Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn die Angst vor der Angst krank macht

10.11.2004


Psychologen der Uni Münster bieten Sorgenambulanz an



Wird das Geld noch bis zum Ende des Monats reichen? Der Chef mit der Arbeit zufrieden sein? Das Kind auch pünktlich nach Hause kommen? Sich Sorgen zu machen ist normal, doch wenn sich die Gedanken im Kreislauf der Sorgen verfangen, dann kann das massive Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben. Körperliche Auswirkungen werden allerdings selten mit den seelischen Belastungen in Verbindung gesetzt, häufig nur die physischen Symptome behandelt, ohne den Ursachen auf den Grund zu gehen. Die Psychotherapie-Ambulanz (PTA) des Fachbereichs Psychologie der Universität Münster hat deshalb vor einigen Monaten die so genannte "Sorgenambulanz" eingerichtet. Hier werden nicht nur Diagnostik und Einzeltherapien angeboten, sondern erstmals in Deutschland auch Gruppenangebote.

... mehr zu:
»Angststörung


"Nehmen die Sorgen überhand und richten sie sich auch auf eigentliche Belanglosigkeiten, kann das das Leben der Betroffenen deutlich beeinträchtigen", erklärt Dr. Alexander Gerlach vom Psychologischen Institut I. Angst, Anspannung, Ruhelosigkeit, Ermüdung und Konzentrationsschwierigkeiten können die Folge sein. Im Fachjargon wird die Erkrankung als "Generalisierte Angststörung" bezeichnet, da sie nicht auf bestimmte Situationen in der Umgebung beschränkt ist. Auftreten kann sie auch zusammen mit spezifischen Phobien oder depressiven Störungen. Etwa fünf Prozent der Menschen, so schätzen die Psychologen, leiden im Laufe ihres Lebens unter einer generalisierten Angststörung.

Die Diplom-Psychologin Tanja Andor von der PTA untersucht zusammen mit Gerlach im Rahmen psychophysiologischer Studien den Zusammenhang zwischen körperlichen Reaktionen und Sorgen. "Die Patienten berichten subjektiv von physischen Beschwerden, die auf körperliche Übererregung hinweisen. In objektiven physiologischen Messungen lässt sich diese jedoch nicht nachwiesen", so Gerlach. "Deshalb untersuchen wir" erklärt Andor, "ob sich die Patienten als übererregt erleben, weil sie über eine besonders sensible Körperwahrnehmung verfügen. Dies könnte wiederum dazu beitragen, dass sie sich immer wieder neu in Sorgen verstricken." Dieser noch wenig erforschte Zusammenhang zwischen Wahrnehmung von Erregung und Sorgen wird aktuell untersucht.

Anders als andere Angststörungen, die wie Angst vor Höhen oder Panikattacken von den Betroffenen als behandlungsbedürftiges Problem erkannt werden, wird das Sorgen häufig nicht als Krankheit, sondern als zur Persönlichkeit gehörend empfunden. Es sind ja keine ungewöhnlichen Sorgen, sondern Probleme, die jeden belasten: Familie, Gesundheit, berufliche Entwicklung. "Doch bei einer generalisierten Angststörung nehmen Häufigkeit und Intensität deutlich zu", erklärt Gerlach. Während es normal sei, dass eine Mutter sich sorge, wenn ihr Kind eine ganze Stunde Verspätung habe, sei Unruhe bei fünf Minuten Verspätung eher ungewöhnlich.

Doch die Erfolgsaussichten bei einer Therapie sind gut. Bei rund 65 Prozent aller Betroffenen können die Symptome vollständig und nachhaltig abgebaut werden. Die Patienten lernen, erfolgreiche Strategien anzuwenden, um Ängste zu überwinden. Betroffene haben häufig wenig Vertrauen in ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen. Dieses wird im Rahmen der Therapie gestärkt. Auch Überzeugungen zu Vor- und Nachteilen des Sorgens tragen zur Problematik bei und müssen verändert werden. Mit gezielten Entspannungsübungen wird zudem der berichteten Anspannung und Ruhelosigkeit begegnet.

Patienten mit generalisierter Angststörung überschätzen häufig Risiken. "Sie bleiben in der Vorstellung einer Katastrophe stecken und denken Situationen nicht zu Ende", erklärt Gerlach. "Wir helfen ihnen, ihre Sicht von der Welt wieder geradezurücken und einen realistischeren Ausblick auf die Zukunft zu gewinnen". Das kann in etwa 25 Einzeltherapiestunden oder knapp 20 Gruppen-Doppelsitzungen mit rund sechs Teilnehmern passieren. "Die Auseinandersetzung mit den eigenen Problemen und denen der anderen Gruppenteilnehmer hat einen positiven Effekt. Neben der beruhigenden Erfahrung, nicht der einzige Mensch zu sein, dem die Sorgen über den Kopf wachsen und der Unterstützung benötigt, können die Patienten von Erfolgen der anderen Gruppenmitglieder profitieren und diese auf eigenen Probleme übertragen", so Andor. "Zudem kann Vertrauen in die eigene Kompetenz aufgebaut werden, wenn man hilft, Lösungen für andere zu entwickeln."

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.sorgenambulanz.de

Weitere Berichte zu: Angststörung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mikrobiologen entwickeln Methode zur beschleunigten Bestimmung von Antibiotikaresistenzen
13.02.2018 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Überschreiben oder Speichern? Die Gewissensfrage zur Vergesslichkeit
13.02.2018 | PhytoDoc Ltd.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer 3D Portrayal Service Standard veröffentlicht

20.02.2018 | Informationstechnologie

Die GFOS stellt auf der HMI aus: Mit gfos.MES in Richtung Industrie 4.0

20.02.2018 | HANNOVER MESSE

ZUKUNFT PERSONAL SÜD & NORD: Workforce Management - der Mensch im Mittelpunkt der zukünftigen Arbeitswelt

20.02.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics