Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Orakel im Mikrosatellit

08.11.2004


Dr. Peter J. Wild von der Universität Regensburg sucht Wege, um die Therapieplanung von Brustkrebspatientinnen besser zu gestalten. Nun wird er mit einem Stipendium der Novartis-Stiftung ausgezeichnet



Für die Patientinnen wäre es ein Segen: Wenn Mediziner wüssten, welche Frauen mit Brustkrebs auf eine Chemotherapie oder ein anderes Verfahren erfolgreich ansprechen, könnte man die Behandlung sinnvoller einsetzen - und umgekehrt vielen Betroffenen die belastende Therapie ersparen. Tatsächlich hat Dr. Peter J. Wild vom Universitätsklinikum Regensburg in den Tumorzellen der Patientinnen bestimmte Erbgut-Sequenzen entdeckt, die sich als das gesuchte molekulare Orakel erweisen könnten. Für seine Arbeiten bekommt der angehende Pathologe ein Graduierten-Stipendium der Nürnberger Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung.

... mehr zu:
»Chemotherapie »Tumorzelle


Brustkrebs ist in den westlichen Industrieländern der häufigste bösartige Tumor unter der weiblichen Bevölkerung. Allein in Deutschland erkrankt alle elf Minuten eine Frau. Derzeit fordert der Tumor jährlich rund 20.000 Todesopfer - trotz Operationen und "adjuvanter" Behandlungen wie Chemo- oder Strahlentherapie. Wie sich ein Tumor nach der Diagnose und der Behandlung entwickeln wird, "können wir bis heute nicht einwandfrei vorhersagen", sagt Wild. Dank der Fortschritte in der molekularen Biologe verfolgen Forscher allerdings neue Konzepte. So sind inzwischen viele Gene und andere Sequenzen im Erbgut bekannt, die sich bei der Krebsentstehung und beim Fortschreiten eines Tumors verändern. Manche werden überaktiv, andere ausgeschaltet, bei wieder anderen ist die Art der Veränderung noch weitgehend unbekannt.

Wild und seine Kollegen haben die Gewebeproben von fast 40 jungen Frauen mit weit fortgeschrittenem Brustkrebs auf genetische Unregelmäßigkeiten hin untersucht. Alle diese Patientinnen wiesen bereits Tochtergeschwülste in Lymphknoten oder im restlichen Körper auf und unterzogen sich einer so genannten Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Übertragung von Blutstammzellen ("Knochenmark-Transplantation"). Diese härteste Form der Chemotherapie gilt in der Brustkrebs-Behandlung als umstritten. Dabei behandeln die Ärzte die Patientinnen zuerst mit extrem hoch dosierten Zellgiften - in der Hoffnung, wirklich alle Krebszellen zu vernichten. Weil danach auch das Knochenmark und somit die Blutbildung der Frauen zerstört ist, bekommen sie zuvor isolierte, körpereigene Blutstammzellen gespritzt, die das Knochenmark neu aufbauen. Aber die Ergebnisse enttäuschen: Die dramatische Prozedur verheißt den meisten Frauen keine verbesserten Überlebenschancen. "Einigen Patientinnen", erklärt Wild, "könnte die Behandlung allerdings zu einem langen krankheitsfreien Leben verhelfen." Nur welchen? Und welchen nicht?

Tatsächlich zeigte sich in den bislang untersuchten Gewebeproben, "dass die Therapie vor allem dann sinnlos ist, wenn die Erbsubstanz in den Tumorzellen ganz bestimmte instabile "Mikrosatelliten" aufweisen." Derlei Abschnitte finden sich im Erbmolekül DNA mehr oder weniger regelmäßig. Die Wissenschaftler vermuten, dass sie an der Regulation unter anderem von Genen beteiligt sind, die das Krebswachstum steuern. Die instabilen Mikrosatelliten könnten vorhersagen, welchen Frauen man auch eine normal dosierte Chemotherapie "lieber erspart, weil sie nichts bringen würde", sagt Wild. In den untersuchten Gewebeproben war das bei knapp einem Drittel der Fall. Den betreffenden Patientinnen könnten die Ärzte dann andere neue Optionen anbieten - beispielsweise die so genannte Therapie mit Antikörpern

Doch erst muss das Regensburger Team den Wert der Mikrosatelliten als Orakel in größeren Untersuchungen mit mehr Patientinnen und Gewebeproben beleuchten - um den Frauen auch wirklich sichere Prognosen bieten zu können. Sollten sich die ersten Resultate bestätigen, erklärt der angehende Pathologe, "hätte die Brustkrebsmedizin einen großen Schritt nach vorne gemacht."

Philipp Kressirer | idw
Weitere Informationen:
http://www.novartispharma.de
http://www.novartis.de

Weitere Berichte zu: Chemotherapie Tumorzelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften