Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Krebspatienten leben länger mit modifizierter Immuntherapie

08.12.2004


Gefahrensignale helfen bei der Erkennung von Tumoren



Im Kampf gegen Krebs könnten Viren vom Typ des Newcastle Disease Virus (NDV) möglicherweise wertvolle Dienste leisten. Professor Volker Schirrmacher, Leiter der Abteilung Zelluläre Immunologie im Deutschen Krebsforschungszentrum, erzielte mit einer virusmodifizierten Immuntherapie ermutigende Ergebnisse. In verschiedenen Studien an mehr als 200 Krebspatienten zeigten 28,5 Prozent der immuntherapierten Patienten eine Verbesserung im Langzeit-Überleben im Vergleich zu entsprechenden Patienten ohne Immuntherapie.*



Schirrmacher und seine Kollegen erprobten eine Form der Immuntherapie mit einer so genannten Tumorvakzine, bei der Tumorzellen einem Patienten entnommen, in Zellkultur vermehrt und anschließend mit NDV infiziert werden. NDV ist ein für Menschen ungefährliches Vogelvirus, das sich selektiv in Krebszellen vermehrt, das Wachstum des Tumors hemmt und zudem stimulierend auf das Immun-system wirkt. Solche infizierten Tumorzellen wurden durch Bestrahlung inaktiviert und dem Patienten unter die Haut gespritzt. Die Idee dabei: Dem Immunsystem werden einerseits tumorspezifische Antigene präsentiert, andererseits wirken Komponenten wie doppelsträngige Ribonukleinsäure des Virus als Gefahrensignal. Die Forscher hofften, dass durch das Zusammenwirken der Tumorantigene und der Viruskomponenten ein Lernvorgang im Immunsystem erfolgt. Wenn erneut Tumorantigene auftreten, sollte die körpereigene Abwehr dies als Gefahrensignal interpretieren und eine Kaskade vielfältiger Immunreaktionen gegen den Tumor auslösen können.

Dass dieses Konzept aufgeht, zeigten Schirrmacher und klinische Kollegen durch langjährige Untersuchungen an Patienten mit ver-schiedenen Krebsarten, darunter Darm-, Nieren-, Brust- und Hautkrebs. Eine aktuelle Pilotstudie**, die Schirrmacher zusammen mit Dr. Jochen Karcher, Dr. Gerhard Dyckhoff und Kollegen des Universitätsklinikums Heidelberg unter Leitung von Dr. Christel Herold-Mende durchgeführt hat, unterstreicht diese Ergebnisse einmal mehr: Von 18 operierten Patienten, die einen fortgeschrittenen Tumor im Kopf-Hals-Bereich hatten, waren fünf Jahre nach der Immuntherapie noch 61 Prozent der Patienten am Leben - nach einer Standardbehand-lung sind es 38 Prozent.

Der Erfolg dieser Therapie hängt vermutlich damit zusammen, dass die körpereigene Abwehr der Krebspatienten bereits früher Tumorzellen als "fremd" erkannt hat. Wenn auch ein solcher Kontakt nicht ausgereicht hat, den Krebs in Schach zu halten, so war das Immunsystem offenbar in der Lage, so genannte Gedächtniszellen zu bilden. Die Tatsache, dass solche T-Gedächtniszellen gut reaktivierbar sind, erweist sich als sehr günstig für die Immuntherapie. Zugleich halten sich die Nebenwirkungen in Grenzen: Gelegentlich hatten die Patienten Kopfschmerzen oder leichtes Fieber.

Vergleiche mit Therapien, bei denen andere Tumorvakzinen zum Einsatz kamen, sind nicht direkt möglich, da in vielen Studien die Tumoransprechrate als Wirksamkeitsnachweis zugrunde gelegt wurde. Das bedeutet, es wurde beobachtet, ob die Therapie das Tumorwachstum zum Stillstand brachte oder der Tumor kleiner wurde. Man weiß heute allerdings, dass dies nicht unbedingt mit Überlebensverbesserung gleichgesetzt werden kann. Volker Schirrmacher hegt deshalb keinen Zweifel an seinem eigenen Studien-Konzept: "Es dürfte wohl kaum eine Frage sein, was für den Patienten wichtiger ist: Tumoransprechrate oder Langzeit-Überlebensverbesserung."

* "Clinical trials of antitumor vaccination with an autologous tumor cell vaccine modified by virus infection: improvement of patient survival based on improved antitumor immune memory", Volker Schirrmacher, Cancer Immunol Immunotherapy; Oct. 2004;DOI 10.1007/s 00262-004-0602-0 (springerlink.com)

** "Antitumor vaccination in patients with head and neck squamous cell carcinomas with autologous virus-modified tumor cells", Jochen Karcher et al., Cancer Research, 2004 Nov 1;64(21):8057-61.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat die Aufgabe, die Mechanismen der Krebsentstehung systematisch zu untersuchen und Krebsrisikofaktoren zu erfassen. Die Ergebnisse dieser Grundlagenforschung sollen zu neuen Ansätzen in Vorbeugung, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen führen. Das Zentrum wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF) e.V.

Dr. Julia Rautenstrauch | idw
Weitere Informationen:
http://www.dkfz.de

Weitere Berichte zu: Immunsystem Immuntherapie Krebspatient NDV Tumorzelle Virus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2017

23.02.2017 | Veranstaltungen

Wie werden wir gesund alt? - Alternsforscher tagen auf interdisziplinärem Symposium in Magdeburg

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie