Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zertifizierung antibakterieller Berufskleidung

06.10.2004


Sicherheit in der Anwendung durch biologische Prüfungen und Nachweise der Wirksamkeit



Dr. Dirk Höfer, Kompetenzzentrum Medizintextilien an den Hohensteiner Instituten in Bönnigheim

... mehr zu:
»ISO


Immer mehr Hersteller von Berufskleidung ergänzen ihre Kollektionen um antibakterielle Textilien. Sie sprechen damit vor allem Kunden aus hygienesensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen und der Lebensmittelbranche an.

Dass die Kleidung von Ärzten und Pflegekräften, ebenso wie die von Mitarbeitern in Lebensmittel verarbeitenden Betrieben, bei der Übertragung gefährlicher Krankheitserreger eine entscheidende Rolle spielen kann, ist unbestritten. Antibakterielle Ausrüstungen sind deshalb bei der Vermarktung hochwertiger Berufskleidung ein schlagkräftiges Verkaufsargument. Das gilt besonders dann, wenn die Wirksamkeit belegt ist, d. h. anhand praxisnaher Untersuchungen von neutraler Stelle zweifelsfrei bewiesen wurde. Andererseits wirft der Begriff "antibakteriell" insbesondere beim Träger zwangsläufig Fragen nach der Hautverträglichkeit solcherart ausgerüsteter Textilien auf.

Auch handfeste rechtliche Gründe, u. a. der § 30 des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes, zwingen zum Ausschluss gesundheitlicher Risiken innovativer Textilien. Demnach dürfen Nutzer textiler Produkte die Sicherheit in der Anwendung erwarten, so dass eine Gesundheitsgefährdung ausgeschlossen werden kann. Verlangt der Arbeitgeber das Tragen definierter Berufskleidung oder stellt diese sogar zur Verfügung, muss er im Rahmen der Sorgfaltspflicht gegenüber seinem Arbeitnehmer die Unbedenklichkeit sicherstellen.

Aus diesem Grund werden an den Hohensteiner Instituten validierte Testmethoden entwickelt und angeboten, um die biologische Sicherheit und Wirksamkeit von antimikrobiell ausgerüsteten Textilien wissenschaftlich objektiv zu bewerten. Kernfrage dieser Tests ist die Risikoabschätzung, d. h. ob und wie eine Beurteilung der biologischen Effekte derartiger Textilausrüstungen am Menschen getroffen werden kann, welchen Nutzen die Materialien dem Träger bieten und ob dieser Nutzen ohne zusätzliche Risiken für den Träger erreicht wird.

Wirksamkeitstests als Qualitätsnachweis

Zur quantitativen Erfassung der Reduktion von Keimen durch antimikrobielle Textilien haben sich Testsysteme etabliert, welche diesen Vorgang spezifisch erfassen. Mit Hilfe von Suspensionstests wie dem JIS 1902:2002 kann der in vitro maximal erreichbare "Wirkungsgrad" der ausgerüsteten Textilien als Wachstumshemmung von Testkeimen erfasst werden. Auf diesem Weg kann bei der Produktentwicklung die antimikrobielle Wirkung verschiedener Materialien miteinander verglichen, und vom Hersteller im Hinblick auf die Marktreife eine Selektion vorgenommen werden. Die nachgewiesene antimikrobielle Wirkung von Textilien dokumentieren die Hohensteiner Wissenschaftler mit einem Zertifikat, das sich als neutraler Qualitätsnachweis etabliert hat und bei Entscheidern und Einkäufern einen hohen Stellenwert genießt. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, auch die antimikrobielle Wirkung des textilen Materials nach 50 Aufbereitungszyklen von den Hohensteiner Spezialisten überprüfen und zertifizieren zu lassen. Der neutrale Beleg, dass ein Produkt über die gesamte Nutzungsdauer hinweg die zugesicherte Funktion erfüllt, ist ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Anschaffung antimikrobieller Textilien.

Biologische Sicherheitsprüfungen an Haut-Testsystemen

Basis für die biologischen Sicherheitsprüfungen von Textilien bildet die EN ISO 10993 zur biologischen Beurteilung von Medizinprodukten. In ihr sind, abhängig von der Art des Körperkontaktes und der Kontaktdauer, festgelegt, welche Risikoanalysen durchgeführt werden müssen und welche Testmethoden dabei herangezogen werden dürfen. Im einzelnen werden die Zytotoxizität (Gewebeverträglichkeit) sowie das Sensibilisierungs- und Irritationspotenzial untersucht.

Zytotoxizität

Im Hinblick auf die Gewebeverträglichkeit von antimikrobiell ausgerüsteten Textilien muss insbesondere untersucht werden, ob sich durch das übliche Trageverhalten potenziell zellgiftige Substanzen aus dem Material herauslösen lassen. Beim Zytotoxizitätstest nach EN ISO 10993 wird dazu mit Hilfe künstlicher Schweißlösung ein Extrakt aus dem Textil erstellt. Dessen Wirkung auf aus der menschlichen Oberhaut stammenden L 929 Fibroblasten und HaCaT Keratinozyten gibt Aufschluss über möglicherweise zellgiftige Inhaltsstoffe. An den Hohensteiner Instituten wurde so u. a. auch die biologische Unbedenklichkeit von Textilien untersucht, die mit Silber ausgerüstet sind und bei der Behandlung von Neurodermitiskranken eingesetzt werden.

Irritation

Ein klassischer Test zur Ermittlung des Entzündungspotenzials einer Substanz ist der Draize-Test, bei dem einem Versuchstier die zu überprüfende Substanz auf die Bindehaut des Auges getröpfelt wird, um mögliche Irritationen feststellen zu können. Als Alternative zu diesem Tierversuch bietet sich der wissenschaftlich anerkannte Hühnerei-Test an der Chorioallantois-Membran (HET-CAM) an. Dieser ist u. a. vom European Centre for the Validation of Alternative Methods (ECVAM) validiert. Genauso zuverlässig wie beim Tierversuch lässt sich durch die Beobachtung der Blutgefäße des behandelten Eis das irritierende Potenzial von Substanzen, die aus dem textilen Material herausgelöst werden können, feststellen. Neben dem Zytotoxizitätstest bietet auch der HET-CAM Test daher ein entscheidendes Sicherheitsplus für die Anwendung antimikrobieller Textilen.

Fazit

Mit neuen biologischen Testsystemen lassen sich Wechselwirkungen zwischen Textil und Haut wissenschaftlich exakt erfassen und Nutzungs- und Gefahrenpotenziale erkennen und beurteilen. Die Methoden können als Sicherheitsprüfungen für antimikrobiell ausgerüstete Textilien herangezogen werden.

Kontakt:
Hohensteiner Institute
Kompetenzzentrum Medizintextilien
Dr. Dirk Höfer
Schloss Hohenstein
D-74357 Bönnigheim
Telefon: 07143 271-432
E-Mail: d.hoefer@hohenstein.de

Rose-Marie Riedl | idw
Weitere Informationen:
http://www.hohenstein.de

Weitere Berichte zu: ISO

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die bestmögliche Behandlung bei Hirntumor-Erkrankungen
28.03.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Demenz: Forscher testen Wirkstoffe im Hochdurchsatz
28.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Warum der Brennstoffzelle die Luft wegbleibt

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chlamydien: Wie Bakterien das Ruder übernehmen

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Sterngeburt in den Winden supermassereicher Schwarzer Löcher

28.03.2017 | Physik Astronomie