiche Therapie von grundlegender Bedeutung sein.
Die Lübecker Mediziner erwarten von den Untersuchungen zum einen wichtige klinisch-praktische Erkenntnisse, denn der Erfolg verhaltensbezogener Therapiemaßnahmen bei PCOS hängt entscheidend davon ab, ob eine psychische Störung vorliegt. Die Fragestellung ist zudem von erheblicher theoretischer Bedeutung, denn PCOS könnte ein äußerst aufschlussreiches Beispiel dafür sein, welche neurobiologischen Wechselwirkungen zwischen Stoffwechselstörungen und psychischen Funktionen bestehen.

Rüdiger Labahn | idw

Weitere Berichte zu: Essstörung Ovar-Syndrom PCOS

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Gentherapie für seltene Bluterkrankung
18.12.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Carmenes“ findet ersten Planeten

Deutsch-spanisches Forscherteam entwirft, baut und nutzt modernen Spektrografen

Seit Januar 2016 nutzt ein deutsch-spanisches Forscherteam mit Beteiligung der Universität Göttingen den modernen Spektrografen „Carmenes“ für die Suche nach...

Im Focus: Fehlerfrei ins Quantencomputer-Zeitalter

Heute verfügbare Ionenfallen-Technologien eignen sich als Basis für den Bau von großen Quantencomputern. Das zeigen Untersuchungen eines internationalen Forscherteams, deren Ergebnisse nun in der Fachzeitschrift Physical Review X veröffentlicht wurden. Die Wissenschaftler haben für Ionenfallen maßgeschneiderte Protokolle entwickelt, mit denen auftretende Fehler jederzeit entdeckt und korrigiert werden können.

Damit die heute existierenden Prototypen von Quantencomputern ihr volles Potenzial entfalten, müssen sie erstens viel größer werden, d.h. über deutlich mehr...

Im Focus: Error-free into the Quantum Computer Age

A study carried out by an international team of researchers and published in the journal Physical Review X shows that ion-trap technologies available today are suitable for building large-scale quantum computers. The scientists introduce trapped-ion quantum error correction protocols that detect and correct processing errors.

In order to reach their full potential, today’s quantum computer prototypes have to meet specific criteria: First, they have to be made bigger, which means...

Im Focus: Search for planets with Carmenes successful

German and Spanish researchers plan, build and use modern spectrograph

Since 2016, German and Spanish researchers, among them scientists from the University of Göttingen, have been hunting for exoplanets with the “Carmenes”...

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Konfenzreihe in Berlin: Landscape 2018 - Ernährungssicherheit, Klimawandel, Nachhaltigkeit

18.12.2017 | Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Lipid-Nanodisks stabilisieren fehlgefaltete Proteine für Untersuchungen

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Von Alaska bis zum Amazonas: Pflanzenmerkmale erstmals kartiert

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Krebsforschung in der Schwerelosigkeit

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie